Olympia

Ein Curler, der alles verändertAmerikas gute ICE-Könige zerstören Cortinas Olympia-Märchen

10.02.2026, 00:10 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
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Korey Dropkin schenkt dem Curling ungeahnte Emotionen. (Foto: IMAGO/UPI Photo)

Es wird nichts mit der Titelverteidigung: Italiens heimliche Olympia-Helden scheitern im Curling-Mixed dramatisch an den USA. Cory Thiesse sorgt für ein spektakuläres Finish in einem mitreißenden Duell.

Um 19.41 Uhr wussten die italienischen Fans, dass ihr Märchen vorbei ist. Dabei hatte wenige Minuten zuvor noch alles so verdammt gut ausgesehen. Stefania Constantini, die Olympiasiegerin von 2022, das Mädchen aus Cortina d'Ampezzo, hatte die kleine Halle in glühende Ekstase versetzt. Im siebten End des Mixed-Halbfinals hatte sie den letzten Curling-Stein mühelos im Haus untergebracht. Das zuvor einige Male verzweifelte Italien hatte gnadenlos zurückgeschlagen. Constantini und ihr Mixed-Partner Amos Mosaner bekamen drei Punkte und lagen vor dem letzten End gegen das amerikanische Duo Cory Thiesse und Korey Dropkin vorne (8:7).

Das Stadio olimpico del ghiaccio tobte. Man kann sich das in Deutschland vielleicht nicht vorstellen, aber Curling ist hier eine heiße Party. Hier wird auf den Tribünen getanzt, gefeiert, gelitten. Curling ist das Schach des Winters mit Apres-Ski-Charakter. Hier spielen die Helden im Schatten der großen Namen, der großen Dramen.

Ein Showman und ein Eisblock

Dabei schreiben sie selbst welche. Achtes End, Powerplay. Einmal im Spiel darf eine Mannschaft diese Variante wählen. Das Feld ist offen, die Chance auf mehrere Punkte im End hoch. Die Italiener hatten ihren Joker gezogen, er brachte ihnen die drei Punkte. Nun lag es an den Amerikanern nachzuziehen. Constantini und Mosaner überlegten sich was, Thiesse und Dropkin zogen nach. Auf einen wuchtigen Abräumer von Mosaner folgte ein sensationeller Stein von Dropkin. Der größte Showman der Sportart pushte sich und das Publikum. Nur seine Teamkollegin ließ er in Ruhe. Thiesse ist entscheidenden Momenten ein Eisblock, wie Nationalcoach Phil Drobnick später in der Mixed Zone erklärte. Kaum ein Curler, männlich oder weiblich, kann sich so fokussieren.

Aber bevor Thiesse den letzten Stein hatte, war Constantini nochmal dran. Am Vormittag hatte sie eine gigantische Leistung aufs Eis gelegt. Im letzten Spiel der Vorrunde (Round Robin) hatten sie ebenfalls gegen das US-Team gespielt. Die 26-Jährige, die sie hier lieben, die ein Star in Italien ist, hatte ein Spiel gespielt, das die Welt verzauberte. Mit 2:0 Steinen lagen die USA im End vorne, dann kniete sich Constantini hin, war ganz bei sich und drehte den Curling-Planeten auf links. Plötzlich lagen vier italienische Steine näher am Tee, dem entscheidenden Punkt in der Mitte des "House". Der Arena drohte ein Rückfall in alte Zeiten. Curling drohte in Cortina eine Freiluftveranstaltung zu werden. Doch das Dach hielt gerade so stand.

Zum Glück fliegen keine Chianti-Flaschen mehr

Das Stadion hat eine lange olympische Vergangenheit. Es war für die Spiele 1956 gebaut worden. 12.000 Zuschauer passten damals hinein. Ein Dach gab es nicht. Das wurde Anfang der 2000er nachgerüstet, die Kapazität deutlich reduziert. "Nur" noch 2700 Leute finden nun Platz. An der heißblütigen Atmosphäre, die das Stadion versprühen kann, hat sie nichts eingebüßt. Auch wenn hier, beim Gentleman-Sport Curling, keine Zitronen, Orangen und Chiantiflaschen mehr aufs Eis fliegen. So wie damals, 1956, als die deutsche Eiskunstläuferin Marika Kilius, gerade einmal 12 Jahre jung, mit ihrem Partner Franz Ningel vom Kampfgericht lediglich auf Platz vier gesetzt wurden. Die wütenden Zuschauer hatten damals ungewohnte Wege gewählt, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Wut ist keine Kategorie im Sport. Nicht die Wut auf den Gegner. Curler kommen ohne Schiedsrichter aus. Wenn ihnen ein Fehler unterläuft, dann zeigen sie das sofort an. Wie Dropkin, der einmal beim Wischen gegen einen italienischen Stein gekommen war. Steine schieben und das Eis zu Wasser wischen, dabei noch strategisch denken, mal gefühlvoll spielen, mal robust. Curling ist eine faszinierende Sportart. Auf mentalem und körperlichem Höchstniveau. Irgendwo im Jenseits der Spiele versteckt. Die Prime-Time-Spots belegen andere Disziplinen. Woran das liegt? Vielleicht daran, dass der Sport generell zu brav ist. Zu unemotional. Einer, der das ändern will und kann, ist Korey Dropkin.

Der sanfte Hammer schlägt zu

Um 19.42 Uhr liegt der Stein in den Händen von Cory Thiesse. Wie in jedem End spielt die Frau zuletzt. Dropkin steht mit dem Wischer bereit, um den nötigen Wasserfilm zu erwischen. Die USA wollen nicht einen Punkt, sie wollen zwei. Sie wollen den Sieg ohne Extra End, ohne Verlängerung. Sie haben den sogenannten Hammer, den letzten Stein. Aber in Thiesses eiskalten Händen ist dieser Stein kein Draufhauwerkzeug, sie lässt das fast 20 Kilogramm schwere Spielgerät losgleiten. Dropkin wischt sich ein letztes Mal die Seele aus dem Leib. Perfekt. Sie finden die "buona linea", die doch sonst Constantini vorbehalten ist, der Präzisionsmeisterin. Aber dieses Mal muss sie zuschauen, wie die "buona linea" ihren Stein aus der Wertung schubst, Amerika ist zweimal näher dran. End. Und Sieg.

Amos und sie, hadert derweil Constantini, hätten einfach zu viele Fehler gemacht. Wie im vierten End, als sie mit einem Stein bitter hängenbleibt. Das eröffnet den USA die Chance auf drei Steine, sie schnappen zu. "Whats, up", brüllt Dropkin, längst heißgelaufen. Constantini sucht nach der "buona linea", nach der "perfetta linea", sie findet sie noch einige Mal, zu selten. Am Vormittag hatte sie die Steine noch mit 89 Prozent dorthin gebracht, wo sie sie hin haben wollte. Am Abend sind es nur noch 75 Prozent. Das reicht gegen Amerikaner in Fast-Perfektion nicht. Sie erzielen eine Präzisionsquote von 94 Prozent. Mehr geht kaum.

Italien weint mit Constantini und Mosaner, der seinen Wischer am liebsten in zwei Teile schlagen würde. Und die US-Fans, es sind nicht wenige, tanzen mit Dropkin. Der flext die Muskeln, der fährt wilde Pirouetten auf dem Eis. Der 30-Jährige ist der Posterboy des Sports. Muskulöser Emotions-Curler und Vollzeit-Immobilienmakler. Ein Typ, den das Curling dringend braucht. Einer, über den man spricht. Der im Spiel mal "yeah baby" schreit, oder auch ein "fuck" über seine Lippen kommen lässt. Weil die Spielerinnen und Spieler verkabelt sind, kann man alles mithören. Dropkin ist einer, über den sie reden, wie sie einst über den Norweger Thomas Ulsrud geredet haben, das Fitnessmonster mit der Herzchenhose, das 2018 die Spiele in Pyeongchang aufmischte. Über ihn sagten sie, sein Oberkörper sei "zerklüfteter als ein norwegischer Fjord". Ihm selbst gefiel das, er machte Fotos in roten Unterhosen.

"Warum sollen wir nicht zeigen, dass wir angepisst sind?"

Curling muss nicht direkt die Extreme bedienen, um aufzufallen, aber raus aus der Zurückhaltung tut dem Sport gut. "Warum sollen wir Curler nicht zeigen dürfen, wenn wir uns freuen oder wenn wir angepisst sind?", fragt Dropkin, als es um seine extrovertierte Art geht, die ihm den Vorwurf einbrachte, respektlos zu sein. Das mag er nicht. Er weiß darum, dass der Tanz mit der Extraversion ein schmaler Grat ist. Aber es gehe darum, die Halle zu animieren, Energie zu ziehen. "Wenn wir neue, wenn wir junge Zuschauer für uns gewinnen wollen, dann brauchen wir Typen. Typen wie Korey", sagt Coach Drobnick. Und wie Thiesse.

In den USA nennen sie das Duo "FIRE & ICE". Es sind die gute ICE-Könige, die willkommenen. Hier in den Bergen haben die anderen, die ICE-Beamten der umstrittenen Einwanderungsbehörde eh nichts zu suchen. Sie haben den Ärger um ihre Anwesenheit zum Schutz von US-Vizepräsident JD Vance in Mailand erlebt. Da eskalierten Proteste. Dropkin und Thiesse sind nicht gemacht, um sich an ihnen abzuarbeiten. Sie wollen dem Sport große Momente schenken. Er als Vulkan, sie als "Shotmakerin". Sie sei "clutch", sagt Dropkin über seine Partnerin. Wie Kobe Bryant früher oder Caitlin Clark. Thiesse sei eine, die den letzten Wurf nimmt - und trifft. Als er in der Mixed Zone über sie spricht, die nun die erste amerikanische Curling-Medaillengewinnerin bei Olympischen Spielen ist, kommen ihm vor Rührung die Tränen. Ein weinender Posterboy? Das ist eine Geschichte für die US-Medien.

Und sie ist noch nicht zu Ende geschrieben. Am Dienstagabend (18.05 Uhr) geht's um Gold. Gegen Schweden. Das überraschend das beste Team des Turniers, die Briten, deutlich rauswarf. In Italien wollen die beiden Amerikaner ihre Geschichte zu Ende bringen. Denn mit den Spielen 2006 in Turin fing das Feuer für Curling in den Beiden an zu brennen. Damals holten die US-Männer Bronze. Italien dagegen hat nun noch die Chance auf Bronze, auf ein Mini-Märchen. Die Hoffnungen von Cortina liegen auf ihrem Mädchen.

Quelle: ntv.de

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