Warnung vor StaatsschuldenkriseBei der "Anleihe-Bürgerwehr" herrscht Alarmstufe rot

Der globale Anleihemarkt ist in Aufruhr. Investoren verlangen für Staatsanleihen so hohe Renditen wie seit Jahrzehnten nicht. Die Zinskosten für Staatsschulden steigen teils drastisch. ntv.de erklärt, was das bedeutet, wie es dazu kam und warum die Notenbanken das Problem verschärfen.
Was ist passiert?
An den Börsen weltweit sind die Renditen von Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit Jahrzehnten gestiegen. Warnungen vor einer neuen "Staatsschuldenkrise" und einem Einbruch des Wirtschaftswachstums werden laut.
Die Rendite für die deutsche Bundesanleihe mit zehnjähriger Laufzeit bewegt sich aktuell um die Marke von 3,37 Prozent. Damit markieren sie den höchsten Stand seit dem Jahr 2011. Die Rendite zehnjähriger japanischen Staatsanleihen stieg auf bis zu 3,023 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit 1996. Auch die Zinsen für langlaufende US-Staatsanleihen stiegen in den vergangenen Tagen teils auf langjährige Höchststände. Laut einer Berechnung von Bloomberg sind die Renditen für Anleihen der G7-Länder insgesamt so hoch wie seit dem Jahr 2000 nicht mehr. Renditen verhalten sich umgekehrt zum Preis einer Anleihe. Steigende Renditen zeigen, dass Investoren weniger für die Papiere zu zahlen bereit sind und wegen gestiegener Risiken höhere Zinsen verlangen.
Was ist der Anleihemarkt und warum ist er für Regierungen wichtig?
Staatsanleihen sind Schuldpapiere mit einem festen Zins und einer festen Laufzeit. Alle ausstehenden Staatsanleihen haben einen Wert von mehr als 100 Milliarden Dollar. Die allermeisten dieser Papiere werden an Börsen gehandelt. Die Bedeutung dieses Marktes liegt zum einen darin, dass fast alle Staaten ihre enormen Schulden laufend so finanzieren. Verlangen die Investoren höhere Zinsen, an der Börse ist von den Renditen der Anleihen die Rede, kann dies Regierungen schnell Milliarden kosten. Immer wieder kommen Regierungen durch solche Marktreaktionen in Bedrängnis oder sogar zu Fall. Bekanntes Beispiel ist die britische Kurzzeit-Premierministerin Liz Truss, die nach nur 49 Tagen im Amt nach einem starken Anstieg der Renditen für britische Staatsanleihen zurücktreten musste. Experten sprechen auf Englisch auch von der "Bond-Vigilante", der "Anleihe-Bürgerwehr", die Staaten in die Pleite treiben und Regierungen stürzen kann, wenn die Investoren das Vertrauen in deren Zahlungskraft oder -willigkeit verlieren.
Welche Bedeutung hat der Anleihemarkt darüber hinaus?
Vom Geschehen am Anleihemarkt sind allerdings nicht nur Regierungen abhängig, sondern die gesamte Wirtschaft. Staatsanleihen von großen Industriestaaten wie Deutschland, Japan und den USA gelten am Finanzmarkt als eine der sichersten Möglichkeiten überhaupt, Geld zu investieren. Vor allem Pensionsfonds und Versicherungen, die riesige Summen mit einer garantierten Rendite anlegen müssen, sind auf diese Anlageklasse angewiesen. Staatsanleihen bilden deshalb eine Art Fundament für den gesamten Finanzmarkt und sind der Maßstab für Zinsen in der gesamten Wirtschaft, etwa für Hypotheken und andere Kredite. Anleiherenditen haben deshalb direkte Auswirkungen auf den Immobilienmarkt und die Kapitalkosten von Unternehmen.
Wie dramatisch ist Lage?
Länder wie Deutschland, Japan oder die USA sind nicht in Gefahr, dass ihnen die Käufer für ihre Staatsanleihen und damit den Regierungen das Geld ausgeht. Allerdings stehen sie vor gewaltigen Mehrkosten für ihren Schuldendienst. In Japan etwa hat sich die Rendite für zehnjährige Staatsanleihen innerhalb eines Jahres verdoppelt. Dies zieht einen entsprechenden Anstieg der Zinskosten für neue auszugebende Anleihen nach sich und könnte Pläne für Mehrausgaben im Haushalt zunichtemachen. Nachdem Länder wie Japan und Deutschland für ihre Schulden lange fast keine Zinsen zahlen mussten, könnten Zinszahlungen schon bald große Teile der Haushalte verschlingen.
Dramatischer ist die Lage in anderen Ländern. Beispielsweise in Frankreich. Das Land ist mit mehr als 100 Prozent verschuldet, hat das höchste Defizit aller Euro-Staaten und ist politisch vor den Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr weitgehend gelähmt. Die steigenden Renditen heizen die Haushalts- und die politische Krise weiter an.
Der Wirtschaftsweise Gabriel Felbermayr warnte: "Man muss sich um die Stabilität der globalen Anleihemärkte Sorgen machen", sagte das Mitglied im Sachverständigenrat Wirtschaft. Das Schuldenmachen sei nun überall deutlich teurer. "Aber nicht nur das: Die Gefahr einer größeren globalen Staatsschuldenkrise ist aktuell sehr hoch."
Wie konnte es dazu kommen?
Aktueller Anlass für die jüngste Zuspitzung ist der Anstieg der Inflation in vielen Ländern, ausgelöst durch die höheren Energiepreise infolge des Iran-Kriegs. Die steigende Inflation dürfte die Notenbanken dazu veranlassen, die Leitzinsen zu erhöhen. Wenn Investoren eine höhere Inflation und steigende Leitzinsen erwarten, verlangen sie auch bei Staatsanleihen höhere Renditen. Der neue Chef der weltweit wichtigsten Notenbank, Kevin Warsh von der US-Federal Reserve, betonte in einer Rede vor wenigen Tagen seine Entschlossenheit, die Inflation konsequent zu bekämpfen. Das trieb die Renditen noch einmal etwas in die Höhe.
Daneben gibt es seit Längerem schon eine grundlegende Verschiebung zwischen Angebot und Nachfrage auf dem Anleihemarkt. Lange stand einem stark begrenzten Angebot von Staatsanleihen eine riesige Nachfrage von Investoren auf der Suche nach einem sicheren Parkplatz für ihr Geld gegenüber. Regierungen in der ganzen Welt haben in den vergangenen Jahren allerdings ihre Neuverschuldung drastisch erhöht. Der Schuldenberg der USA durchbrach jüngst die Schallmauer von 40 Billionen Dollar. Das bereits hochverschuldete Japan plant eine gewaltige Ausweitung seines Defizits, um gleichzeitig Steuern zu senken und die öffentlichen Investitionen zu erhöhen. Deutschland, dessen Bundesanleihen lange besonders knapp und begehrt bei den Investoren waren, nimmt in den kommenden Jahren ebenfalls neue Schulden im Umfang von mehreren Hundert Milliarden Euro für die Aufrüstung und für Infrastrukturinvestitionen auf. Gleichzeitig haben auch Unternehmen, vor allem die US-Technologieriesen für ihre Investitionen in Künstliche Intelligenz, deutlich mehr Anleihen ausgegeben. Die Nachfrage ist dagegen zurückgegangen, unter anderem weil Zentralbanken, die jahrelang Anleihen im großen Stil aufgekauft hatten, ihre Bestände inzwischen abbauen.
Was können Regierungen tun?
Regierungen könnten ihre Neuverschuldung senken. Aller Erfahrung nach tun sie dies allerdings erst im allerletzten Moment oder - siehe Liz Truss - noch etwas später. Weder Donald Trump in den USA noch die japanische Ministerpräsidentin Sanae Takaichi machen Anstalten, ihre riesigen Defizite zu senken. Frankreich, das Schulden-Sorgenkind der Eurozone, ist politisch derzeit gar nicht in der Lage dazu.
US-Finanzminister Scott Bessent startete vergangene Woche einen Versuch, zumindest die besonders stark gestiegenen Renditen langfristiger Staatsanleihen etwas zu senken. Dazu kaufte er Anleihen mit Laufzeiten von mehr als zehn Jahren auf und gab dafür kurzfristige sogenannte Treasury-Bills aus. Der Effekt war allerdings nur kurzfristig. Zudem kann eine solche Operation höchstens die sogenannte Zinskurve, die unterschiedlich hohen Renditen je nach Laufzeit, etwas verschieben. Das Problem der steigenden Zinslast insgesamt wird so nicht gelöst.
Was tun die Zentralbanken?
Von den mächtigsten Akteuren auf dem Anleihemarkt, den Notenbanken, können die Regierungen derzeit keine Hilfe erwarten. Die Währungshüter beeinflussen die Renditen sowohl durch ihre Leitzinsen als auch durch den Kauf und Verkauf von Anleihen. Donald Trump hat immer wieder klar formuliert, dass er Unterstützung von der Fed durch niedrige Zinsen erwartet. In Frankreich wird darüber debattiert, ob die Europäische Zentralbank ihre gehaltenen Staatsanleihen nicht einfach annullieren könnte. Doch, die Zinslast der Regierungen zu senken, gehört nicht zu den Aufgaben der Notenbanken. Das haben sowohl die EZB als auch der von Trump erste kürzlich ernannte Fed-Chef Kevin Warsh klargestellt. Sie sind der Preisstabilität verpflichtet, und die wird im Moment durch die Inflation bedroht. Um die zu bekämpfen, dürften die Notenbanken ihre Leitzinsen in den kommenden Monaten eher erhöhen und damit auch die Anleiherenditen weiter nach oben treiben.