Olympia

"Keine weiteren Skirennen"Erst verliert Lindsey Vonn die Kontrolle, dann ihre Karriere

09.02.2026, 20:29 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Cortina
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Dieser Moment sorgt für Totenstille im Zielbereich der Olimpia delle Tofana. (Foto: picture alliance/dpa/Olympic Broadcasting Services via AP)

Lindsey Vonn wird mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr professionell Skifahren. Der schockierende Sturz in der Olympia-Abfahrt auf ihrer Lieblingsstrecke in Cortina d'Ampezzo beendet die große Karriere der amerikanischen Ski-Legende. Es ist ein Drama.

Am Tag nach dem großen Drama um Lindsey Vonn hängen tiefe Wolken in der Olimpia delle Tofana. Wer ein bisschen (zu) viel hineininterpretieren will, kann der Piste zuschreiben, dass sie sich vor vorwurfsvollen Blicken verstecken will. Dass ihr unangenehm ist, was geschehen war. Hier, auf der absoluten Lieblingsabfahrt der amerikanischen Ski-Legende, war am Sonntagmittag sehr wahrscheinlich eine der größten Wintersport-Karrieren aller Zeiten auf herzzerreißende Weise zu Ende gegangen. Nach gerade 13 Sekunden hatte Vonn erst die Kontrolle und dann die Karriere verloren. Sie schlug mehrmals so heftig auf der harten Piste auf, dass ihr linkes Bein zu Bruch ging. Die 41-Jährige hatte schon mehrere heftige Stürze erlebt, sich wieder und wieder zurückgekämpft.

Doch diesen Kampf, den finalen, den hat sie nun verloren. Es ist nahezu unvorstellbar, sie noch einmal als Ski-Profi auf den Pisten der Welt zu sehen. Statt der immer strahlenden Vonn bleibt nur das Bild des vor Schmerzen bebend schreienden Superstars hängen, der nicht mehr alleine aufstehen kann, der binnen zehn Tagen zweimal mit dem Helikopter von der Piste gebracht werden musste. Es sind Bilder, die der Skisport noch sehr, sehr lange mit sich herumtragen wird. Die das wahnsinnige Risiko des Sports auf bitterste Weise ins Hier und Jetzt zurückholen. Das immer wieder schwer verletzte, manchmal mit dem Tod ringende Athleten, fordert.

Auch über 30 Stunden nach dem schweren Sturz liegt immer noch kein offizielles Statement zum Gesundheitszustand des Superstars vor. Sie sei im Ospedale Ca' Foncello in Treviso bereits zweimal nach einem Bruch des linken Oberschenkels operiert worden, heißt es bei der italienischen Nachrichtenagentur Ansa. Mehr ist nicht in Erfahrung zu bringen. Am Abend äußerte sich ihr Vater, Alan Kildow, bei AP. Er sagte: "Sie ist 41 Jahre alt und das ist das Ende ihrer Karriere. Es wird keine weiteren Skirennen für Lindsey Vonn geben - solange ich dabei ein Wort mitzureden habe." Verletzungsdetails gab er nicht preis.

Eine aberwitzige Wendung der Geschichte

Es ist eine kaum zu fassende menschliche Tragödie, die auf ein hollywoodreifes Ende zusteuerte, ehe es einen Spin gab, der selbst Serien wie "Game of Thrones" in den Schatten stellte, in der beliebte Charaktere für die Story geopfert wurden. Eine Woche vor den Spielen riss Vonn sich das Kreuzband, flog per Helikopter ins Krankenhaus. Ihr Start hing am seidenen Faden. Oder gab es gar keinen Faden mehr? Vonn wollte das nicht akzeptieren. Wenn es die allerkleinste Chance gäbe, ihren Traum zu leben, dann war sie bereit, sie zu nutzen. Sie selbst erteilte sich das grüne Licht. Und durfte sich anhören, wie wahnsinnig sie sei. War es das richtige Wort? War sie wahnsinnig? Leichtsinnig? Oder einfach nur Vonn, diese Kämpferin, die alle Widerstände in ihrem Leben zerschlagen hatte? Ihr war das alles bewusst, sie selbst sprach vor den Spielen vom "dramatischsten Comeback" ihrer Karriere. Doch dieses Mal hatte sie ihren offenbar geschwächten Körper überschätzt.

Die schillernde Ski-Diva Vonn hatte ihr erstes Karriereende hinter sich gelassen. Sie hatte 2019 aufgehört, mit WM-Bronze in der Abfahrt, gezeichnet von mehreren Stürzen. Die Arme, die Beine, sie hatten über die Jahre einiges aushalten müssen. Der Körper hatte sich immer wieder erholt. Zumindest so weit, dass die Amerikanerin mit dem Skifahren weitermachte. Ihre Leidensfähigkeit, ihre Leidenschaft hatten so manchen Schmerz kaschiert, den andere Sportlerinnen und Sportler wohl nicht mehr ausgehalten hätten. Sie kam wieder und wieder zurück. Ihre Comebacks wurden von immer mehr Gloria besungen.

Im vergangenen Winter mischte sich aber erstmals massive Kritik mit ein. Doch Vonn ließ wieder alle verstummen. Sie war wieder da, nicht als "Verarschung" mit "Vollschuss", sondern als Spitzenathletin. Sie nutzte die vorolympische Saison, um sich wieder an das höchste Niveau zu gewöhnen. In diesem Winter wuchs sie mit ihrem neuen Trainer, der norwegischen Abfahrts-Legende Aksel Lund Svindal wieder zur besten Speedfahrerin der Welt. Die sie vor ihrem ersten Karriereende mindestens ein Jahrzehnt lang war.

Der Reiz der Tofana ließ sie nicht los

Das Feuer in Vonn wollte einfach nicht aufhören zu brennen. Deswegen kehrte sie zurück. Nach fünfeinhalb Jahren Abwesenheit. Mit einer Teilprothese im Knie. Sie war eingenommen von der Idee, ihrer Karriere eine noch viel funkelndere Krone aufzusetzen. Ein zweites olympisches Abfahrtsgold sollte her. Nach Vancouver 2010. Auf ihrer Lieblingspiste, auf der sie 45 Mal (!) im Wettkampf gefahren war. Auf der sie zwölfmal triumphiert hatte. Die sie in- und auswendig kennt. Doch dann steuert sie ein Tor zu früh, zu aggressiv an. War sie zuvor von der Ideallinie abgekommen? Hatte sie etwas im Knie gespürt? Alles müßig.

Auch Vorwürfe sind nicht angebracht. Es war ein großes Risiko, dem sie sich aussetzte. Das war ihr selbst klar. Aber sie hatte das Vertrauen in ihren Körper, in ihre unbändige Kraft. Sie hat eine Muskulatur, die ein fehlendes Kreuzband kompensieren kann. Und: Sie hatte nach eigener Aussage weder Schmerzen noch Schwellungen. Im internationalen Skisport gibt es mehrere Top-Athleten, die ohne Kreuzband fahren. Der Unterschied: Ihre Verletzung war nicht wenige Tage alt, als sie wieder an den Start gingen. Aber was wäre für diese überambitionierte Spitzensportlerin die Alternative gewesen? Die Sache abzublasen, kam nicht in Frage. Die Sache auszukurieren auch nicht. Die Zeit drängte. Vonn ist 41. Ihre gigantische Kraft ist nicht unendlich. Cortina war die letzte Chance auf olympisches Abfahrtsgold. Für dieses Ziel hatte sie alles gegeben.

"Unglaublich unglücklich"

Aber hätte sie überhaupt starten dürfen? Nun, wer hätte es verhindern sollen? Es war Vonns Entscheidung, womöglich in Abstimmung mit ihrem Umfeld, ihren Ärzten. Vielleicht auch getragen von ihr ganz alleine. "Ich glaube fest daran, dass so etwas von jedem einzelnen Athleten selbst entschieden werden muss", sagte Ski-Weltverbandschef Johan Eliasch am Tag nach dem Drama, das Olympia für einen Moment verstummen ließ. Nach dem Sturz war vereinzelt Kritik aufgekommen an den Organisatoren, dass diese der angeschlagenen Vonn den Start erlaubt hatten. "Sie kennt besser als jeder andere die Verletzungen an ihrem Körper", befand Eliasch. "Wenn man sich umschaut, dann hat jeder einzelne Athlet irgendeine Art von Verletzung."

Der Unfall habe auch nichts mit ihrem Knie zu tun gehabt, sagte Eliasch. "Unglaublich unglücklich" sei der Sturz gewesen. "Niemand kann so etwas noch auffangen. Aber so etwas ist manchmal Teil des Skirennfahrens. Es ist ein gefährlicher Sport."

Es war eine typisch US-amerikanische Story: Die Heldengeschichte war vorbereitet. Der Kampf zurück inszeniert. Eine Doku über sie soll produziert werden. Die großen US-Sender sollen am Sonntag sogar an der Strecke gewesen sein. Sie selbst gab sich alle Mühe, die Story dramatisch zuzuspitzen. Vor allem auf den letzten Metern. Der Spin von Crans-Montana, der Kreuzbandriss, hievte die anvisierte Heldengeschichte auf ein nochmal neues Level. Gold war im Bereich des Möglichen, trotz Verletzung. Im Training hatte sie einen guten Eindruck hinterlassen, auch wenn Trainingseindrücke kaum belastbar sind. Sie hatte an Gold geglaubt, immer und trotz allem. Ihre Party soll bereits in Vorbereitung gewesen sein. Unter anderem mit Snoop Dogg. Dann ging sie am Sonntag, kurz vor 12 Uhr an den Start. Was für eine ironische Fügung des Schicksals. Ihre letzte Chance. Sie endete schwer verletzt. Im Helikopter, im Krankenhaus, als wahrscheinliches Karriereende.

Quelle: ntv.de

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