Technik

Faire Hochtechnologie aus Hessen Ein Smartphone, das die Welt verändern soll

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Nur das Shift-Plakat auf diesem verlassenen Fachwerkhaus (das die Shift-Gründer demnächst zu einem Dorfladen umbauen wollen) verrät, dass in Falkenberg Hochtechnologie entsteht.

(Foto: Julian Vetten)

In der nordhessischen Provinz schicken sich zwei Brüder an, die Welt der intelligenten Mobilfunkgeräte umzukrempeln: Das Shiftphone ist nicht nur nachhaltig und fair produziert, sondern muss sich auch bei Technik und Preis nicht vor der Konkurrenz verstecken.

Der Weg nach Falkenberg führt vorbei an goldgelben Feldern, sanft geschwungenen Hügeln und nordhessischen Dörfern, die wirken, als wären sie aus der Zeit gefallen. Falkenberg macht da auf den ersten Blick keine Ausnahme, es gibt hier 756 Einwohner, ein Autohaus, einen Fußballverein sowie eine Gaststätte, die für ihre halben Hähnchen bekannt ist. Und die Firma, die das erste weitestgehend fair und nachhaltig produzierte Smartphone aus Deutschland erdacht und auf den Markt gebracht hat. Ein Fachwerkhaus mit dem Firmenplakat, dahinter eine Hofeinfahrt, am Ende des Weges das Hauptquartier von Shift in einem unscheinbaren Doppelhaus: Hochtechnologie, made in Hessen.

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Die beiden Gründer Samuel (l.) und Carsten im heimischen Garten, nur einen Steinwurf vom Shift-Hauptquartier entfernt.

(Foto: Jonathan Linker)

"Wir wollen unter dem Strich so viel Gutes wie möglich tun, ohne dabei Schlechtes zu tun", umreißt Carsten Waldeck, der Shift zusammen mit seinem Bruder Samuel und Vater Rolf gegründet hat, die Triebfeder für das Schaffen der Unternehmer - wohl nicht ganz zufällig an den Google-Slogan "Don't be evil" angelehnt, der in den vergangenen Jahren ein paar Kratzer abbekommen hat. "Außerdem ist der Carsten ein Erfindergeist, der kann nicht lange still sitzen", nimmt Samuel der gravitätischen Ansage mit einem Schmunzeln die Spitze. Carstens Umtriebigkeit zahlt sich aus: Vom ersten Shiftphone, dem Shift7, das die Brüder 2015 auf den Markt warfen, bis zum aktuellen Modell Shift6m (den ausführlichen Test lesen Sie ab Dienstag, den 2. Oktober auf n-tv.de), das aktuell 555 Euro kostet und vergleichbaren Modellen der großen Hersteller in technischer Hinsicht zumindest ebenbürtig ist, ist eine Menge passiert.

"Ein Smartphone entwickeln, wie vermessen!"

Reportageserie Mittelstädte

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Dabei hatten die beiden Brüder am Anfang ihres Weges eigentlich etwas ganz anderes im Kopf: "Wir haben einen mobilen Kamerakran gecrowdfundet", sagt Carsten. Weil sie statt der erhofften 10.000 Euro das Zwölffache der Summe einsammelten, sollte auch noch ein internetfähiger Referenzmonitor dazukommen, um die Kamera bequem per Fernsteuerung kontrollieren zu können. "Da ist uns aufgefallen, das ist ja im Grunde genommen ein Tablet, was wir da bauen wollen."

Eine fixe Idee nimmt in Carstens Kopf langsam Form an: Wenn ein Tablet im Bereich des Möglichen liegt, warum dann nicht auch ein Smartphone? Zumal der 47-Jährige mit dem jugendlichen Funkeln in den Augen schon bei seiner Diplomarbeit 1991 über die Möglichkeiten multifunktionaler Telefone nachgedacht hat, satte 15 Jahre vor dem Release des ersten iPhones. Trotzdem musste Carsten erst einmal Überzeugungsarbeit leisten: "Mein Vater und ich waren zuerst dagegen: Ein Smartphone entwickeln, wie vermessen!", erinnert sich Samuel.

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So sieht das Shift6m aus, das derzeitige Schlachtschiff des Unternehmens.

(Foto: Shift)

Dass die Familie sich dann doch auf das Wagnis einließ, ein eigens designtes Smartphone crowdfunden zu wollen, hat wohl zu gleichen Teilen mit Carstens technischer Expertise und der enorm ansteckenden Überzeugungskraft des Erfinders zu tun. Zusammen sannen die Brüder über ihr Traumprodukt nach: Modular sollte das Telefon sein, damit die Nutzer nicht gleich wegen eines kaputten Displays oder einer veralteten Kamera auf ein neues Modell umsteigen müssten; außerdem so fair und nachhaltig wie möglich produziert, ansprechend im Design und so günstig und leistungsfähig wie vergleichbare Smartphones der großen Hersteller. Im Endeffekt wollten die Waldecks also den Wolpertinger unter den Telefonen entwickeln. Unmöglich, befanden die Kritiker. Jetzt erst recht, sagten die beiden Brüder.

Chinesische Probleme

Zunächst lief alles nach Plan: Die Crowdfunding-Kampagne endete zwar nicht ganz so spektakulär wie zuvor bei dem Kamerakran, trotzdem sammelten die Waldecks fast das Eineinhalbfache der veranschlagten Summe ein. Auch die Entwicklung des Prototyps verlief vielversprechend - und obwohl die beiden Brüder im Vergleich zur Konkurrenz nur eine verschwindend geringe Zahl an Telefonen herstellen wollten, fanden sie einen Partner im chinesischen Smartphone-Mekka Shenzhen, der ihnen einen Platz an der Fertigungslinie freiräumen wollte.

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Die Shift-Zentrale sitzt in einem unscheinbaren Doppelhaus.

(Foto: Julian Vetten)

Die Probleme begannen erst, als Carsten eine Woche vor dem geplanten Produktionsstart in die chinesische Metropole mit ihren zwölf Millionen Einwohnern reiste, um mit eigenen Augen die Bedingungen vor Ort zu begutachten. Was folgte, war ein Riesenschock: Der chinesische Produzent hatte aus Gründen der Wirtschaftlichkeit eine ganze Reihe von Spezifikationen geändert - die Akkus ließen sich nicht so einfach austauschen wie gewünscht, das finale Design wich stark vom ursprünglich vereinbarten ab und die Arbeitsbedingungen vor Ort entsprachen in keinster Weise dem, was sich die Waldecks vorgestellt hatten. Alles in allem ein No-Go für Carsten: "Wir hatten den Unterstützern unserer Crowdfunding-Kampagne etwas anderes versprochen als das, was ich in Shenzhen zu sehen bekam." So konnten und wollten die Brüder ihr Telefon nicht auf den Markt bringen, denn: "Vertrauen ist alles."

Das Worst-Case-Szenario war eingetreten: "Da stand ich in Shenzhen, hatte noch ein paar Tage Aufenthalt und kein Handy." In Windeseile organisierte der Erfinder zusammen mit seinem chinesischen Übersetzer diverse Termine bei Entwicklerstudios in der Stadt, von denen einer ernüchternder endete als der andere. Carsten Waldeck hatte die Hoffnung fast schon aufgegeben, als er und sein Übersetzer mitten auf der Straße einen alten Schulfreund seines chinesischen Kollegen trafen. "Das muss man sich mal vorstellen: In einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern und einer Megastadt wie Shenzhen stoßen wir plötzlich auf diesen Typen, der bei einem Displayhersteller arbeitet, den wir noch nicht aufgesucht hatten. Die beiden hatten sich seit Jahren nicht gesehen und laufen sich dann ausgerechnet an diesem Tag über den Weg, unglaublich", erinnert sich Carsten.

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Die Produktionsbedingungen der chinesischen Arbeiter von Shift sind im Vergleich zur üblichen Praxis von Foxconn & Co. traumhaft.

(Foto: Shift)

Die Zufallsbegegnung ist ein glatter Volltreffer: Unter den unzählbaren Smartphone-Schmieden Shenzhens stöbert Carsten ausgerechnet eine der wenigen auf, die außerhalb der üblichen Denkmuster arbeiten. "Normalerweise reden die Produzenten nicht mal mit dir, wenn du denen mit Stückzahlen unter einer Million kommst." Bei den Waldecks ging es um lediglich 50.000 Einheiten. Statt den hessischen Erfinder abzuwimmeln, wollte der Chef der chinesischen Firma die Originalzeichnungen des Shift7 sehen - und war kurz darauf Feuer und Flamme: "Wahnsinn, genau das will ich machen", überliefert Carsten die Antwort seines heutigen Partners.

Idealismus trifft Realismus

Es war das Shiftsche Komplettpaket, das die Chinesen überzeugte: Der modulare Ansatz in Kombination mit dem eleganten Design und den angestrebten Arbeitsbedingungen war etwas völlig Neues in der Welt der Smartphones: Zwar gab es mit dem niederländischen Fairphone bereits ein nachhaltig produziertes Handy, allerdings mussten Nutzer zum Wohle der Umwelt gewaltige Abstriche in puncto Funktionalität machen. Die Waldecks dagegen wandeln auf dem schmalen Grat zwischen Idealismus und Realismus: "Uns geht es nicht hauptsächlich um tolle Geschäftszahlen. Auch deshalb sehen wir es nicht mehr ein, warum man Dinge zukleben muss", sagt Carsten. Das Shift6m besteht deshalb aus mehr als 20 einzelnen Modulen, die sich mithilfe von Videoanleitungen und einem handelsüblichen Schraubenzieher vergleichsweise einfach austauschen lassen: Macht der Akku irgendwann die Grätsche, kann man für gerade einmal 19 Euro einen neuen bestellen. Ähnlich verhält es sich mit Kamera, Display, Mainboard oder Lautsprecher.

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Ein Fußballverein, eine Kneipe und Deutschlands erstes fair produziertes Smartphone: Das ist Falkenberg.

(Foto: Julian Vetten)

Eine härter zu knackende Nuss war dagegen die Produktion selbst: Am einfachsten lassen sich Smartphones als Endprodukt nach Europa transportieren, "der alleinige Transport von Displays wäre eine ökologische Katastrophe, weil die Bildschirme zu ihrem Schutz extrem aufwändig verpackt werden müssten", sagt Samuel Waldeck. Abgesehen davon konzentriert sich fast die gesamte Smartphone-Fertigung auf den asiatischen Raum.

Anstatt also eine eigene Fertigungslinie in Deutschland aufzumachen, konzentrierten sich die Shift-Gründer darauf, für humane Arbeitsbedingungen in China zu sorgen: Die Mitarbeiter in Hangzhou verdienen im Durchschnitt 1000 Euro im Monat und haben an den Wochenenden frei. Das klingt zunächst nach nicht viel, ist aber ein himmelweiter Unterschied zu Apple-Zulieferer Foxconn und anderen Produzenten, wo die Arbeiter gerade einmal ein Viertel der Shift-Löhne bekommen und obendrein in der Regel eine Sechs-Tage-Woche abreißen müssen.

Ein All-in-one-Gerät soll Geschichte schreiben

Auf der Materialienseite verzichtet Shift auf Konfliktmaterialien wie Coltan und verwendet stattdessen Keramik, das verbaute Gold kommt aus fairem Abbau. Bei aller Fairness weisen die Shift-Brüder dennoch daraufhin, dass es ein komplett nachhaltig produziertes Smartphone (noch) nicht gibt: "Am nachhaltigsten ist es immer noch, ein gebrauchtes Telefon zu kaufen." Trotzdem scheinen die Waldecks den richtigen Weg zu gehen: 555 Euro für ein technisch ausgereiftes Smartphone, bei dem man für sein grünes Gewissen auf nichts verzichten muss, das ist eine starke Ansage.

Auf Werbung verzichten die Brüder dabei komplett, auch aus Gründen eines gesunden Wachstums. 20 Handys verkauft das Gespann momentan täglich, obwohl Kunden bis zu acht Wochen auf ihr Telefon warten müssen. Produktionstechnisch möglich wäre ein bis zu sechs Mal so hoher Absatz - die Waldecks wollen vorbereitet sein.

Wie ambitioniert die Pläne der Shift-Macher tatsächlich sind, zeigt sich am Ende des Besuchs in Falkenberg: Im Besprechungszimmer, das gleichzeitig auch als Proberaum für die musikbegeisterten Brüder fungiert, zeigt Carsten erste Bilder von einem Modulargerät, das spätestens 2020 die Welt der Mobilgeräte verändern soll. Dank einer stark verbesserten Prozessortechnologie (aktuell ist Qualcomms Snapdragon 865 geplant) möchten Carsten und Samuel den ersten praktikablen All-in-one-Device der Computergeschichte auf den Markt bringen - ein Smartphone, das gleichzeitig auch noch Tablet, Laptop und Desktop sein soll. Ob sich der Traum der Brüder erfüllt, steht zwar noch in den Sternen. An einem mangelt es aber garantiert nicht: Tat- und Vorstellungskraft. Hochtechnologie, made in Hessen. Klingt komisch, ist aber so.

*Datenschutz

Quelle: n-tv.de

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