Eislauf-"Gott" räumt Zweifel abIlia Malinin schlägt mit atemberaubendem Kurzprogramm zurück

Ilia Malinin schlägt zurück. Der "Vierfach"-Gott der Eiskunstläufer räumt mit seinem Kurzprogramm vorerst alle Zweifel ab, dass er die Last der Olympischen Spiele womöglich nicht stemmen kann. Sein ärgster Rivale patzt derweil.
Ilia Malinin pustete kurz durch. Einmal, zweimal. Dann kniete er sich aufs Eis und legte los. Er wollte es der Welt zeigen, wie er es der Welt schon so häufig gezeigt hatte. Mit seinen 21 Jahren. Der Vierfach-Flip, er saß. Der Axel, der Lutz, der Toeloop, alles fast perfekt. Und doch baute sich der "Vierfach"-Gott eine kleine Sicherheitsbrücke ein. Den Axel, den er als einziger vierfach springt, gönnte er sich im Kurzprogramm der Olympischen Spiele vorerst nur dreifach. Nach den Wacklern im Team-Wettbewerb, Gold gab's dennoch, wollte er offenbar in der Einzel-Konkurrenz gar nichts riskieren. Er hatte ja auch gesehen, wie stark seine Rivalen waren.
Etwa Yuma Kagiyama, der für Japan Eiskunstlaufen in Perfektion gezeigt hatte. Er sollte Malinin im Einzel noch folgen. Der junge Amerikaner legt also vor. Und wie gut er das tat, inklusive seines Rückwärtssaltos, den er nur aufs Eis bringt, weil er es kann. Nicht, weil er ihm Punkte bringt. Aber Malinin hatte nach den etwas verkrampft wirkenden ersten Auftritten seine Leichtigkeit zurück. Untermalt mit Musik aus dem Videospiel "Prince of Persia" riss er das Publikum in der Milano Ice Skating Arena aus den Sitzen. .108,16 Punkte bekam er. Eine herausragende Bewertung, aber nicht so hoch indes wie jene von Kagiyama im Team-Kurzprogramm (108,67). Malinin lässt sich noch Luft nach oben. Mit dem Vierfach-Axel etwa, der, wenn er perfekt ausgeführt ist, sein Gold-Joker ist.
Mit seiner aktuellen Punktzahl ist er dran an seiner besten Leistung. Bei der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaft 2025 in Boston führte er nach dem Kurzprogramm mit 110,41 Punkten und verteidigte später den Titel in der Kür. Ein gutes Omen?
Nach dem erfolgreichen Vortrag nun streckte er die Zunge raus und ballte die Faust. Da schwang große Erleichterung mit. Nach den olympischen Wacklern zuvor hatte er viele Fragen zu beantworten, ob der Druck der Spiele vielleicht zu groß sei. Seine Antwort nun: "Ich bin die Sache definitiv anders angegangen als im Teamwettbewerb", sagte Malinin laut NBC. "Es war einfach unglaublich, wie sehr ich unter Druck stand, und ich war so aufgeregt – so voller Vorfreude aufs Laufen – und das hat sich gerächt. Deshalb wollte ich es im Einzelkurzprogramm etwas ruhiger angehen lassen, etwas entspannter sein und einfach abwarten, was passiert.“
Der Amerikaner geht mit einem souveränen Vorsprung in die Kür am Freitagabend. Wegen seiner eigenen Leistung, aber auch, weil Kagiyama sich einen Fehler erlaubte. In einem sonst erneut mitreißenden Kurzprogramm kam er nach dem dreifachen Axel zu Fall, dem vermeintlich leichtesten Sprung seiner Darbietung. Aber sofort schüttelte der Japaner den Patzer ab und lieferte. Die Fans feierten ihn lautstark. Am Ende zeigten sich die Punkterichter einigermaßen gnädig. Mit 103,07 Punkten zieht er ins Finale. Sein Trainer drückte danach seine Erleichterung mit einer Wischgeste am Kopf aus. Glück gehabt. Dritter nach dem Kurzprogramm ist der starke Franzose Adam Siao Him Fa (102,55). Für Italiens Hoffnungsträger Daniel Grassl dürfte der Medaillentraum trotz Platz vier ausgeträumt sein. Mit nur 93,46 Punkten ist sein Rückstand auf den Bronzerang schon gewaltig
Für emotionale Momente sorgte auch Maxim Naumov, der US-Amerikaner widmete den Auftritt seinen vor knapp einem Jahr verstorbenen Eltern. Jewgenia Schischkowa und Vadim Naumov - Paarlauf-Weltmeister von 1994 - waren bei einem Flugzeugunglück nahe Washington D.C. ums Leben gekommen, der Vorfall mit insgesamt 67 Todesopfern sorgte weltweit für Schlagzeilen. "Ich habe das Gefühl, dass sie mich heute geführt haben", sagte Naumov: "Ich habe ihre Anwesenheit gespürt. Bei jedem Gleiten und jedem Schritt, den ich auf dem Eis gemacht habe." Letztlich zog er als 14. (85,65) ins Kürfinale ein.