Olympia

Riesenjubel und etwas WehmutGoldflug schockt Raimund: "Ach du Scheiße, Alter!"

10.02.2026, 06:33 Uhr
Video poster

Noch nie ein Weltcupsieg, nun Olympiasieger: Philipp Raimund springt mitten hinein ins Glück. Und der Deutsche kann es selbst kaum fassen. Der Bundestrainer macht eine Ansage für die Party, denn nur 24 Stunden später geht es erneut um die Medaillen.

Mit einem letzten mächtigen Satz sprang Philipp Raimund auf das Siegerpodest und schmetterte dann aus voller Kehle die deutsche Nationalhymne in den Nachthimmel über Predazzo. Den wilden Ritt durch die wunderbarsten Emotionen seines Sportlebens genoss der frischgebackene Skisprung-Olympiasieger mit glühenden Wangen und feuchten Augen. "Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Aber ich bin unglaublich stolz darauf", sagte Raimund - und biss herzhaft in seine Goldmedaille.

Im wahnwitzigen Normalschanzen-Thriller von Val di Fiemme vollbrachte der 25 Jahre alte Oberstdorfer ein Winterwunder: Noch nie hat Raimund im Weltcup gewonnen, und nun war der erste Sieg gleich der größtmögliche. "Ach du Scheiße, Alter!", schrie der "Gold-Hille", der "Rai uno" nicht ganz druckreif in typisch forscher Art nach seinem Flug zu den Sternen durch das Stadio Dal Ben. Und selbst der sonst so coole Chefcoach Stefan Horngacher drehte hoch oben auf dem Trainerturm schier frei.

Zur Gold-Party aber hatte der Bundestrainer schon ganz klare Vorstellungen. "Die Trainer zwei, die Athleten eins", sagte er mit einem Augenzwinkern auf die Frage, wie viele Biere denn erlaubt seien. Sein Springer Pius Paschke hatte es geahnt. "Ich tippe, dass der ein oder andere Trainer eins mehr trinkt. Ich vielleicht auch, weil ich werde ja nicht springen", sagte der 35-Jährige.

Im Team die nächste Medaille?

Anders als Paschke ist Sensations-Champion Raimund gleich wieder gefordert. Der 25-Jährige will auch das Mixed-Team im italienischen Predazzo zu einer Medaille führen (18.45 Uhr/ZDF, Eurosport und im ntv.de-Liveticker). "Da schaue ich auch, dass wir da auch nochmal mit-performen können", erklärte Raimund selbst. Er freut sich aber auch schon auf die Zeit danach. "Nach morgen ist mal kurz eine Pause und da werde ich mir nicht nur ein Bier gönnen", erklärte Raimund.

Das Mixed-Team, das Raimund mit Felix Hoffmann, Selina Freitag und Agnes Reisch bestreitet, ist im italienischen Predazzo der letzte Winterspiele-Wettkampf auf der Normalschanze. Auf der Großschanze geht es dann erst am 14. Februar weiter. "Da ist er auch schon Dritter gewesen im Sommer. Die kann er auch", sagte Horngacher.

Daran jedoch wollte Raimund aber an diesem besten Abend seines noch jungen Sportlerlebens überhaupt nicht denken. "Ich bin Olympiasieger, das ist einfach wunderschön", sagte er andächtig, als könne er es selbst noch nicht ganz erfassen. Doch die Teamkollegen, allen voran Andreas Wellinger, der fast auf den Tag genau acht Jahre zuvor in der Eisnacht von Pyeongchang Gold geholt hatte, halfen ihm da schon auf die Sprünge.

"Ich wünsche ihm heute viel Spaß, diese Emotionen aufzusaugen", sagte der einschlägig erfahrene "Welle" dem "Hille", der nun völlig unerwartet der fünfte deutsche Skisprung-Olympiasieger im Männer-Einzel ist - nach den DDR-Springern Helmut Recknagel (1960), Hans-Georg Aschenbach (1976) und Jens Weißflog (1984/1994) sowie Wellinger (2018).

Zerbrochene Freundschaft beschäftigt Raimund

Um dies am Fuße des mächtigen Monte Agnello, dem Lammberg über Predazzo, zu werden, musste Raimund den Wettkampf seines Lebens abliefern. Mit gewaltiger Nervenstärke und blitzsauberen Flügen auf 102,0 sowie 106,5 m setzte er sich in einem höchst schwierigen Wettkampf vor dem Polen Kacper Tomasiak sowie den beiden drittplatzierten Ren Nikaido (Japan) und Gregor Deschwanden (Schweiz) durch, die mächtig vorgelegt hatten. Wer auf dieses Podium gewettet hätte, wäre jetzt reich - die großen Favoriten um den Slowenen Domen Prevc (6.) lagen deutlich zurück.

Raimund, der seine sagenhafte Entwicklung vom flippigen Sprücheklopfer zum fokussierten Musterathleten vollendete, überstrahlte alle. Vor dem Olympia-Winter hatte der gebürtige Göppinger den Sommer-Grand-Prix gewonnen und seine neue Klasse angedeutet. Im Weltcup sprang Raimund danach zwar fünfmal auf das Podest, der große Durchbruch blieb aber aus - bis zu diesem Abend für die Ewigkeit.

An dem er doch auch noch etwas wehmütig wurde. Er hätte gern mit seinem früheren Kumpel Marius Lindvik gefeiert, doch die Beziehung der beiden ist am Anzugskandal zerbrochen. "Ich hatte ihn wirklich als Freund betrachtet. Aber nach dem Vorfall in Trondheim fühlte es sich wie ein Verrat an, wie ein Schlag ins Gesicht", sagte Raimund. Lindvik war bei der WM 2025 Silber aberkannt worden, weil durch ein geheim aufgenommenes Video eine Manipulation an seinem Anzug aufgedeckt worden war. Der Norweger, der zuvor Weltmeister von der Normalschanze geworden war, bestreitet bis heute, von dem Eingriff gewusst zu haben.

"Wir waren ziemlich gut befreundet, bevor das alles passiert ist. Wir haben zusammen Videospiele gespielt und zusammen live gestreamt. Aber ich habe nie eine Entschuldigung oder Ähnliches bekommen. Das macht mich aus menschlicher Sicht etwas traurig". sagte Raimund. Die Freude über das Gold um den Hals wird das jedoch nicht schmälern.

Quelle: ntv.de, ara/sid/dpa

SkispringenOlympische Winterspiele 2026Wintersport