Olympia

Training nach Klinik-Schicht Die unermüdliche Reise einer Ruderin

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Joan Poh kam erst 2014 zum Rudern.

(Foto: REUTERS)

In ihrem ersten Rudervorlauf hat Joan Poh 45 Sekunden Rückstand auf die Erste. Während der Pandemie bricht sie ihre Olympia-Vorbereitung ab und versorgt Patienten in Singapur - denn die 30-Jährige ist eigentlich Krankenschwester.

Manchmal sind es die abseitigen Geschichten, die die Olympischen Spiele so besonders machen. Gerade in Pandemiezeiten. Eine davon ist die von Joan Poh. Ihre Spiele begannen mit einem besonderen Moment. Erstmals seit 15 Monaten traf sie ihre Trainerin wieder. Die Kanadierin Laryssa Biesenthal coachte Poh lange Zeit virtuell aus der Ferne. Fast anderthalb Jahre lag zwischen der zweifachen Bronzegewinnerin und der Athletin aus Singapur 12 Stunden Zeitverschiebung. Für ihren Olympia-Traum nahm die gelernte Krankenschwester Poh so einiges auf sich.

Sie ist eine der nur 23 Athlet:innen, die aus Singapur zu den Olympischen Spielen reisten. Die meisten davon sind beim Schwimmen, Tischtennis oder Segeln. Als Einzige tritt die 30-Jährige im Rudern an, im Einer der Frauen. Zu dem Sport kam sie erst 2014, ihre Anfänge lagen auch beim Segeln und dem Drachenboot. Ihre Vorbereitung begann sie Anfang 2019 mit Reisen nach Hongkong, Griechenland, China, Kanada und Australien. Dafür verließ sie ohne Bezahlung für 16 Monate das Krankenhaus, in dem sie arbeitete.

In der Zeit, während sie sich auf das Mega-Event vorbereitete und an ihrer Technik feilte, verteilte sich Stück für Stück das Coronavirus auf der ganzen Welt. Auch in ihrem Heimatland Singapur. Anfang 2020 bat dann auch Singapurs Regierung das medizinische Personal um Hilfe. Damit auch Poh. Als Krankenschwester "spürte sie ein wachsendes Gefühl von Verantwortung", wie später selbst sagte.

Zwischen Zehn-Stunden-Schichten und Ruder-Training

Poh unterbrach ihr Training und kehrte zurück. Sie wollte dem Krankenhaus, das sie bei ihren Olympia-Träumen unterstützte, etwas zurückgeben und stellte ihre Ambitionen zurück. Sie war nie eine "Athletin, die etwas gewann" erzählte sie, alles, was sie hatte "war ein Traum", dennoch gab es von ihrer Arbeitsstelle immer Unterstützung.

Zurück in Singapur stand sie als Dialyse-Expertin zwar nicht an vorderster Corona-Front, war ihr aber relativ nah. Nierenversagen ist eine mögliche Komplikation bei Covid-Patienten. Dann sind diese auf die Hilfe der Ruderin Poh angewiesen. Während dieser anstrengenden Monate hatte sie ihren Traum von Tokio nie wirklich begraben. Obwohl unklar war, wann die Pandemie endet oder ob die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden.

Im Krankenhaus absolvierte sie Zehn-Stunden-Schichten. Davor und danach schob sie die Trainingsblöcke ein. Bisweilen von der Arbeit direkt ins Fitnessstudio. Dazwischen musste sie ab und an für Notfallschichten einspringen. Manchmal verzichtete sie dafür auch auf eine Mahlzeit. Um die verlorene Zeit auszugleichen, verbrachte sie die Wochenenden hin und wieder komplett auf dem Wasser, wie sie der "New York Times" erzählte: "Wenn ich bei der Arbeit bin, bin ich zu 100 Prozent eine Krankenschwester. Wenn ich trainiere, bin ich zu 100 Prozent eine Ruderin. Es geht immer darum, die Balance zu finden."

Die Erfahrungen aus dem Krankenhaus veränderten ihren Alltag, auch als sie sich im März 2021 wieder auf das Rudern fokussierte. Häufig ist sie die einzige, die ihren Sitzplatz im Bus desinfiziert oder den Rucksack aus Sorge vor einer Kontamination nicht absetzt. Und dafür Blicke von den anderen Menschen um sie herum bekommt.

Es ist wie frisch gewaschene Wäsche

Für die meisten der rund 11.000 Athlet:innen waren die vergangenen anderthalb Jahre eine Zeit der Unsicherheit. Auch eine Zeit der Sorge. Finden die Spiele statt? Bleibe ich bis dahin gesund? Poh ist eine der 11.000, die nie genau wussten, ob sich ihr großer Traum erfüllen wird. Anders als bei einer Fußball-Europameisterschaft sind es nicht nur professionelle Sportler:innen, die bei den Spielen antreten.

Das große Geld gibt es nur selten in den Vereinen. Sie sind auf ihre die Unterstützung ihrer Arbeitsstellen, Stipendien und Förderung angewiesen. Alles wird Olympia untergeordnet. So machte es auch Poh. Während ihrer gesamten Zeit im Krankenhaus war nie klar, ob die Spiele nun stattfinden werden. Auch im frühen Mai 2021 war noch nicht hundertprozentig klar, ob sie gemeldet wird.

Mit der Unsicherheit ging Poh erstaunlich locker um, wie sie Anfang Mai der "Straits Times" erzählte. Es sei wie mit frisch gewaschener Wäsche gewesen. Behält man die nasse Wäsche drinnen, auch wenn man unsicher ist, ob es noch regnen wird? "Nein. Die logische Sache ist, sie nach draußen zum Trocknen zu hängen und bis zur letzten Minute zu warten, bis es regnet. Erst dann holst Du sie rein." Joan Poh hatte Glück. Nun ja, sinnbildlich blieb ihre Olympia-Wäsche trocken und sie konnte nach Tokio reisen. Als zweite Ruderin ihres Landes überhaupt wird sie Singapur dort vertreten. Sie mag keine "Athletin sein, die etwas gewinnt" - ihr Geschichte aber atmet den olympischen Geist.

Quelle: ntv.de

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