Olympia

Biathlon-Rente ohne Happy EndFranziska Preuß pfeift nach dem zweiten Schießen auf ihren olympischen (Alb)traum

21.02.2026, 16:19 Uhr
imageVon Tobias Nordmann
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So kam man sich von der großen Biathlon-Bühne mal verabschieden: Franziska Preuß und Italiens Grande Dame Dorothea Wierer. (Foto: REUTERS)

Franziska Preuß beendet ihre Karriere ohne olympische Einzelmedaille. Im letzten Rennen ihrer erfolgreichen Laufbahn platzt der Traum spätestens nach dem zweiten Schießen. Im Ziel wird's sehr emotional.

Der Weg zum Ziel war ein leichter. Franziska Preuß spürte plötzlich keine Eile mehr. Keinen Stress, keinen Druck. Die letzten Meter ihrer so erfolgreichen Karriere waren ein emotionaler Ausnahmezustand, kein sportliches Highlight mehr. Auf der letzten Abfahrt nahm sie Tempo raus, sie winkte ins Publikum, verteilte Handküsse. Ihr letzter Traum blieb unerfüllt. Die 31-Jährige geht jetzt ohne olympische Einzelmedaille in den Biathlon-Ruhestand. Es war ihr egal, völlig egal. Ihren Frieden mit den Olympischen Spielen hatte sie schon am Freitag gemacht. Da hatte sie verkündet, dass sie nur noch einmal an den Start gehen würde. Im Massenstart. Und diesen Frieden trug sie am Samstag ins Ziel.

Sie wollte das Rennen genießen, ohne all das, was Leistungssport so kompliziert, so herausfordernd macht. Die Tage in Antholz hatten ihr extrem zugesetzt. Regelmäßig war sie im letzten Schießen daran gescheitert, diese "Scheißmedaille" noch abzugreifen. Wie oft flossen Tränen. Verzweifelt saß sie alleine im Schnee und wusste nicht, wie sie das alles verarbeiten sollte. Sie versuchte immer zu erklären, was sie selbst nicht fassen konnte. Dann der Cut am Freitag. Und ein letztes Rennen, das schnell Erlebnis statt Ergebnis wurde. Ein Fehler im ersten Liegendschießen, ein weiterer beim zweiten liegenden Anschlag. Schon da waren alle Ambitionen in ihrem "last dance" in die Strafrunde geflüchtet. Dass sie danach stehend noch fünfmal die Scheiben verpasste, egal. Niemanden interessierte es.

Aber es gab noch eine schöne letzte Pointe an diesem Schießstand, der sie so genervt hatte. Der letzte Schuss der Karriere war ein Treffer, keine Nähmaschine, kein Kopfkino, einfach rein. "Nach dem ersten Fehler habe ich es relativ gelassen gesehen", sagte Preuß, "es war egal, was rauskommt. Ich wollte einfach nochmal alles aufsaugen - und das ist mir gelungen."

Eine emotionale Verneigung vor den Fans

Es war längst kein Drama mehr. Nur noch ein Schaulaufen. Als 28. kam sie lächelnd ins Ziel. Es war kein verzweifeltes Lächeln, kein ratloses. Es war ein glückliches. Es war geschafft. Nur zwei Sportlerinnen lagen noch hinter ihr. Aber aus deutscher Sicht war dieses Rennen kein Rennen, sondern ein großer Abschied. Von Preuß und von der italienischen Biathlon-Grande-Dame Dorothea Wierer. Als die Polin Kamila Zuk, die Letzte, fast zweieinhalb Minuten später über die Linie gefahren war, durften diese beiden Königinnen des Sports noch einmal auf die Strecke. Dieses Mal verneigten sie sich vor den Zuschauern, ein Dank für all die Unterstützung in den vergangenen Jahre, Jahrzehnte. Mit Fahnen drehten sie eine kleine Ehrenrunde und genossen die Liebe, die ihnen ein letztes Mal zuflog. Im Hintergrund lief Whitney Houstons Klassiker "One moment in time". Ein Lied, in dem so viele Zeilen drinstecken, die sich in der Karriere der gebürtigen Wasserburgerin wiederfinden.

"Bei Olympia die Karriere zu beenden, ist etwas Spezielles. Gemeinsam mit der Doro war es ein super Abschluss", sagte Preuß in der ARD. Sie stand ein letztes Mal im Mittelpunkt, sie bekam sogar eine Krone aufgesetzt. Diese Aufmerksamkeit ist eigentlich nicht ihr Ding, doch an diesem Samstag, dem vorletzten Olympia-Tag, war's ihr recht. Und dann gönnte sie sich einen großen Schluck aus der Sektflasche. Sie spülte alles weg, den Stress von Antholz, den geplatzten Traum. Und der emotionale Ausnahmezustand wollte einfach nicht enden. Partner Simon Schempp empfing sie im Ziel. Da standen auch Team, Freunde und Familie. Es flossen Tränen, es hagelte Umarmungen. Dabei hatte sie sich geschworen, dass mit dem Gang zum Start Schluss damit sei. "Eigentlich wollte ich nicht mehr weinen, aber da war es zu spät", sagte Preuß, als sie über die Momente in den Armen ihrer Freunde und Familie sprach.

Viele Tränen hatte sie schon vor dem Rennen vergossen. In den Armen von Wierer und beim Anschießen. Es ist eben doch nicht so einfach, das nach 297 Rennen auf höchstem Niveau zu beenden, was einen 16 Jahre lang geprägt hat. Was einem große Momente und bittere Enttäuschungen gebracht hatte. Was Entbehrungen bedeutete. Und Freundschaften. Und sogar Liebe, wie ihre Beziehung zum Ex-Biathleten Schempp, der in Antholz nachträglich Staffelgold umgehängt bekam.

Das olympische Drama ließ sie nie los

Die olympische Welt war für Preuß im Reinen. Es war eine Welt, in der sie sich als Einzelathletin nie richtig wohlgefühlt hatte. Was hatte sie für Dramen erlebt. In Sotschi vor zwölf Jahren wurde sie nach fünf Schießfehlern in der dritten Runde unter Tränen rausgenommen. Sie hatte das Rennen nach schwachen Leistungen in den Wettbewerben zuvor nicht laufen wollen. Sie wurde überredet und erlebte einen "Nervenzusammenbruch", wie es später einmal hieß. Es folgten tragische Kapitel mit Stürzen, mit Waffenproblemen und Schießverwirrungen. Erst im letzten Rennen wandelte sich die Welt. Kein Verdruss mehr, nur noch Genuss.

Ins Karriereende schleppt sie dennoch eine große Medaillensammlung mit. Von den Wettbewerben in Antholz nimmt sie Bronze in der Mixed-Staffel mit, in Peking hatte sie ebenfalls Bronze in der Staffel gewonnen. Bei Weltmeisterschaften sammelte Preuß elf Medaillen, darunter zwei goldene. Im vergangenen Jahr gewann sie den Gesamtweltcup. Es war ihr Jahr gewesen. Gesund war sie gewesen und hatte alles zusammengebracht, was eine Weltklasse-Biathletin, die sie war, braucht: starkes Schießen, starke Laufform und noch stärkere Nerven. Die hatte sie im finalen Showdown mit Lou Jeanmonnot. Auf der letzten Runde im letzten Rennen wurde alles entschieden. Die Französin war wenige Meter vor dem Ziel gestürzt. Der Biathon-Gott hatte seine Milde Preuß geschenkt.

Was völlig unterging in Antholz: Dass dieses Rennen auch eine Siegerin hatte. Sie heißt Oceane Michelon. Und kommt natürlich aus Frankreich, aus dieser Biathlon-Nation, die kaum zu fassende Erfolg erzielt. Sie siegte vor ihrer Teamkollegin Julia Simon und der Tschechin Tereza Vobornikova. Es waren bereits das sechste Gold und die Medaillen Nummer 12 und 13 für die Équipe Tricolore in Antholz. Beste Deutsche war Vanessa Voigt, die bis zum letzten Schuss sogar von einer Medaille träumen durfte. Sie wurde Siebte.

Quelle: ntv.de

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