Olympia

Dopingjägerin Gotzmann zu Olympia "Keine Fairness und Chancengleichheit"

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Willommen in Rio? Die russischen Athleten erfreuen sich bei den Spielen nicht gerade uneingeschränkter Beliebtheit.

(Foto: imago/Kyodo News)

Der Eiertanz des Internationalen Olympischen Komitees um Russland, die Schuldzuweisungen an die Welt-Anti-Doping-Agentur, dazu Berichte über auf politischen Druck ausgesetzte Tests in Brasilien - auch ohne positive Tests überlagert das Thema Doping die Olympischen Sommerspiele in Brasilien. Andrea Gotzmann, Vorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur, räumt im Interview in Rio de Janeiro ein, dass die Entscheidung des IOC ein Rückschlag für den weltweiten Antidopingkampf war. Mit Blick auf die Winterspiele 2018 bleibt ein Ausschluss Russlands für sie eine ganz wichtige Forderung. Pfiffe für russische Athleten in Rio bewertet sie kritisch, auch wenn sie mit Blick auf Fairness und Chancengleichheit feststellt: "Im Moment sehe ich sie nicht."

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"Die Athleten sind enttäuscht, dass weiß ich": Andrea Gotzmann.

(Foto: imago/Eibner Europa)

n-tv.de: Russland darf trotz Staatsdopings unter eigener Flagge in Rio starten. Beschützt das IOC tatsächlich saubere Athleten, wie es im Olympischen Dorf großformatig zu lesen ist?

Andrea Gotzmann: Wir haben mit 13 weiteren nationalen Anti-Doping-Agenturen ganz klar einen Ausschluss von Russland gefordert. Wir sehen uns als Partner aller sauberen Athleten, die auf unserer Seite stehen. Nach der Entscheidung des IOC hoffe ich einfach, dass es zukünftig einen anderen Weg gehen wird.

Hieß das jetzt ja oder nein?

Die Athleten sind enttäuscht, dass weiß ich. Sie müssen mit der Entscheidung leben. Ob sie sie akzeptieren? Das weiß ich nicht, aber sie fühlen sich letztlich von ihrer nationalen Antidopingagentur vertreten. Ob sie sich vom IOC im Stich gelassen fühlen, das muss jeder Athlet mit sich selbst ausmachen.

Anders als das IOC hat das Internationale Paralympische Komitee einen Ausschluss Russlands für die kommenden Spiele beschlossen. Wie bewerten Sie die Entscheidung?

Das ist für mich die richtige Entscheidung. Es war ein sehr langes Statement, emotional, aber auch vom Regelwerk fundiert begründet. Genau das hätten wir uns auch vom IOC gewünscht. Es ist der richtige Weg, ganz klar zu sagen: Es kann nicht sein, dass Medaillen über Moral stehen. Dass das ein Verhalten ist, das man nicht akzeptieren kann, weil es gegen die paralympische Idee verstößt, gegen die Charta, aber auch gegen andere Regelwerke wie das der Wada.

Hat Sie diese klare Entscheidung überrascht nach dem Eiertanz des IOC?

Jetzt haben wir ja schon zwei: Die des Internationalen Leichtathletik-Weltverbandes, nach dessen strengen Kriterien letztlich nur eine russische Athletin übriggeblieben ist in Rio. Das war eine sehr starke Entscheidung. Und jetzt das IPC. Also zwei von drei Entscheidungen für den Ausschluss - und nur eine dagegen.

IOC-Präsident Thomas Bach hatte vor der Entscheidung die "härtestmöglichen Sanktionen" gegen Russland angekündigt. War es letztlich der härtestmögliche Schlag gegen den Antidopingkampf?

Vielleicht hätte man noch einmal nachfragen sollen, was die härtestmöglichen Sanktionen sein sollen. Die sind hier aus unserer Sicht nicht gezogen worden und das ist das, was uns und alle sauberen Athleten enttäuscht.

Wie stark ist der weltweite Antidopingkampf dadurch beschädigt, wenn sich das IOC einer klaren Empfehlung widersetzt und dann noch der Welt-Anti-Doping-Agentur Versagen vorwirft?

Das ist natürlich ein Rückschlag. Aber wir müssen gestärkt aus der Situation herausgehen. Wir haben die weltweite Empörung mitverfolgen können, mit der diese Entscheidung aufgenommen wurde. Wir haben uns mit unseren Partnern ganz klar positioniert und müssen uns jetzt im Nachgang der Spiele zusammensetzen und gucken: Wie kann die Antidopingarbeit künftig aussehen - mit der Wada, die wir stärken und unabhängig machen wollen. Sie muss künftig die Institution, die Fachkompetenz sein, die auch solche Entscheidungen wie im Fall von Russland trifft.

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Härtesmöglich? Thomas Bach.

(Foto: REUTERS)

Sind Sie persönlich enttäuscht von Thomas Bach?

Persönliche Einstellungen möchte ich hier außen vorlassen, das steht mir nicht zu. Ich habe als Nada-Vorstandsvorsitzende für die Athletinnen und Athleten Entscheidungen zu treffen.

Die Ermittlungsergebnisse des McLaren-Reports haben sich vor allem auf den Wintersport bezogen. Ist ein Olympia-Ausschluss von Russland für die Winterspiele 2018 unumgänglich?

Das Thema ist noch nicht durch. Die Forderung ist da, dass es nun einen Ausschluss für die Winterspiele geben muss, sie sind ja schon in anderthalb Jahren. Aber der McLaren-Report ist ja noch nicht abgeschlossen. Es ist ganz wichtig, dass Richard McLaren die Arbeit mit seinem Team fortsetzt. Gerade bezogen darauf, was der Whistleblower Grigori Rodschenko noch zu sagen hat. Es sind auch noch Daten da, die gar nicht ausgewertet worden sind. Dort muss es in den nächsten Wochen und Monaten noch einen richtigen Abschlussbericht geben. Dann wird sich zeigen, welche Forderungen sich noch anschließen sollten.

Mit dem Start der Spiele in Rio gab es Berichte, dass vorab Dopingkontrollen bei brasilianischen Topsportlern ausgesetzt worden sein sollen - auf Druck der Politik. Was wissen Sie darüber?

Da bin ich auch noch primär auf die Informationen aus den Medien angewiesen. Ich habe aber auch mit meinem Kollegen Luiz Horta Kontakt, der in Brasilien als Berater tätig war und die Misstände angeprangert hat. Mit ihm werde ich mich in Kürze austauschen, um ein objektives Bild zu bekommen. Die Wada muss aber unbedingt eine Untersuchung einleiten, um Transparenz zu schaffen: Was ist wirklich gelaufen? Und dann müsste sie prüfen, ob die nationale Anti-Doping-Agentur oder das nationale Olympische Komitee in Brasilien nach den Regeln der Wada noch "compliant" sind, also die Anforderungen erfüllen. Dieses Druckmittel muss die Wada einsetzen.

Ist solch eine politische Einflussnahme in ihren Augen auch Konsequenz aus den Milliarden, die ein Olympia-Gastgeber investieren muss?

Man kann natürlich darüber spekulieren, dass ein Gastgeber sehr viel in Olympische Spiele investiert und dann auch erfolgreiche Sportler sehen möchte. Das ist natürlich etwas, was wir nicht sehen wollen: diesen Druck auf die Athleten, diesen Medaillenzwang fast. Ohne Fakten, was genau in Brasilien gelaufen ist, ist das reine Spekulation.

Ist das auch in Deutschland denkbar?

Das sehe ich nicht. Ich glaube, dass wir uns mit der Nada, dem Anti-Doping-Gesetz und einem klaren Bekenntnis zum sauberen Sport eindeutig aufgestellt haben.

Der Experte Perikles Simon erwartet in Rio unabhängig von der Causa Russland die dopingverseuchtesten Spiele aller Zeiten. Was erwarten Sie?

Ich weiß nicht, worauf er diese Aussage stützt. Ich halte mich an das, was an Arbeit geleistet wird. Dann muss man künftig sehen, wenn wir die Möglichkeit haben, Proben erneut zu analysieren, Systeme zu durchleuchten, inwiefern solche Aussagen haltbar sind.

2008 und 2012 hatte es während der Spiele kaum positive Dopingtests gegeben, inzwischen sind es durch Nachtests über 100. Warum sollte das in Rio anders sein?

Weil alle Athleten wissen, dass die Proben aufbewahrt werden.

Das wussten sie damals auch.

Aber anscheinend war ihnen nicht klar, dass die Analytik sich so rasch weiterentwickelt. Sie forscht sehr intensiv an Methoden und daran, Substanzen länger nachweisbar zu machen und bislang unbekannte Substanzen zu finden. Es ist für mich ein ganz starkes Zeichen, sagen zu können: Betrüger können sich niemals sicher sein, dass wir sie nicht kriegen

Bei den Schwimmwettbewerben in Rio wurden die Russen von den Zuschauern ausgebuht. Haben Sie dafür Verständnis?

Das finde ich ganz schwierig. Die Entscheidung ist so getroffen worden, das muss man dann letztendlich akzeptieren. Ob man damit einverstanden ist, das ist die Frage, wo auch die Fairness einsetzen sollte. Aber es wird für alle russischen Athletinnen und Athleten hier in Rio nicht einfach werden.

Sie appellieren in Fairness auf den Rängen. Wie sieht es mit Fairness und Chancengleichheit in den Wettkämpfen aus, sehen Sie die gewährleistet?

Das ist unser Ziel, darauf arbeiten wir hin. Aber im Moment sehe ich sie nicht. Wir müssen ganz klar sagen: Wir haben keinen Kriterienkatalog mit Mindestanforderungen für die Antidopingarbeit, damit sich ein Athlet für Olympische Spiele qualifizieren kann. Dass es da Abstriche gibt, ist gerade zu erkennen. Das sollte für uns ein ganz klares Warnsignal sein, dass wir etwas tun müssen - um den Sport in seiner Glaubwürdigkeit, in der Anerkennung seiner Werte nicht extrem zu gefährden.

Mit Andrea Gotzmann sprach Christoph Wolf.

Quelle: ntv.de

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