Olympia

Lindsey Vonn schockt die SkiweltDieser dramatische Sturz lässt die Olympischen Spiele verstummen

08.02.2026, 17:00 Uhr
imageTobias Nordmann, Cortina
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Womöglich endet Lindsey Vonns Karriere mit einem Helikopterflug ins Krankenhaus. (Foto: IMAGO/Bildbyran)

Für diesen Moment kehrt Lindsey Vonn aus der Ski-Rente zurück. Auf ihrer Lieblingsstrecke in Cortina möchte sie ein zweites olympisches Abfahrts-Gold gewinnen. Die Inszenierung ist gigantisch. Das Ende brutal.

Hollywood-Geschichten haben immer ein Happy End. Das weiß auch Lindsey Vonn. Also inszenierte sie den Weg zur letzten großen Fahrt als Ski-Superstar als großen Blockbuster. Mit Spins, die sonst nur in James-Bond-Filmen vorkommen. Beide, die unzerstörbare Amerikanerin und der unzerstörbare britische Geheimagent, haben eine gute Geschichte mit Cortina d'Ampezzo, dem olympischen Ort, der an diesem Sonntag nur auf Vonn blickte. Zwölfmal hatte sie hier gewonnen, 20 Mal stand sie hier auf dem Podest. Bond raste derweil einst seinen Verfolgern in "For your eyes only" mit einer hanebüchenen, mit einer bond'esken Abfahrt davon. Es war alles bereitet, Vonn den goldenen Teppich auszulegen.

Mit der Nummer 13 stand sie am Start. Mit einer Teilprothese im rechten Knie, mit einem frischen Kreuzbandriss und einem kaputten Meniskus im linken. Gut eine Woche vor den Winterspielen war die 41-Jährige in Crans-Montana folgenschwer gestürzt. Sie pfiff drauf, sie pfiff auf all die Ratschläge, auf all die besorgten Kommentare, dass sie mit ihrer Gesundheit spiele und die Folgen eines olympischen Rennens unter höchster Belastung nicht absehbar seien. Alles egal. Sie vertraute darauf, dass ihre bestens austrainierte Muskulatur diese Extremanstrengung schon stemmen werde. Für diesen Moment am Sonntagmittag, High Noon, war sie schließlich aus der Ski-Rente zurückgekehrt. Sie war dem Reiz der Spiele erlegen. Sie wollte es noch einmal wissen. Ein Olympiasieg auf ihrer Piste, der Olimpia delle Tofana, war ihr Ziel.

Zweimal die verdammte "13"

Riesiger Jubel brandete auf, als Vonn am Start stand. Mit der Nummer 13. Bloß nichts reininterpretieren. Sekunden später, es waren tatsächlich 13, herrschte Totenstille im Zielraum. Vonn war gestürzt. Heftig. Extrem heftig. An einem der roten Tore war sie mit ihrer Hand hängengeblieben, sie hatte die Kontrolle verloren, flog, lag fast quer zur Fahrtrichtung und schlug auf, mit dem Gesicht und lag reglos im Schnee. Beide Knie hatten sich offenbar verdreht. Sie schrie. Es waren nicht auszuhaltende, gespenstische Momente. Im Zielbereich schauten sie weg oder gebannt nach oben. Die Zuschauer und Fans schlugen die Hände vor den Mund oder vor die Augen. Die Olympischen Spiele 2026 hatten schon am zweiten Wettkampftag ihre alles überschattende Drama-Geschichte. Die amerikanische Superheldin war gefallen. Ein Happy End war nicht mehr in Sicht.

"Das war definitiv das Letzte, was wir sehen wollten", sagte Vonns Schwester Karin Kildow, die mit dem gemeinsamen Vater an der Strecke war: "Sie gibt immer 110 Prozent, niemals weniger. Ich weiß, dass sie ihr ganzes Herzblut hineingesteckt hat, und manchmal passieren eben solche Dinge. Es ist ein sehr gefährlicher Sport." Tatsächlich schien Vonn auf ihrer letzten Olympia-Abfahrt wieder ans Limit, an die 100 Prozent oder darüber hinaus gehen zu wollen. Sie hatte ihre Rivalinnen in dieser Saison damit gepiesackt, noch nicht einmal alles ausgepackt zu haben, noch nicht ein einziges Mal alles über ihren aktuellen Leistungsstand verraten zu haben.

Die beste Speedfahrerin der Welt war sie dennoch gewesen. Das Limit aber verlor sie nicht aus den Augen. Sie sparte es sich für ihren Traum auf, der ein Albtraum wurde. Es gab Gerüchte, dass ihre Geschichte als Doku verfilmt werden soll. Eine Doku am Limit. So oft hatte sie das herausgefordert und verschoben. Wenn das Limit den Attacken der Amerikanerin mal standhielt, endete das meistens mit heftigen Stürzen und schweren Verletzungen.

Der ewige Kampf gegen den maladen Körper

Der Helikopter holte sie nach fast 20 Minuten von der Piste. Das Ende einer großartigen Karriere mit 84 Weltcup-Siegen, mit acht WM-Medaillen und einem Olympiasieg? Es wären unwürdige Bilder. Aber auch welche, die den äußerst schmalen Grat zeigen, auf dem Lindsey Vonn in ihrer gesamten Karriere geritten ist. Mit weit über 100 Stundenkilometern, mit einem Risiko, das die Gesundheit mehrfach massiv herausgefordert hatte. Die Teilprothese im Knie ist eben auch eine Folge ihrer bisweilen brutalen Art Ski zu fahren.

Man kann sich nicht vorstellen, dass Vonn noch einmal zurückkommt. Auf diesen Moment hatte sie ja alles ausgerichtet, ihr Leben, ihr Training. Ihren Kampf gegen den Körper, den sie in Crans-Montana wieder einmal verloren hatte. Aber mit Niederlagen findet sich Vonn nicht ab. Deswegen sollte auch niemand ultimativ ausschließen, dass sie noch einmal ein Rennen fährt, auch wenn es nicht sehr wahrscheinlich ist. Nach mehreren unklaren Berichten über den Gesundheitszustand meldete sich am fühen Abend das Krankenhaus, in dem Vonn untergebracht ist. "Am Nachmittag wurde Frau Vonn orthopädisch operiert, um einen Bruch ihres linken Beins zu stabilisieren", erklärte das Klinikum Ca’ Foncello in Treviso.

"It sucks!"

Dass auf der Tofana noch ein Rennen zu Ende gefahren wurde, dass Vonns Teamkollegin Breezy Johnson Gold gewann und die Deutsche Emma Aicher Silber holte, vor Italiens Superstar Sofia Goggia, das alles ging unter. Johnson sah die Bilder vom Sturz vom Platz der Führenden, sie war entsetzt, kreidebleich, in großer Sorge. "Ich fühle mit ihr. Ich hoffe, es ist nicht so schlimm, wie es aussah", sagte sie NBC-News. "Auf einem Kurs, den man so sehr liebt, tut so ein Sturz noch einmal viel mehr weh." Ihre US-Kollegin Jacqueline Wiles, Vierte am Ende, sagte den Tränen nah: "Es ist das Schlimmste, was passieren konnte. It sucks! Doch dieser Sturz wird nichts an ihrem Vermächtnis ändern."

Aicher hatte sich nach dem Abflug sofort weggedreht. Sie wollten die schrecklichen Bilder gar nicht sehen. Andere taten es ihr nach. Es macht eben was mit einem, wenn so ein Superstar so brutal stürzt.

Dass das Rennen als Rennen nicht zum Thema werden würde (außer bei einem Vonn-Sieg), dafür hatte Vonn schon vorab gesorgt. Ihr Start trotz schwerer Verletzung hatte alles aus dem Rampenlicht gedrückt. Es ging ausschließlich noch darum, wie verrückt sie ist, wie zerstörerisch ihr Gold-Wahnsinn sein kann. Und nur um die wertvollste aller Medaillen ging's ja. Vonn hatte, so heißt es, das Österreichische Haus schon für die Triumphparty ausgesucht und prominente Gäste auf die Liste gesetzt. Unter anderem Olympia-Legende Snoop Dogg, der ebenfalls völlig erschüttert im Zielraum stand. Bei Instagram ging in den Tagen vor dem Rennen eine Kampagne "BELV" unter Promis rasend schnell um. "Believe, Lindsey Vonn", posteten etwa Demi Moore und Gwyneth Paltrow.

Der Glaube wurde an diesem Sonntag massiv erschüttert, die Olympischen Spiele verstummten. Es gibt auch Blockbuster ohne Happy End. Eine bittere, eine schmerzhafte, eine brutale Erkenntnis. Es ist ein Tag, den der Skisport, die Olympischen Spiele und Lindsey Vonn nie vergessen werden.

Quelle: ntv.de

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