Olympia

DEB-Team entzaubert Kanada "Ey, lass ma' Olympiasieger werden"

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Wenn die Gefühle mit den toughen Jungs durchgehen ...

(Foto: imago/Bildbyran)

Der deutsche Eishockey-Wahnsinn bei Olympia endet einfach nicht. Im Halbfinale überfordert das DEB-Team Titelverteidiger Kanada. Nun geht's um Gold gegen die Russen - mit überraschendem Selbstverständnis.

Der Präsident des deutschen Eishockeys verzichtete diesmal auf einen Abstecher. Die Mixed Zone, diesen emotionalen Hotspot für olympische Wunder, überließ Franz Reindl einzig der Mannschaft und ihrem Trainer Marco Sturm. Womöglich lag Reindls Verzicht an einer verzweifelten Wortfindungssuche, denn was hätte er auch sagen sollen nach diesem wohl magischsten deutschen Moment in Pyeongchang. Noch magischer als die rührende Goldstory des Eislaufpaares Aljona Savchenko und Bruno Massot. Hätte der Präses vielleicht sensationer rufen sollen? Oder sensationesker? Nein, nein, eine Steigerung von Sensation -  die hatte Reindl vom DEB-Team ja bereits im Viertelfinale gegen Schweden gesehen - gibt's halt nicht. Auch nicht nach diesem beeindruckend dramatischen 4:3 (1:0, 3:1, 0:2)-Krimi gegen Kanada im Gangneung Ice Hockey Center. Dabei wäre sie nun dringlicher denn je.

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Kreative Hilfen auf der Suche nach einem Vize-Superlativ bekam Reindl indes nicht. Der richtige, der nicht mehr zu toppende Superlativ wird eventuell am Sonntag, im ersten olympischen "Gold-Medal-Match" der deutschen Eishockeygeschichte gegen Russland (5.10 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) noch gebraucht. Jeder deutsche Spieler also, der an diesem historischen Abend ein Mikrofon vor die Nase gedrückt bekam, stammelte die gleiche Fassungslosigkeit in das euphorische Fragengewitter der Journalisten: "Unglaublich. Ich kann das nicht begreifen." Und tatsächlich war's auch nicht zu begreifen, was die Mannschaft da 60 Minuten auf das Eis gebracht hatte: Leidenschaft, Härte, Willen - und, kein Scherz, spielerischen Genuss. Deutschland ging das Halbfinale gegen das Mutterland des Eishockeys mit der Überzeugung an, der unstreitbare Fixpunkt des Welteishockeys zu sein.

Die Führung ist hochverdient

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Anders noch als im Spiel gegen die Schweden, wo die Männer von Bundestrainer Sturm zehn Minuten lang panisch versucht hatten, den Aus-Knopf für den skandinavischen Dauerbeschuss zu finden, standen sie den Kanadiern nun ganz früh auf den Kufen. Ein aggressives Forechecking, das die Nordamerikaner völlig überforderte. Im Stakkato ging's fast 15 Minuten nur so: Attacke, Scheibengewinn, Attacke, Scheibengewinn, Attacke, Scheibengewinn - dann kreiselte der Puck durch die doppelte deutsche Überzahl, bis er beim Münchener Brooks Macek landete, der die Scheibe wuchtig über den Stock von Goalie Kevin Poulin hämmerte. Eine Führung. Im Halbfinale. Gegen Kanada. Hochverdient. Aussprechen wollte das freilich niemand. Wie sollte man das auch finden? Sensationesk?

Das wurde es dann mindestens im zweiten Drittel. Erst legte Patrick Hager in Minute 24 per scharf gespieltem No-Look-Pass spektakulär für Matthias Plachta auf, der den Puck aus kürzester Distanz so selbstverständlich in den Winkel nietete, als habe es die Abschlusskrämpfe gegen Schweden (Vorrunde), Norwegen und die Schweiz nicht gegeben. Noch hanebüchener wurde es keine 180 Sekunden später: Kapitän Marcel Goc ließ seinen Gegenspieler mit einer fixen Finte aussteigen, spielte den Puck vor's Tor wo Frank Mauer wartete, der die Scheibe - und nun Obacht - mit der Rückhand durch seine Beine zum 3:0 ins Tor zauberte. Eine schallende Eis-Watsch'n, so etwas traut sich gegen die mit neun Olympiasiegen dekorierte Eishockey-Mutter sonst wohl niemand. Erst recht nicht ein Deutscher.

Dramatische Historie wiederholt sich nicht

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Freilich gab's auch schon andere große Schlachten zwischen diesen so ungleichen Gegnern. Zwischen Kanada, wo durchschnittlich vermutlich 1,9 von zwei Menschen die Schläger kreuzen und Deutschland, wo's im besten Fall genau andersherum ist. Es gab da beispielsweise dieses irre Viertelfinale 1992 im Palais des Glaces in Meribel. Als Deutschland sich dank Ernst Köpf erst 2:24 Minuten vor dem Ende zunächst in die Overtime und darüber dann ins Shootout rettete, wo der Puck nach dem letzten Penalty von Peter Draisaitl gefühlte Sekunden über die Torlinie wanderte und exakt dort liegen blieb. Kein Tor, Niederlage. Eine Tragödie.

Nicht so aber diesmal. Zwar unterbrach Gilbert Brule (29.) - der später nach einem brutalen Check gegen den Kopf von David Wolf eine Spieldauerstrafe erhielt - in Überzahl mit einem geordneten Gewaltschuss kurzzeitig die deutsche Eisparty, die aber nahm sofort wieder Stimmung auf, als erneut Plachta (33.) von der blauen Linie nicht minder kompromisslos auf 4:1 stellte. Ein Eishockey-Wahnsinn, den auch zwei kanadische Tore von Mat Robinson (43.) und Derek Roy (50.) im Schlussdrittel nicht mehr aufhalten konnten. Bei aller krimi'gen Zuspitzung.

"Die halbe Mannschaft hat geheult"

"Die halbe Mannschaft hat nach der Schlusssirene auf dem Eis geheult", erzählte Dominik Kahun halb wach, halb in Trance. Die letzten Sekunden waren gar von einigen Journalisten auf der Tribüne gecountdownt worden. Die nun sichere Silbermedaille ist der größte Erfolg im deutschen Eishockey. "Alle haben bisher noch von 1976 (Anmerk. d. Red.: Bronze in Innsbruck) geredet. Für die nächsten 50 Jahre wird aber nun jeder von diesem Team reden", sagte Christian Ehrhoff. Einer der ersten Gratulanten war NHL-Profi Tom Kühnhackl: "Ihr seid ja völlig wahnsinnig." Das fand auch der Bundestrainer: "Verrückte Welt", urteilte Sturm. "Es ist unglaublich, was die Mannschaft geleistet hat. Wir waren noch nie in der Situation um eine Medaille zu spielen und dann ziehen die Jungs das so abgeklärt durch." Mit, Herz, Leidenschaft und dem Glauben an die eigene Stärke - in diesem Turnier gänzlich ohne NHL-Profis. Die nordamerikanische Profiliga hatte sich erstmals seit 1994 geweigert, die Saison für Olympia zu unterbrechen. Damit fehlen allen Teams die besten Spieler. Eine Situation, die den Deutschen bei aller Euphorie und Klasse im Vergleich zu Schweden oder Kanada auf dem Weg ins Finale auch entgegengekommen ist.

Der Glaube an das ganz große Ding - das Wort Glaube steht mehrmals in der deutschen Kabine geschrieben - war indes offenbar schon vor dem Turnier sehr ausgeprägt: Im Trainingslager, so erzählte Ehrhoff an diesem Abend, wurde die WhatsApp-Gruppe der Spieler von Yannick Seidenberg "Mission Gold" genannt. "Ja warum denn auch nicht?", fragte der Verteidiger nun. Ja, warum eigentlich nicht? "Wir spielen das Finale, ey lass mal Olympiasieger werden", rief Erhoffs Kölner Teamkumpel Moritz Müller. Es wäre..., ja was eigentlich? Ein gutes Wort dafür ist immer noch keinem eingefallen.

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Quelle: n-tv.de

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