Technik

Von wegen Zukunftsoffensive Deutschland ist Glasfaser-Entwicklungsland

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In Deutschland geht der Ausbau des Glasfasernetzes nur schleppend voran.

(Foto: picture alliance / dpa)

Egal, was die Regierung in Sachen Digitalisierung herausposaunt, sieht die Realität in Deutschland einfach nur trist aus. Beim enorm wichtigen Glasfaserausbau gibt es kaum ein europäisches Land, das schlechter dasteht als die Bundesrepublik.

Die Netzallianz Digitales Deutschland ist eine vom Bundesinfrastruktur-Ministerium ins Leben gerufene Initiative aus Telekommunikationswirtschaft und Politik. Ihr Ziel ist, Deutschland bis Ende 2025 zur "Gigabit-Gesellschaft" zu machen. Laut der Broschüre "Zukunftsoffensive Gigabit-Deutschland" stellt sie "eine fortgeschrittene Informationsgesellschaft dar, die vollständig von Informations- und Kommunikationstechnik durchdrungen ist. Menschen, Maschinen, Dinge und Prozesse werden nahtlos miteinander vernetzt werden können". Zwingende Voraussetzung für die "Industrie 4.0", autonomes Fahren, mobiles 4K-Streaming und andere Anwendungen der leuchtenden Gigabit-Zukunft ist aber ein flächendeckendes Glasfasernetz. Ohne es gibt es keine kabelgestützten Gigabit-Anwendungen und auch kein 5G-Netz für den mobilen Einsatz.

Die vom Dobrindt-Ministerium geschmiedete "Netzallianz" sieht einen Ausbau in vier Etappen vor. Erstes Ziel ist, bis Ende 2018 eine flächendeckende Internet-Versorgung mit Geschwindigkeiten von mindestens 50 Megabit pro Sekunde (Mbit/s) zu verwirklichen. Ende des folgenden Jahres sollen bestehende und neue Gewerbegebiete ausschließlich mit Glasfaseranschlüssen versorgt sein. Ende 2020 sollen die Voraussetzungen für den 5G-Start geschaffen sein, Ende 2025 soll die "gigabitfähige konvergente Infrastruktur in Deutschland" stehen.

Deutschland auf der Kriechspur

Das liest sich so, als habe Deutschland in Sachen Glasfaserausbau eine Vorreiterrolle inne. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Laut einer gemeinsamen Studie der Bertelsmann Stiftung und des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) investieren aber fast alle OECD-Staaten mehr in den Ausbau ihrer Glasfasernetze als die Bundesrepublik. Sie bauten Datenautobahnen, während Deutschland immer noch auf der Kriechspur fahre, so das vernichtende Urteil der Studie. "Unambitionierte Ziele, eine fehlende gesamtstaatliche Strategie, unkoordinierte Förderprogramme und fehlender Mut, konsequent auf Glasfasertechnologien zu setzen", seien die Hauptursachen für das Hinterherhinken Deutschlands. "Der aktuelle Stand der Glasfaser-Versorgung ist nicht gut, aber das eigentliche Drama ist, dass der Aufholprozess durch politische Weichenstellungen unzureichend unterstützt wird", sagt Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Das Resultat sind ernüchternde Zahlen, die das Ziel, eine "Gigabit-Gesellschaft" in nicht mal neun Jahren errichten zu wollen, als utopisch erscheinen lassen. In Estland profitieren bereits 73 Prozent, in Schweden 56, in Spanien 53 und in der Schweiz immerhin 27 Prozent der Haushalte von direkt verfügbaren Glasfaserverbindungen. In Deutschland hingegen gilt das für lediglich 6,6 Prozent der Haushalte. Im ländlichen Bereich beträgt die Abdeckung mit Glasfaser-Leitungen gerade einmal 1,4 Prozent.

Vectoring bremst

Im internationalen Vergleich sehen die von Dobrindts "Netzallianz" gesteckten Ziele auch nicht besonders mutig aus. Denn laut Studie sind insbesondere "unambitionierte nationale Ziele" die Ursache für Deutschlands Hinterherhinken. Die Europäische Union will bis 2020 jeden zweiten Verbraucher mit 100 Mbit/s schnellen Leitungen versorgen, Deutschland hingegen nur mit 50 Mbit/s. Die Verfasser zweifeln auch an, dass dieses niedriger gesetzte Ziel den Glasfaserausbau fördert, da diese Geschwindigkeiten auch mit Kupferkabeln und dem sogenannten VDSL-Vectoring erreicht werden könnten. Im Ergebnis führe die Genehmigung der Vectoring-Strategie zu einem deutschen Sonderweg und verhindere einen konsequenten Glasfaser-Ausbau, sagt Kirsten Witte, Kommunalexpertin der Bertelsmann Stiftung.

Als Beispiele, wie man es besser macht, nennt die Studie Estland und Schweden, wo sich kommunale Versorger um die Glasfaseranschlüsse der Bürger kümmerten. Dort habe man den Gedanken der Daseinsvorsorge, ähnlich wie bei Energie und Wasser, auf den Breitbandanschluss übertragen. Gelobt werden auch die runden Tische in der Schweiz, an denen unter staatlicher Moderation der Ausbau koordiniert wird.

Die Verfasser der Studie fordern auch in Deutschland ambitioniertere Ziele, eine bessere Koordination und eine engere Einbindung von Ländern und Kommunen und einen Ausbau von Netzen durch städtische Versorgungsbetriebe. "Allein schon die lokale Wirtschaftsförderung müsste daran ein herausragendes Interesse haben: Denn schnelles Internet ist für Firmen und Bürger ein entscheidender Standortfaktor", sagt Bernd Beckert, Koordinator der Studie beim Fraunhofer ISI.

Quelle: n-tv.de, kwe