Olympia

Der 100-Meter-Sprint Die Faszination für eine verlogene Welt

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Gut gegen Böse?

(Foto: imago/Belga)

Es ist stets der Höhepunkt der Olympischen Spiele: der 100-Meter-Lauf der Männer. Dabei ist das Duell der Giganten oft ein dreckiges. Fast alle großen Helden der Vergangenheit steckten tief im Doping-Sumpf. Ein neuer Held macht nun wieder mal Hoffnung auf eine bessere (Sprint)-Welt.

Die Faszination der Olympischen Spiele lässt sich für viele Menschen an vielen auf der Welt in knapp unter zehn Sekunden pressen. In jene zehn Sekunden, in denen die acht schnellsten Männer der Welt den allerschnellsten Mann der Welt küren. Die anderen 338 Entscheidungen, die in den 16 olympischen Tagen ausgetragen werden, sind oft nur schmückendes Beiwerk. Ganz egal, wie emotional und dramatisch sich die Heldengeschichten auf dem Wasser, im Wasser, in der Turnhalle auf dem Parkett oder auf den Tracks auch erzählen.

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Der größte Entertainer, den der Sprint je hatte.

(Foto: REUTERS)

Wenn sich das Drama um die acht schnellsten Männer der Welt verdichtet, dann ist eben alles vergessen, dann verzwergt sich die Welt auf jene knapp zehn Sekunden zwischen Startblock und Ziellinie. Wobei das nicht ganz stimmt, der kurze Kampf der Giganten ist in den vergangenen Jahren zur Mega-Show geworden. Wegen Usain Bolt. Der Jamaikaner hat aus der ewigen Begeisterung für den Sprint eine unerreichte Bewunderung gemacht. Bolt, das war nicht nur acht Mal olympisches Gold. Bolt, das war auch gnadenloses Entertainment. Es war ein schmaler Pfad zwischen Belustigung der Massen und Lustigmachen über die Gegner. Nicht jeder mochte es. Zugeschaut haben aber doch alle. Und geschwiegen. Im Stadion. Vor dem Fernseher. Es war die Stille vor dem Sturm. Es war oft die Stille vor dem Bolt-Sturm. Er war der Star. Er war das, was für viele die Olympischen Spiele waren.

Und wegen des jamaikanischen Superstars war der Sprint in den vergangenen Jahren, unter anderem auch bei Weltmeisterschaften, nicht mehr bloß eine Highspeed-Schlacht mit brutaler Athletik in zehn Sekunden, sondern eine gewaltige Inszenierung, die zwischen 30 und 45 Minuten dauerte. Die Ankunft der Athleten im Stadion, das Einstellen der Startblöcke, die ersten kleinen Anläufe zum Warmwerden, das alles wurde live festgehalten. Die Sportler, die ihre Wettbewerbe parallel austragen mussten, sie hatten Sendepause. Im Wortsinn. Alles richtete den Blick auf dies zweibeinigen Rennpferde, die zwischen hypernervös und ultracool changieren. Einen Typ, der normal ist, der hatte es in diesem Feld schwer, wenn es in diesem Feld überhaupt gab.

Die große Leere nach Usain Bolt

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Eine auf ewig gesetzte Zeit?

(Foto: REUTERS)

Aber niemand verstand das Spiel mit dem Publikum so perfekt wie Bolt. Seine Grimassen, die über die großen Leinwände im Stadion gezeigt wurden, waren fast so legendär wie seine Läufe. Bolt ist Geschichte. Der Größte, den dieser Sport je hatte, hat bereits vor vier Jahren aufgehört. Dabei war sein letzter Lauf ein unwürdiger für den Weltrekordmann, dessen Fabelzeit von 9,58 Sekunden womöglich auf ewig unerreicht bleibt. Bei der WM 2017 brach er die Staffel auf der Zielgeraden ab, ein Muskel hatte zugemacht. Bolt, der Unangreifbare, war doch noch verletzlich geworden. Er war längst nicht mehr der, der er zwischen 2008 und 2012 war, als er den Sprint auf eine surreale, für manche Beobachter auch verdächtige (aber nie bewiesene) Weise dominiert hatte. Selbst seine beim Doping erwischten Kontrahenten waren meilenweit entfernt.

Justin Gatlin etwa, der ungeliebte Bösewicht aus den USA. Der Wiederholungstäter der unerlaubten Leistungssteigerung. Oder auch Tyson Gay, ebenfalls USA. Ebenfalls ein überführter Doper. Der daraufhin seinen Trainer Jon Drummond beschuldigte, der für acht Jahre gesperrt wurde. Und selbst für eine der absurdesten Szenen der Sprinthistorie sorgte, als er, Drummond, sich bei der WM 2003 erfolglos gegen seine Disqualifikation nach einem Fehlstart wehrte, indem er sich streikend auf die Bahn legte und die Wettbewerbe um fast eine Stunde verzögerte.

Aber Doper, die hatte Bolt übrigens auch im eigenen Team: Asafa Powell, Nesta Carter und Yohan Blake, der immer noch zweitschnellste Mann der Geschichte. Hinter Bolt. Nun werden neue Helden gesucht. Gatlin rennt zwar noch, aber nicht mehr schnell genug, um nach Tokio reisen zu dürfen. Auch Blake ist noch dabei, aber in diesem Jahr ebenfalls nicht in guter Verfassung gewesen.

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Christian Coleman verpasste mehrere Doping-Kontrollen.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Weltmeister Christian Coleman aus den USA wäre ein Mann gewesen, der für die Nachfolge von Bolt taugt. Ein Großmaul, ein Typ. Aber Coleman hat mehrere Doping-Kontrollen verpasst. Sperre bis November 2021. Anderer Kandidat für eine Helden-Story: Alex Wilson aus der Schweiz. Phänomenale Zeit direkt vor den Spielen (9,84 Sekunden), die aber wegen Problemen mit der Zeitnahme nicht als Europarekord anerkannt wurde. Und dann kam auch noch die Dopingsperre wegen eines positiven Befunds aus dem März. Der gebürtige Jamaikaner führte das Ergebnis "auf den Konsum von kontaminiertem Fleisch" zurück.

Eine lange Liste von großen Sündern

Die Faszination für die schnellen Männer, sie ist eben auch eine Faszination für eine verlogene Welt. Die Liste der Sünder ist lang. Der legendäre Carl Lewis steht drauf. Sein einst großer Kontrahent Ben Johnson sowieso. Legendär ist das Duell der Beiden bei den Spielen 1988 in Seoul. Johnson gewann damals in der aberwitzigen Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden. Es war ein Triumph voller Zweifel. Es waren Zweifel, die nach wenigen Tagen in einem der größten olympischen Doping-Skandale endeten. Weitere prominente Namen auf der Liste der Betrüger: Dennis Mitchell und Tim Montgomery (beide USA) oder aber die britische Sprintlegende Linford Christie. Gleich zweimal wurden ihm verbotene Substanzen nachgewiesen, nur einmal wurde er vom Weltverband gesperrt (1999 war das).

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Legende auf der Bahn und wegen der Brille: Ato Boldon.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Nicht gesperrt wurde Ato Boldon, der Mann mit der legendärsten Sonnenbrille der Sprint-Welt. Der Star-Läufer aus Trinidad und Tobago wurde nach der Einnahme von Ephedrin vom Weltverband lediglich verwarnt. Boldon hatte in Sydney 2000 Silber über 100 Meter und Bronze über 200 Meter gewonnen. Ein Jahr später wurde er positiv getestet. Eine skurrile Geschichte gibt es auch um Kim Collins aus St. Kitts & Nevis, neben dem Namibier Frankie Fredericks wohl einer der beliebtesten Außenseiter der vergangenen Jahre. 2002 gewann er bei den Commonwealth Games seinen ersten großen Titel, wurde danach aber positiv auf Doping getestet. Die kritische Substanz war indes in dem Medikament enthalten, das Collins schon jahrelang gegen sein Asthma einnahm und das er vergessen hatte, gegenüber der medizinischen Kommission zu erwähnen. Collins kam mit einer Verwarnung davon.

Verdächtig war auch Maurice Greene, ebenfalls so ein Show-Talent auf der Tartanbahn. Was Bolt mit seinen Grimassen und Gesten machte, machte Greene mit seiner Zunge. Es waren wirklich arg wilde Bewegungen. 2008 hörte Greene, der einst den Weltrekord auf 9,79 Sekunden gestellt hatte, auf. Im selben Jahr kamen die Verdächtigungen gegen ihn auf. Die "New York Times" behauptete, dass der Amerikaner einem Händler 10.000 Dollar für Dopingmittel gegeben habe. Der Sprinter räumte die Zahlung ein, behauptete aber vor Gericht, das Geld für Teamkollegen bereitgestellt zu haben.

Zeit für neue Helden ist gekommen

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Prachtkerl: Maurice Greene.

(Foto: REUTERS)

Nun also Tokio 2021. Die Zeit der neuen Helden. Die Zeit der neuen Generation. Einer Generation der noch eher Unbekannten und oft Unbelasteten. Als Topfavorit geht Trayvon Bromell an den Start, auch wenn er es im Vorlauf riskant lässig angehen ließ und sich nur über die Zeit ins Halbfinale rettete. Den stärksten Eindruck hinterließ der Kanadier Andre DeGrasse (9,91). Bromell ist ein Typ, ganz anders als die extrovertierten Superstars der vergangenen Jahre. Bevor die Show beginnt, sucht sich der Amerikaner meist einen ruhigen Platz, holt seine Bibel raus und liest. Die aktuelle Nummer eins der Welt über die 100 Meter lässt "keinen Tag vergehen", an dem er dem Herrn "nicht dankt. Ohne Gott, ohne Glauben könnte ich nicht laufen."

Bromell könnte in Tokio nun endlich das Versprechen einlösen, das er 2015 als erst 20-Jähriger mit WM-Bronze in Peking abgegeben hatte. Es folgte Jahre, die er selbst als "dunkle Gasse" bezeichnet. Bromell sagt sogar: "Im Jahr 2018 hatte ich keinen Grund, noch zu leben". Die Ärzte hatte ihm eine bittere Diagnose gegeben. Nach zwei schweren Verletzungen an der Achillessehne drohte er nicht mehr in eine Verfassung zu kommen, die Leistungen auf absolutem Top-Niveau möglich macht. "Aber Gott war anderer Meinung", befand Bromell. Er scheut sich nicht, über seine Schwächen zu reden und psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Ein verletzlicher Typ in einer Welt, die von Kraft, Selbstbewusstsein Arroganz und Doping geprägt ist. Auch im direkten Umfeld des 26-Jährigen. Die nigerianische Topsprinterin Blessing Okagbare, die am Samstag wegen einer positiven Dopingprobe vor dem Halbfinale über 100 Meter vorläufig gesperrt worden war, gehört zu seiner Trainingsgruppe in Florida. Es ist eine faszinierende Welt, aber eben oft auch eine verlogene.

Quelle: ntv.de

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