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Schuss ins Herz der deutschen Eishockey-Helden: Kirill Kaprisow trifft in der Overtime zum Sieg für die OAR.
Schuss ins Herz der deutschen Eishockey-Helden: Kirill Kaprisow trifft in der Overtime zum Sieg für die OAR.(Foto: AP)
Sonntag, 25. Februar 2018

Eishockey-Silber mit Goldrand: "Hat dir mal jemand ins Herz gestochen?"

Von Tobias Nordmann, Pyeongchang

Was für ein olympisches Final-Drama! Die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft ist dem Sensations-Gold ganz nah, dann schlagen die "Olympischen Athleten aus Russland" gnadenlos zurück. Die Enttäuschung weicht aber schnell dem Stolz auf ein deutsches Olympia-Wunder.

Danny aus den Birken blieb einfach nur reglos auf dem Eis liegen. Sekunden zuvor war der Puck zum vierten Mal im Gehäuse des besten Eishockey-Torhüters des Olympia-Turniers eingeschlagen, diesmal war es ein fataler Einschlag. Einer, der nicht mehr zu korrigieren war. Es war der Moment, als Deutschlands Eishockeyspieler bei diesem olympischen Turnier Gold an die "Olympischen Athleten aus Russland" (OAR) verloren. Aber dass sie überhaupt um Gold spielten, den Favoriten in die Verlängerung zwangen, am Ende olympisches Silber gewannen, das ist eigentlich das größte olympische Wunder dieser Winterspiele von Pyeongchang. "Darauf können wir sehr, sehr stolz sein", sagte aus den Birken später mit umgehängter Medaille und ein wenig Abstand zu diesem irren Final-Drama, das mit 3:4 nach Verlängerung endete.

Die olympische Silbermedaille schmeckte für das DEB-Team nur im ersten Moment ein wenig bitter.
Die olympische Silbermedaille schmeckte für das DEB-Team nur im ersten Moment ein wenig bitter.(Foto: dpa)

Und es war tatsächlich hochdramatisch, erst recht im Schlussdrittel und in der Overtime. Nachdem es zwei Spielabschnitte zwar sehr intensiv, aber weniger rauschhaft als noch gegen Kanada zugegangen war, spitzte sich der letzte Eishockey-Wahnsinn von Pyeongchang mehr und mehr zu: Sechs Minuten vor dem Ende brachte Nikita Gussew die OAR mit einem humorlosen Schuss durch eine winzige Lücke zwischen Pfosten, Latte und aus den Birkens Schulter auf Goldkurs. Bestand hatte das russische Stimmungshoch aber nur zehn (!) Spielsekunden. Ein Irrsinn, den das DEB-Team in Pyeongchang zur Methode gemacht hatte.

"Drei Minuten Olympiasieger"

Erstmals überhaupt in der Olympia-Geschichte hatte sich eine deutsche Eishockey-Auswahl die Chance erspielt, um Gold kämpfen zu können. Dafür waren sie in Russland indes nicht besonders ernst genommen worden. Lieber gegen sie als gegen Kanada, soll Trainer Oleg Snarok nach der deutschen Halbfinalsensation gegen den Olympiasieger gesagt haben. Eine ernstzunehmende Herausforderung auf dem Weg zum ersten russischen Olympiasieg seit 1992, damals noch als GUS, sah er offenbar nicht. Und nach 20 gespielten Minuten durfte er sich bestätigt fühlen. Nichts war es mehr mit dem spektakulären Eishockey, das die DEB-Cracks zuletzt gezeigt hatten. Die Russen, sie waren zu Beginn das klar bessere Team, technisch stärker, kreativer in der Anlage - und gingen 0,5 Sekunden vor dem Ende des ersten Drittels durch Wjatscheslaw Wojnow in Führung.

Doch die Gewichte auf dem Eis verschoben sich schnell. Weil Deutschland sein aggressives Spiel zurückfand, den Gegner mit viel Physis entnervte und sich offensiv endlich etwas zutraute. Felix Schütz glich im Mitteldrittel mit Hilfe des russischen Goalies Wassili Koschetschkin zum 1:1 (30.) aus. Nach der erneuten OAR-Führung durch Gussew und der Blitz-Antwort des Münchener Top-Talents Dominik Kahuns, der nach diesem Turnier endgültig auf der Liste mehrerer NHL-Klubs stehen soll,  in der verrückten 53. Minute holte Jonas Müller das in den vergangenen Tagen viel besagte Momentum endgültig auf die Seite der einmal mehr leidenschaftlich spielenden Deutschen. In der 57. Minute stand es plötzlich 3:2 - die stolze Sbornaja drohte zur nationalen Peinlichkeit zu werden, ihr wären ähnlich vernichtende Pressestimmen wie den Kanadiern sicher gewesen.

Olympischer Sieger aus Russland
Olympischer Sieger aus Russland(Foto: AP)

Das erste deutsche Olympia-Gold, der größte Erfolg der Verbandsgeschichte nach zuvor zweimal Bronze 1932 in Lake Placid und 1976 in Innsbruck, war plötzlich unfassbar nah. Noch näher rückte er, als sich die Russen zwei Minuten vor Spielende noch eine Strafe einfingen. "Wir waren drei Minuten Olympiasieger", sagte DEB-Verteidiger Moritz Müller nach dem Spiel. Doch dann das Drama: Die Russen nahmen ihren Goalie raus und brachten einen fünften Feldspieler. Weil DEB-Profi Yannick Seidenberg seinen Helm verlor und deshalb vom Eis musste, wurde aus deutscher Überzahl plötzlich für Sekunden eine Unterzahl. Die reichte den OAR zum Ausgleich. 3:3 durch einen Stochertreffer von erneut Gussew, 55,5 Sekunden vor dem Ende. Verlängerung in einem höchst taktischen Eishockey-Showdown, hochspannend und völlig offen - bis Patrick Reimer sich eine Strafe einfing. Bis Kirill Kaprisow (70.) trocken abzog und Danny aus den Birken auf dem Eis liegen blieb.

"Der Moment, der tut sehr weh"

"Hat dir schonmal jemand ins Herz gestochen? Das ist ungefähr das Gleiche. Der Moment, der tut sehr weh, aber du kannst es nicht ändern", erklärte der Goalie später. Eine bemerkenswerte Aussage, die widerspiegelt, wie dicht Deutschland die Russen in diesem Finale am Rand einer Niederlage hatte. Wie nah sie dran gewesen waren an der Eishockey-Sensation. Wie viel Respekt sie sich erarbeitet hatten. Den gab's dann auch vom neuen Olympiasieger. Beim Shakehands umarmten die OAR ihre Gegenspieler herzlich, anerkennend. So etwas hatte es schließlich noch nie gegeben - und es wird sich wohl auch so schnell nicht wiederholen. Denn bei aller Klasse spielte der Mannschaft von Bundestrainer Marco Sturm bei ihrem Olympia-Märchen das Fehlen der NHL-Stars in den Kadern der sonst dominierenden Eishockey-Nationen in die Karten. Schmälert das die Silbermedaille mit dickem Goldrand? Auf gar keinen Fall!

"Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen", lobte Sturm sein Team und den finalen Kraftakt: "Heute war es einfach bitter. Aber der Stolz überwiegt. Ich bin einfach nur happy, dass die Jungs die Medaille mit heim nehmen." Und auch aus den Birken hatte sich nach dem Drama-Moment schnell wieder gefasst: "Wir lassen uns jetzt auch 40 Jahre lang feiern. Vielleicht hat Hollywood ja Lust, 'nen Film über uns zu drehen. Ich möchte dann nur, dass Brad Pitt mich spielt."

Genauso feierlaunig waren auch die OAR und sie unterliefen dabei das strikte IOC-Verbot bei diesen Spielen, das besagte: keine russische Hymne in Pyeongchang. Die war den Russen bei diesen Spielen wegen systematischen Staatsdopings verboten worden, die war wegen zweier Dopingfälle auch bei der Abschlussfeier nicht zu hören. Ein Grund, das neunte russische Olympiagold nicht zu feiern? Nicht für die OAR-Spieler und ihre Fans. Während bei der Siegerehrung die olympische Hymne für sie lief, sangen sie einfach ihre eigene.

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Quelle: n-tv.de