Olympia

"Kämpfe für Deine Träume!" Zwölfjährige schreibt in Tokio Geschichte

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Graues Shirt, langer Zopf und große Träume: Hend Zaza ist die jüngste Teilnehmerin der diesjährigen Olympischen Spiele.

(Foto: picture alliance / GEORG HOCHMUTH / APA / picturedesk.com)

Ihr Auftritt bei den Olympischen Spielen dauert nur 24 Minuten. Aber er ist besonders. Mit gerade einmal zwölf Jahren wird die syrische Tischtennisspielerin Hend Zaza die jüngste Teilnehmerin der Spiele in Tokio. Ihre Gegnerin zeigt sich beeindruckt.

Nach 24 Minuten waren die Olympischen Spiele für Hend Zaza vorbei. Für ihren Traum hatte sie lange gekämpft. Für sie war es ein Hoffnungsschimmer nach Jahren des Kriegs in ihrer Heimat Syrien. Es waren Jahre, die Zaza wie ein ganzes Leben vorkamen und auch waren. Mit gerade einmal zwölf Jahren ist sie die jüngste Teilnehmerin der Olympischen Spiele in diesem Sommer. Bereits bei der Eröffnungsfeier wurde ihr eine große Ehre zuteil: Sie durfte die Fahne Syriens ins Stadion tragen.

Keine 24 Stunden später trug sie sich am Samstag erneut in die Geschichtsbücher ein. Mit zwölf Jahren und 204 Tagen war sie zum Zeitpunkt ihres ersten und letzten Auftritts in Tokio die jüngste Athletin bei den Spielen. Qualifiziert war sie bereits für die Spiele im vergangenen Jahr. Auf ihrem Weg zu den Olympischen Spielen hatte sie bei der West-Asien-Qualifikation im entscheidenden Match die 42-jährige Libanesin Mariana Sahakian besiegt.

"In den vergangenen fünf Jahren habe ich viel erlebt - insbesondere durch den Krieg in meiner Heimat. Ich habe für meine ersten Olympischen Spiele gekämpft", sagte Zaza nach ihrer Niederlage ohne Satzgewinn. Die Österreicherin Liu Jia brachte all ihre Routine ein. Gerne hätte die Zwölfjährige ein Ausrufezeichen gesetzt, doch sie zeigte sich zufrieden: "Es hat sich gelohnt. Und das ist meine Message an alle, die ebenfalls einen großen Wunsch haben: Kämpfe für Deine Träume, arbeite hart dafür, überwinde all die Schwierigkeiten - und Du wirst Dein Ziel erreichen."

Nur vier Olympioniken waren jünger

Schwierigkeiten haben sich ihr genug in den Weg gestellt. Aufgewachsen in Hamah, Syrien, diesem seit einer Dekade von einem Krieg geplagten Land. Manchmal, so schreibt der "Guardian", konnte Zaza nicht einmal auf einen Schläger und Bälle zurückgreifen. Die Halle habe nicht einer Sporthalle geglichen. Zusammengefasst: Training unter schwierigen Bedingungen in einem Land, in dem ein Krieg tobt. "Es gab Stromausfälle in dem Raum, in dem wir stundenlang festsaßen", erzählte ihr früherer Trainer Adham Jamaan im Gespräch mit der französischen Nachrichtenagentur AFP. Internationale Erfahrung hatte sie auch kaum sammeln können. Die Ausreise aus Syrien gestaltet sich zumeist schwierig, heißt es.

Ihre Geschichte bewegte. Auch das IOC, das in das Archiv hinabstieg und mit einem Ergebnis wieder ans Tageslicht trat: Nur vier Olympioniken bei Sommer- und Winterspielen waren jünger als Zaza, zuletzt die rumänische Eiskunstläuferin Beatrice Hustiu bei den Spielen 1968 in Grenoble. Der jüngste Teilnehmer in der Geschichte der modernen Spiele, so teilt es das Internationale Olympische Komitee mit, ist der Grieche Dimitrios Loundras, der bei der ersten Auflage 1896 in Athen im zarten Alter von zehn Jahren in der Mannschaft der Gastgeber turnte.

Und jetzt stand sie da, die junge Zaza, an diesem olympischen Samstag und traf auf die erfahrene Österreicherin Liu. Olympia ist für die 39-jährige längst zur Routine geworden. Zum mittlerweile sechsten Mal nimmt sie an den Spielen teil, doch so ein Interesse an einem Olympia-Match von ihr, habe sie noch nie erlebt. "Es ist so, also ob ich gerade im Finale eine Medaille geschafft hätte. So viel Aufmerksamkeit war das." Die Vorbereitungen für das Spiel seien nicht einfach gewesen. Würde sie Zaza unterschätzen? Ein Sieg war Pflicht.

"Dann verlierst Du besser nicht!"

"Ich war mir bis zuletzt nicht sicher, mit welchen Emotionen ich spielen soll. Gleich Vollgas oder sie ein bisschen mitspielen lassen?" So richtig ins Spiel kam Zaza nicht. Einmal, im zweiten Satz, konnte sie sich eine 6:2 Führung herausarbeiten, aber am Ende war Liu zu stark. "Ich habe mit sehr viel Erfahrung gewonnen. Sie ist noch ein Kind."

Ein Kind noch und nicht viel älter als Lius Tochter. Die hatte ihrer Mutter vor dem Spiel einen klaren Auftrag erteilt. "Weiß doch jeder: Es ist schon ein bisschen peinlich, gegen jemanden zu verlieren, der so jung ist", sagte Liu. "Gestern fragte ich meine Tochter: 'Weißt Du, dass Deine Mutter gegen jemanden spielt, der zwei Jahre älter ist als Du?' Ihre erste Reaktion war: 'Dann verlierst Du besser nicht!' Ich sagte: 'Setz' mich nicht unter Druck!'" Trotz des letztendlich klaren Siegs hatte Liu nichts als Respekt für ihre Gegnerin. "Man weiß, welche Rahmenbedingungen sie daheim hat und dass da Frauen oft keine Rechte haben. Dass sie schon hier ist, verdient von mir einen riesengroßen Applaus."

Während Liu sich nun auf ihre nächste Partie gegen die Ukrainerin Ganna Gapanowa vorbereitet, beginnt für die jüngste Olympia-Teilnehmerin die Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Paris in drei Jahren. "Es war eine gute Lehrstunde", sagte Zaza. "Nächste Mal wird es hoffentlich besser." Sie hat große Träume. Sie will Weltmeisterin werden, Olympiasiegerin. Sie will nie wieder aufhören, für ihre Träume zu kämpfen. Und später einmal als Apothekerin oder Rechtsanwältin auf ihre große Reise zurückblicken.

Quelle: ntv.de, sue

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