Technik

Neuauflage ohne Nerd-Faktor Google Glass soll schöner auferstehen

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Google Glass: Beim Design ist noch Luft nach oben.

(Foto: Google)

Google nimmt seine Computerbrille Google Glass aus dem Verkauf und stoppt das "Glass Explorer"-Programm. Doch was manche als das Ende des ambitionierten Projekts deuten ist viel eher ein Schritt nach vorne. Unter neuer Leitung soll die Brille erwachsen werden - und endlich auch schön?

Als Google im Januar das "Glass Explorer"-Programm und den Verkauf seiner Computerbrille einstellte und Google Glass aus den Google-X-Geheimlaboren auslagerte, sahen manche darin das Ende des ambitionierten Projekts. Doch Glass ist nicht tot, vielmehr könnte es jetzt erst richtig losgehen. Unter der Leitung einer neuen Doppelspitze und mit den bisherigen Erfahrungen im Rücken soll das Projekt Google Glass noch einmal von Grund auf neu entwickelt werden.

Raum zur Verbesserung gibt es reichlich. Der Google-Brille kann vieles nachgesagt werden, doch ein Publikumserfolg war sie nie. Sie wurde von Anfang an skeptisch beäugt, als Nerd-Accessoire abgestempelt, ihre Träger zu "Glassholes" erklärt, und das nicht nur von Menschen, die sich Sorgen um ihre Privatsphäre machten. Manche sahen in der Brille das "schlechteste Produkt aller Zeiten", andere sammelten bei Tumblr zur allgemeinen Belustigung Fotos von "weißen Männern, die Google Glass tragen". Die Brille hatte schnell ihren Ruf weg: ein sündhaft teures Nerd-Produkt mit zahlreichen Softwarefehlern, miserabler Akkulaufzeit, ungeklärten Privatsphäre-Bedenken und fragwürdigem Design.

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Glass-Träger geraten schnell unter Nerd-Verdacht.

(Foto: Google)

Die Idee dahinter, mit Glass möglichst früh in die Öffentlichkeit zu gehen, kam von Googles Mitgründer Sergey Brin, der Glass vor rund fünf Jahren zu seinem Steckenpferd erklärt hatte. Das berichtet die "New York Times" und beruft sich dabei auf ehemalige Angestellte, die in Googles Geheimlabor Google X an dem Projekt gearbeitet haben. "Das Team von Google X wusste", zitiert die Zeitung einen Mitarbeiter, "dass das Produkt nicht einmal annähernd bereit war für den großen Auftritt". Doch Brin und Googles Marketingabteilung sahen das anders, für sie war Glass ein offenes Projekt, eine Operation am offenen Herzen, an der sich Early Adopter beteiligen konnten - vorausgesetzt, sie waren bereit, den horrenden Preis von 1500 US-Dollar zu zahlen. Man wollte das Feedback der Glass-Träger nutzen, um Design und Funktionen der Uhr anzupassen und zu verbessern.

Keine öffentlichen Experimente

Beim breiten Publikum wurde Glass aber vor allem als unfertiges Produkt mit zahlreichen Makeln wahrgenommen. Das Interesse der Entwickler ging zurück, selbst Brin hörte auf, die Brille in der Öffentlichkeit zu tragen, Mitarbeiter verließen das Team. Im Januar teilte Google dann mit, die Computerbrille aus dem Verkauf zu nehmen und das "Glass Explorer"-Projekt einzustampfen. Ein konsequenter Schritt, der aber nicht das Ende der Brille bedeutete. Im Gegenteil: Bei Google X werden seit Jahren die Grenzen des technisch Machbaren ausgelotet. Man forscht an Zukunftsprojekten, an selbstfahrenden Autos, Internetballons oder dem modularen Smartphone-Projekt Ara. Glass ist aus dem experimentellen Status herausgewachsen und geht jetzt in die nächste Phase – Google Glass 2.0.

Die Aufsicht über das Projekt haben jetzt Ivy Ross, eine Designerin, Vermarktungs-Expertin und Leiterin von Googles Smart-Eyewear-Abteilung, und Tony Fadell, ehemaliger Apple-Mitarbeiter, Mitentwickler des ersten iPods sowie Gründer der inzwischen von Google gekauften Smart-Home-Firma Nest. Fadell werde, so die "New York Times", noch einmal ganz von vorne anfangen und das Produkt von Grund auf neu gestalten. Eine öffentliche Experimentierphase werde es dieses Mal nicht geben, die Neuauflage von Glass werde erst veröffentlicht, wenn sie perfekt sei. Nicht zuletzt ruhen dabei die Hoffnungen auf dem Design-Gespür der Doppelspitze, denn wirklich schön oder stilvoll waren die bisherigen Brillenmodelle nicht. 

Wahrscheinlich wird dabei aber nicht nur das bisherige Design der Brille auf den Prüfstand gestellt. Auch die möglichen Einsatzgebiete dürften überdacht werden. Als hippes Accessoire im Alltag mag Glass (noch) nicht taugen, doch im professionellen Einsatz, zum Beispiel für Ärzte oder Mechaniker, macht eine Computerbrille durchaus Sinn. Inspiration könnte dabei auch von Microsofts HoloLens kommen. Der Konzern hatte im Januar eine Computerbrille für augmentierte Realität vorgestellt, bei der virtuelle Objekte, Grafiken und Informationen auf den durchlässigen Brillengläsern eingeblendet werden.

Quelle: n-tv.de, jwa