Spektakel spaltet die MailänderDiese Olympischen Spiele sind nur für Reiche
Von Andrea Affaticati, Mailand
Sportlerinnen und Sportler aus aller Welt sind zu Gast in Norditalien. Die Olympischen Winterspiele starten. Doch von Vorfreude ist in Mailand wenig zu spüren. Trubel und Verkehrschaos nehmen die Einwohner gerne hin, nicht aber die horrenden Preise für die Tickets.
Aufregung? Bei vielen Athleten, die dieser Tage in Mailand und Umgebung ankommen, bestimmt. Ankommen im olympischen Dorf, die Zimmer in Beschlag nehmen, es dekorieren und die vielen Klamotten in den Farben ihrer Nation anprobieren. Ganz schön was los. Das ist es auch in der Innenstadt von Mailand, aber Aufregung ist bei den Einwohnern nicht wirklich zu spüren.
Dabei wird es jetzt ernst: Nach jahrelanger Vorbereitung starten die Olympischen Winterspiele von Mailand und Cortina d'Ampezzo. Die ersten Wettbewerbe laufen schon, am Freitagabend findet dann die traditionelle Eröffnungsfeier statt. Bis zum 22. Februar läuft das Spektakel, vom 6. bis 15. März sind dann die Paralympics an der Reihe. Erwartet werden wie immer bei solchen Anlässen auch Staats- und Regierungschefs. Staatsoberhaupt Sergio Mattarella war schon Anfang der Woche in der Stadt. Am Dienstag hieß er das Internationale Olympische Komitee willkommen; am Abend wohnte er in der Scala dem von Riccardo Chailly dirigierten Konzert bei. Und nun reist er am heutigen Donnerstag schon wieder an.
Zum Teil kann die Unaufgeregtheit der Mailänder mit dem Wetter zu tun haben, es hat in letzter Zeit viel geregnet. Die Stadt ist stattdessen seit geraumer Zeit damit beschäftigt, sich für die Spiele aufzuputzen. Über den Corso Vittorio Emanuele, die Straße, die geradlinig zum Domplatz führt, schweben stilisierte Lichtgestalten, jede eine Sportart darstellend. Eine wirklich gelungene Installation, die auch in anderen Straßen zu sehen ist.
Das "Monstrum" belegt den Domplatz
Weniger gelungen ist das "Monstrum", wie es eine Passantin vor sich hin schimpfend bezeichnet. Es handelt sich um ein Riesenzelt von 1200 Quadratmetern, das den Domplatz zur Hälfte einnimmt. Hier kann man alle Gadgets und Produkte rund um die Olympischen Spiele kaufen. Gleich daneben steht ein Turm, der den TV-Übertragungen dient. Und wer sich fragen sollte, warum der Mailänder Domplatz so verschandelt beziehungsweise vermarktet wird, der findet die Antwort auf einer Seite des Doms, an dem ein großes Display hängt. Auf diesem läuft zuerst die Werbung und gleich danach liest man: "Damit wird die Restaurierung des Doms finanziert."
Das mag ja gut sein, gleichwohl gelten Großevents in der italienischen Wirtschaftsmetropole für manche "als großes Business für wenige". Zum Beispiel, weil die Einwohner davon ausgeschlossen sind: Man denke nur an die Fashion Weeks. Die Designwoche im April ist da eine leuchtende Ausnahme. Bei den jetzigen Winterspielen sind es die Preise, die Grund zur Unzufriedenheit liefern.
So meint Livia, um die 40 Jahre alt, angestellt bei einer Versicherung: "Viel Umweltverschmutzung, viel Zement und ein Vergnügen für 'happy few', das sind für mich diese Spiele. Ich hätte mir gerne einen der Eiskunstlaufwettbewerbe angesehen. Doch 100 Euro und mehr, das ist mir zu teuer."
Die einen stänkern, die anderen freuen sich
Maurizio, Mitte 30, sieht es stattdessen positiv. "Mailand profitiert davon sicher. Die Spiele tun dem internationalen Ruf der Stadt gut und der Wirtschaft sicher auch." Man wendet ein, den Ruf habe die "Bild"-Zeitung doch gerade etwas angekratzt, mit der Feststellung, es sei alles noch eine gigantische Baustelle. "Ihr Journalisten lehrt uns doch 'Good News sind keine Nachrichten'", kontert Maurizio. "Bei so einem Megaevent muss herumgestänkert werden, sonst ist es langweilig."
Zu den positiven Erbschaften weisen die Stadt- und die Regionalverwaltung immer wieder auf das olympische Dorf hin. Es liegt gleich bei der Fondazione, der Kunststiftung Prada, die man unbedingt besuchen sollte: sehr schöne Architektur, sehr interessante Ausstellungen. Und apropos Ausstellungen. Selten gibt es so viele interessante Ausstellungen gleichzeitig in der Stadt. Eine andere, die man nicht verpassen sollte, ist die von Anselm Kiefer im Palazzo Reale, gleich neben dem Dom.
Zurück zum olympischen Dorf. Nach den Spielen wird daraus eine Studentenresidenz mit 1700 Plätzen. "Das ist doch ein positives Vermächtnis", meint eine Frau, die an einem Kaffeehaustisch mit einer anderen diskutiert. "Ja, zu 800 Euro im Monat das Zimmer", antwortet die andere. "Wer kann sich das leisten?"
Unerschwinglich scheint auch die Unterkunft für einige der insgesamt 18.000 Freiwilligen, die sich für die Spiele zur Verfügung gestellt haben. Für Transport und Übernachtung müssen sie selbst aufkommen. In einer Stadt wie Mailand und in einem renommierten Urlaubsort mitten in den Dolomiten wie Cortina muss man sich das aber leisten können. Und so hat am Ende der eine oder die andere auf die Teilnahme verzichten müssen.
Hohe Preise - unverkaufte Tickets
Christian ist einer von ihnen. Der Tageszeitung "Fatto Quotidiano" erzählte er, sich für Cortina als Freiwilliger gemeldet zu haben. Einmal dort angekommen, die böse Überraschung: Sein Gastgeber konnte ihn nicht mehr aufnehmen. "Also bin ich zurückgefahren, die Preise in Cortina kann ich mir nicht leisten. Das sind definitiv Spiele für Reiche, und das nicht nur für die Zuschauer."
Da ist was dran. Vor einem Jahr las man auf der Plattform von Airbnb, dass jeder Host mit der Vermietung von einer Unterkunft während der Spiele an die 2400 Euro brutto verdienen könne. Insgesamt würde es sich für die Sparte um ein Geschäft von 154 Millionen Euro handeln. Der Preis ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb es einen Tag davor noch immer Tickets für die Eröffnungszeremonie gibt: der Preis von 260 Euro bis hinauf zu 2000 Euro. Und was die Wettkämpfe betrifft: Unter 180 Euro gibt es nichts.
Eine Sache hat in Mailand in Bezug auf die Olympischen Winterspiele eine breite und vehemente Reaktion ausgelöst. Dabei geht es um die einheimischen Sicherheitskräfte, die die anreisenden Staatsrepräsentanten begleiten. Das war schon immer so und stellte bislang auch kein Problem dar.
Diesmal ist es anders. US-Vizepräsident JD Vance und US-Außenminister Marco Rubio werden von Männern der berüchtigten Einwanderungsbehörde ICE begleitet. Und das, nachdem die ICE-Männer in Minneapolis zuerst die 37-jährige Renée Good und Tage später den Krankenpfleger Alex Pretti kaltblütig erschossen haben. Noch befremdlicher wurde es, als Innenminister Matteo Piantedosi zuerst die Präsenz der ICE-Männer leugnete, sie später aber bestätigen musste. Seine Versicherung, die ICE-Männer hätten keine operativen Aufgaben, sie würden nur Daten analysieren und sich mit den italienischen Kollegen austauschen, beruhigte die Mailänder keineswegs. Tausende protestierten am vergangenen Samstag. Auf den Schildern las man alles Mögliche, auch diesen Spruch: "ICE - danke, nur im Campari Spritz."
Am Freitagabend soll es eine Protestaktion vor dem Stadion geben und am Tag danach eine große Anti-Olympia-Demonstration. Man kann nur hoffen, dass beide genauso friedlich und humorvoll verlaufen wie die am vergangenen Samstag.