Wirtschaft

i-Baureihe oder neues E-Konzept? BMW steckt im Dilemma

BMW setzt früh auf Elektromobilität. Aber die im Carbonchassis daherkommenden i3- und i8-Modelle sind Ladenhüter. Zu forsch nach vorn? Nun heißt es: Bitte wenden - zügig!

"Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel!" (Bertrand Russel) Die ganze deutsche Automobilindustrie ist zurzeit voller Zweifel darüber, welche Weg in die Zukunft der Mobilität führt: vernetzt, autonom, elektrisch? Alles zusammen oder nur einzelne Elemente? Und ist der Wettbewerb mit völlig neuen und fachfremden Anbietern aus dem IT-Sektor mit ihren reinen Elektroautos oder Ei-Autorobotern à la Google eher eine lästige Episode oder eine ernsthafte Bedrohung für die alteingesessenen Marken-Platzhirsche aus Deutschland?

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

BMW
BMW 64,32

Am schlimmsten scheinen die Selbstzweifel BMW getroffen zu haben, ein Unternehmen, das trotz aller Ups und Downs bis hin zur Fast-Pleite Anfang der 1960er-Jahre im Frühjahr 2016 seinen 100. Geburtstag gefeiert hat. Anders ist die strategische Kehrtwende beim Elektroantrieb in der Produktpalette, die BMW-Chef Harald Krüger in der Zeit von Frühjahr bis Herbst 2016 vollzogen hat, nicht zu erklären.

Nicht, dass BMW nicht schon unter seinem Vorgänger Reithofer bereits frühzeitig und lange vor Audi und Daimler mit dem Projekt i und dem revolutionären Leichtbau in der i- Baureihe i3 und i8 mit Kohlefasern und anderen "grünen" Accessoires in Sachen Elektromobilität vorgeprescht wäre. Kein anderer Autobauer hat sich beim Thema Elektrofahrzeuge so weit und so konsequent aus dem Fenster gelehnt wie BMW. Erzrivale Audi hat damals den reinen Stromern sogar ganz den Stecker gezogen und setzte auf Hybride, Modelle mit Elektro- und Verbrennungsmotor, Daimler ließ es damals noch vorsichtiger angehen.

Bei BMW dagegen war man damals sicher, dass die Zeit reif ist für das E-Auto, aber für ein E-Auto ganz eigener Art, nicht eine elektrifizierte Limousine wie bei Tesla oder anderen. Entgegen der sonst gepflegten Unternehmens- und Produktphilosophie des intelligenten Nachzüglers bei technischen Innovationen, wagte man sich plötzlich mit der Carbon-Strategie in der Massenproduktion auf technologisches Neuland. Milliarden wurden in die Produktion von Kohlfasern, deren Verarbeitung zu Bauteilen und deren Verklebung hin zu einem kompletten Rohbau investiert.

Noch 2013, glaubt Harald Krüger, damals neuer Produktionsvorstand bei BMW, fest an das Automobil aus Carbon, das Elektroauto i3, das der Premiumhersteller ab Jahresende 2013 in Leipzig vom Band laufen ließ. "Dieses Automobil wird die Branche revolutionieren", sagte er. Damals klang das, als sei er wirklich überzeugt davon, allerdings für manche auch ein bisschen wie das Pfeifen im Wald. Bereits damals waren die Experten sich einig, dass das Auto nur dann ein Erfolg sein würde, wenn genügend Leute es kauften; wenn nicht, würde es schwierig für BMW.

Zu lange die falsche Strategie

Die Skeptiker behielten recht, der Mut des Elektro-Pioniers BMW zahlte sich nicht aus. Zu wenig Kunden begeisterten sich für die Elektroautos der i-Baureihe. Die Verkaufszahlen des i3 blieben trotz der jüngsten Kaufprämien weit hinter den Erwartungen zurück: In Summe sind es bis heute lediglich rund 100.000 Autos - bei jedem verkauften Auto wird Geld zugeschossen. Der i8 wurde mit einer Elektroreichweite von 30 Kilometer eher als Werbegag denn als ernsthaftes Straßenfahrzeug wahrgenommen.

Trotzdem hielt BMW lange an seinem Sonder-Elektroauto auf Carbonbasis fest, aus heutiger Sicht zu lange. Noch im Frühjahr 2016 erklärte Vorstandschef Krüger: BMW wolle " ... (für) die Zukunft der Mobilität ... operative Exzellenz und neues Denken in einem Unternehmen vereinen". Neues Denken hieß, vor allem das i-Portfolio weiter auszubauen. Dazu Krüger: "Der BMW iNext läutet die nächste Ära der Mobilität ein."

Dass Tesla im Sommer 2016 mit der Ankündigung eines neuen, auch preislich wettbewerbsfähigen Model 3 aufwarten konnte, gab der bisherigen BMW-Elektrostrategie dann den Rest: BMW Chef Krüger zog im Herbst den Stecker. Hinzu kam, dass sich andere Hersteller wie Daimler, Audi und VW seit Sommer mit neuen Ankündigungen für E-Autos förmlich überschlagen hatten. Elektro-Pionier BMW, der früh mit der i-Reihe in das Segment eingestiegen war, hatte sich zuletzt mit offiziellen Ankündigungen sehr zurückgehalten.

Nicht nur Experten glaubten, dass BMW zu lange an dem i-Projekt festgehalten hat. Und damit den Trend zu luxuriösen Elektroautos, wie sie Branchen-Newcomer Elon Musk mit seinen Teslas plötzlich  mit großem Erfolg vermarktete, zu verpassen drohte. Auch der BMW-Betriebsrat schlug Alarm. So kritisierte Gesamtbetriebsratschef Schoch auf einer Autokonferenz der IG Metall, dass BMW seine Fünfer- und Siebenermodelle alle in Dingolfing baue, darunter sei aber kein einziges elektrisch angetriebenes Modell: "Wenn das nicht bald kommt, haben 20.000BMW-Beschäftigte in Dingolfing keine Zukunft mehr."

Ähnlich kritisch sieht der Betriebsrat die Situation von BMW in China. Dort habe die Regierung verfügt, dass schon in vier Jahren zwölf Prozent aller Fahrzeuge elektrisch angetrieben sein müssten. Für BMW hieße das ein Absatz-Muss an Elektrofahrzeugen von 60.000 pro Jahr. "Im Moment hat BMW aber kein einziges Fahrzeug dort, das elektrisch fährt."

Die Wende ist eingeleitet

Dann kam über Nacht der Kehrtschwenk, der sich in bewährter BMW-Manier auf leisen Sohlen vollzog. Anfang November gab der BMW-Chef völlig überraschend bekannt, dass zunächst herkömmliche BMW-Modelle elektrisch hochgerüstet würden, quer durch alle Baureihen. "Die steigende Nachfrage der Kunden bestätigt diesen Weg und zeigt uns, dass die Zeit reif ist für unsere nächsten Schritte", so Krüger. Rein batteriegeladene E-Antriebe sollen in die Kernmarken überführt werden. Den Auftakt macht 2018 ein rein elektrischer Kleinwagen des Typs Mini, 2020 soll ein voll elektrischer Stadtgeländewagen (SUV) vom Modell X3 folgen. Die BMW Elektro-Baureihe iNext wurde dagegen erst einmal in die Zukunft verschoben, vorerst auf 2021.

Besser kann man die Selbstzweifel an einer neuen Technologie, die der Firmenphilosophie völlig konträr geht, nicht dokumentieren. Plötzlich stand also nicht mehr das Projekt i und der Leichtbau mit Kohlefasern im Vordergrund, obwohl BMW dafür mit Milliarden-Investitionen eine ganz neue und innovative Wertschöpfungskette von der Produktion in Tennessee (USA) bis hin zur gewebten und geklebten Carbon-Karosserie in Landshut und Leipzig hochgezogen hat. Stattdessen der hastige Versuch, mit großem Aufwand wieder Anschluss zu finden an den Trend zu luxuriösen Elektroautos. Ein Strategieschwenk Marke "Angst vor der eignen Courage".

Unbestritten steckt vor allem BMW in einem Dilemma: Zum einen möchte man die großen Erfolge der Vergangenheit mit exzellenten Verbrenner-Motoren und technologischen Innovationen wie dem iDrive oder der modularen Motorenstrategie vom Dreizylinder bis hin zum V8-Motor natürlich in die Zukunft weiterführen. Aus meiner Sicht völlig zu Recht, denn Autos mit Verbrennungsmotoren wird es auch in 20 Jahren noch geben, zumal sie weiter über erhebliche Verbesserungspotenziale in Sachen Emissionsreduzierung verfügen.

Zum anderen muss man erkennen, dass der junge Wettbewerb aus den USA- wie der alte aus Stuttgart - konsequent auf Neue Denke mit Connectivity, Elektromobilität und autonomem Fahren gleichermaßen setzen. Und diese Neue Denke auf offener Bühne nicht mehr mit Anzug und Krawatte, sondern mit offenem Hemd, Jeans und Turnschuhen dokumentieren.

Aber BMW hat die Wende eingeleitet! Getreu dem Motto Konrad Adenauers: "Niemand, auch die Damen und Herren von der Opposition nicht, können mich daran hindern, täglich etwas klüger zu werden!" Oder auch Bertrand Russel: "Das Beste sollte nie hinter uns, sondern immer vor uns liegen."

Quelle: ntv.de