Olympia

Rätseln um den SuperstarEiskunstlauf-"Gott" Malinin zittert sich mit den USA zu Olympia-Gold

08.02.2026, 00:30 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
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Ilia Malinin gibt noch Rätsel auf bei den Olympischen Spielen. (Foto: IMAGO/AFLOSPORT)

Ilia Malinin bejubelt mit 21 Jahren sein erstes olympisches Gold. Mit dem US-Team gewinnt er die dramatische Entscheidung vor Japan. Der Vierfach-"Gott" zeigt allerdings erneut Nerven und muss mächtig zittern.

Shun Sato vergoß Tränen. Wie sich die Anteile von Glück und Enttäuschung darin verteilten, das war aus dem Gesicht des 22-Jährigen nicht herauszulesen. Mit 194,86 Punkte war der Japaner wenige Augenblicke zuvor im Team-Event der Eiskunstläufer die beste Kür seines jungen Lebens gelaufen. Sato eröffnete seinen Vortrag mit einem brillanten Vierfach-Lutz. Er reihte ein technisches Top-Element an das nächste. Er war als letzter Läufer des Abends aufs Eis gegangen und machte keine Fehler. In der Live-Punktzahl rückte er immer näher an US-Giganten Ilia Malinin heran. Sato steigerte sich in einen Rausch, der plötzlich goldene Vorfärbung bekam.

Die Amerikaner rückten derweil in ihrer Sitzecke zusammen. Vor der Kür der Männer hatten sie ihren Vorsprung auf die Japaner verspielt. Es stand 59 zu 59. Sie brauchten ihren Superstar, sie brauchten Malinin. Der war vor Sato aufs Eis gegangen. Nach dem ruckeligen Kurzprogramm stand der 21-Jährige durchaus unter Druck. Unter noch größerem Druck als ohnehin schon. Alles andere als zweimal Gold für den Vierfach-"Gott" bei diesen Winterspielen wäre eine Sensation. Zu krass, zu dominant war er in diesem Winter bislang gewesen. Im Kurzprogramm war er nur Zweiter geworden, Yuma Kagiyama hatte ihn mit Eislauf-Perfektion besiegt.

Erinnerungen an Nathan Chen

Malinin kochte danach die aufgeregten US-Medien runter. Er habe sein Potenzial nicht ausgeschöpft, sagte er. Er lachte viel und betonte, wie glücklich er sei, bei den Spielen zu sein. Es war seine Strategie, die Enttäuschung zu verarbeiten. Schnell wurden schon Vergleiche zu Nathan Chen gezogen, zum US-Vorgänger-Superstar, der bei seinen ersten Spielen 2018 in Pyeongchang dem Druck im Einzel nicht standhielt. Gold holte er sich erst vier Jahre später in Peking. Malinin, der Weltrekord-Mann, hat anderes im Sinn.

Nun stand Malinin am späten Sonntagabend zum zweiten Mal auf dem Olympischen Eis. Von der russischen Eishockey-Legende Alexander Owetschkin hatte er goldene Schnürsenkel als Glücksbringer bekommen. Noch allerdings konnten sie nicht ihre ganze Kraft auf den US-Superstar übertragen. Nach der perfekten Eröffnung mit einem Vierfach-Flip baute Malinin einige Patzer ein und verzichtete erneut auf den Vierfach-Axel, den nur er beherrscht. Beim Rittberger zeigte er Nerven. Er stürzte bei seiner Vierfach-Lutz-Kombination, reagierte aber blitzschnell und baute die Kombination später im Programm wieder ein. Das war dann doch eine ungewohnte Häufung von Fehlern. Doch insgesamt fünf Vierfachsprünge und ein einbeinig gelandeter Rückwärtssalto retteten ihm, dem Ausnahmeathleten, die Kür. 200,03 Punkte bekam er. Das sollte doch für Gold reichen.

Italien eskaliert bei nächster Medaille

Doch eine klare Sache war's nicht, weil der kleine Sato als Feuervogel plötzlich Flügel bekam, zum Riesen wuchs. Was für ein Krimi. Aber die Wettkampfrichter ließen die Sensation mit ihren Wertungen nicht zu. Die USA kamen in Mailand am Ende auf 69 Punkte, Japan auf 68 Zähler. (gerechnet wurde nach Platzierungen) Malinin, Alysa Liu, Amber Glenn, Ellie Kam und Danny O'Shea gewannen alle ihre erste olympische Medaille. Die Eistänzer Madison Chock und Evan Bates sind nun zweifache Olympiasieger. Malinins Freude bei der Medaillenvergabe auf dem Podest wirkte indes verhaltener als bei seinen Teamkolleginnen und -kollegen.

Die abermals wackelige Darbietung bietet neuen Stoff für Malinin, die Sinne für die kommende Woche zu schärfen, wenn es im Einzel um Gold geht. Wenn alle Augen nur auf Malinin gerichtet sind. Kann er an seine herausragende Form anknüpfen, kann er die Welt wieder für sich einnehmen oder lähmt ihn der Druck? Dass er diesem vorerst, trotz Patzern, standgehalten hatte, schrieb er der "Energie, der Unterstützung und der Leidenschaft des gesamten Teams" zu, "die mich angefeuert und unterstützt haben“, sagte Malinin. "Ich bin da rausgegangen und habe mir einfach gesagt: ‚Okay, jetzt lass die Nerven liegen. Du musst einfach in diesen Flow kommen und die Dinge auf dich zukommen lassen.‘ Und ich bin stolz auf mich und stolz auf mein Team."

Dritter an diesem Abend wurde übrigens Italien. Matteo Rizzo verzauberte die Milano Ice Skating Arena mit einer animierenden, flirtenden Kür. Zum Ende seiner mitreißenden Vorstellung ballte er die Fäuste, weinte und das erneut nicht ausverkaufte Stadion tobte vor Glück. Rizzo jubelte wie ein Eiskönig. In den Armen seines Teams konnten sie alle ihr Glück, ihr kleines Eiswunder nicht fassen. Italien feierte die nächste Medaille, die schon neunte nach gerade einmal 13 Entscheidungen.

Quelle: ntv.de

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