Wirtschaft

Preise fallen, Alarm vorbei? China fährt Magnesium-Fabriken wieder hoch

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China produziert mehr als 80 Prozent des weltweiten Magnesiums. Das Mineral ist Bestandteil vieler Aluminiumlegierungen. Versorgungsengpässe wirken sich auf die gesamte Lieferkette aus.

(Foto: picture alliance / Ruan Xuefeng / Costfoto)

Um Energie zu sparen, stoppt Peking Produktion und Export von Magnesium. Nach dem Chipmangel bahnt sich die nächste Krise an. Industrieverbände warnen: Zum Jahresende drohten Produktionsausfälle und Schließungen von Autowerken. Es scheint anders zu kommen, aber der Stress bleibt.

Vor wenigen Wochen Alarmstimmung: Nach der Chip-Bombe soll im November die Magnesium-Bombe platzen, warnen ein Dutzend europäischer Wirtschaftsverbände in einer gemeinsamen Erklärung. Nachdem bereits Halbleiter aus China fehlen, kappt der weltgrößte Lieferant im September auch noch die Versorgung mit dem für die weltweite Aluminiumproduktion wichtigen Mineral - wegen Energieknappheit und um die eigenen Klimaziele zu erreichen. "Die jetzigen Magnesiumvorräte in Deutschland, beziehungsweise in ganz Europa, könnten spätestens Ende November 2021 erschöpft sein", verbreitet der deutsche Wirtschaftsverband Metall Endzeitstimmung.

Durch den Versorgungsengpass drohten "massive Produktionsausfälle". Im schlimmsten Fall müssten Autobauer noch dieses Jahr Werke schließen. Es seien dringend Gespräche geboten, so der Appell an die Politik. Dreht Peking der Welt nach Chips bei Magnesium den Hahn zu und muss Europas Industrie deshalb dichtmachen, weil Nachschub aus China fehlt, wie die Verbände befürchten?

Es scheint anders zu kommen. Eigentlich hatte Peking per Dekret angeordnet, dass die Fabriken - je nach Alter und Standard - bis Jahresende entweder komplett stillgelegt werden oder auf kleiner Flamme produzieren, um Strom zu sparen. Kurz bevor in Europa jedoch die Lager leerlaufen, knipst China in seinen Fabriken plötzlich wieder das Licht an. "Angesichts der anhaltenden Besorgnis über einen weltweiten Versorgungsengpass fahren die Werke ihre Produktion wieder hoch", schreibt das englischsprachige Portal Caixin, das zu einer Mediengruppe mit Sitz in Peking gehört.

Torschlusspanik falscher Alarm?

Die Lage entspannt sich - obwohl Energie in China weiterhin knapp ist und CO2-Emissionen zu hoch sind. "Die Magnesiumhütten in Fugu haben seit Anfang des Monats etwa die Hälfte ihrer verlorenen Kapazität wiedererlangt", schreibt das Portal. Laut Trading Economics sind die Fabriken in der gesamten Provinz Shaanxi bereits wieder zu 70 bis 80 Prozent ausgelastet. Die Magnesiumpreise in der wichtigsten Produktionsregion des Landes kommen gleichzeitig von ihrem Rekordhoch am 23. September um knapp 40 Prozent zurück. Und der Preis purzelt weiter. Auf dem Höhepunkt der Verknappung des Minerals waren Beobachter von einer Vervierfachung des Preises bis Jahresende ausgegangen.

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Die Magnesiumpreise puzeln wieder.

(Foto: Trading Economics)

Die schwindende Furcht vor Angebotsengpässen drückt auch den Preis für Aluminium. Magnesium ist fester Bestandteil der gesamten Aluminium-Wertschöpfungskette. An der Börse Shanghai fällt der Terminkontrakt am Freitag um gut sieben Prozent auf ein Viereinhalb-Monats-Tief von 18.485 Yuan (2888 Dollar) je Tonne. An der LME büßt das im Automobil- und Flugzeugbau eingesetzte Metall 1,5 Prozent ein und ist mit 2517 Dollar je Tonne so billig wie zuletzt vor zweieinhalb Monaten.

Wie brenzlig die Situation ist - oder war -, ob jetzt Entwarnung gilt, darüber sind sich Beobachter offenbar uneins. Fakt ist: China hat bei wichtigen Rohstoffen wie Magnesium ein Monopol inne. Europa importiert 95 Prozent des benötigten Minerals aus der Volksrepublik. Andere Regionen hängen nicht weniger am Tropf: Auch Abnehmer in Nordamerika, Japan und Südkorea sind bereits nervös geworden. Auch ohne den befürchteten Magnesium-Crunch leidet die Industrie weltweit unter der von China ausgehenden Mangelwirtschaft.

Allein in Deutschland warten wegen fehlender Chips Zehntausende unfertige Pkw auf Parkplätzen auf Fertigstellung und Auslieferung. Die Nachfrage der Kunden kann auch ohne einen Magnesium- oder Aluminium-Crunch nicht bedient werden. Eine weitere Krise ähnlichen Ausmaßes wie die Chipkrise wäre kaum zu verkraften.

Nicht nur die Autoindustrie ist von China abhängig. Magnesium wird für Legierungen bei Karosserien, Gussteilen und Getrieben ebenso wie bei Außenhäuten von Flugzeugen gebraucht. Auch die Bau- und Verpackungsindustrie, der Maschinenbau oder die Stahlproduktion benötigen das Mineral in der Produktion.

"Schrott wird wieder spannender"

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer teilt die Besorgnis der Verbände dennoch nicht. Die Panik sei "übertrieben" sagt er ntv.de. Eine Verknappung könnte zwar kurzfristig zu Engpässen führen, sei aber mittel- und langfristig problemlos verkraftbar. Die Öffentlichkeit "ist durch die Berichterstattung über Engpässe derzeit hypersensibilisiert", die Emotionen "schießen über".

Im Unterschied zu etwa Halbleitern sind Magnesiumlegierungen laut dem Branchenkenner zu 100 Prozent wiederverwertbar. Schrotte aus dem Gießen von Magnesium könnten vollständig in den Materialkreislauf zurückgeführt werden. Während die Produktion von Halbleitern neue Fabrikkapazitäten brauche, könne das Mineral unkompliziert aus den vorhandenen Ressourcen geschöpft werden: "Schrott wird wieder spannender", sagt Dudenhöffer.

Wiederverwertung passt nicht nur zum Wunsch, sich perspektivisch unabhängig von China zu machen - ein Ziel, das es nicht nur bei Magnesium gibt -, es passt auch zum Vorhaben der EU, bei Mineralien wie Kobalt oder Lithium per Verordnung die Quote an Recycling zu steigern. Der Autoexperte sieht sogar eine weitere Chance in der - möglicherweise abgewendeten - Krise für die nicht-chinesische Industrie: Fehlt der Rohstoff bei der Produktion für Verbrennerautos, wird die gewünschte Wende zur E-Mobilität, wo weniger Magnesium benötigt wird , beschleunigt. Ein positiver Nebeneffekt, wie Dudenhöffer sagt. Recycling erledige den Rest. "Das ist viel leichter, als neue Fabriken zu bauen."

"Peking will keine Diversifizierung weg von China"

"Die EU sucht Alternativen, wie sich so eine Krise überbrücken lässt. Recycling ist ein wichtiges Ziel, es ist umweltschonend und man kann die Abhängigkeit von anderen Ländern verringern", pflichtet Gregor Sebastian vom Mercator Institute for China Studies (Merics) in Berlin bei. Genau daran hat China jedoch überhaupt kein Interesse: "China war sich bewusst, dass der Zustand der Verknappung nicht haltbar war. Man wollte wohl nicht zu viel einbüßen."

Aus Sicht des Mercis-Experten ist die Führung in Peking zwar bereit, einen bestimmten wirtschaftlichen Schaden in Kauf zu nehmen. Die Frage, die sich die Regierung jedoch immer stellen müsse, sei: "Wie groß darf der sein?", sagt Sebastian. Die jüngsten BIP-Zahlen lagen unter 5 Prozent. "Das ist eine Schmerzgrenze, unter der man eigentlich nicht landen wollte. Jetzt ist es trotzdem passiert." Das Land verdiene gut an den Lieferketten, "es geht nicht nur um Magnesium. China ist bei der gesamten Palette gut aufgestellt, deshalb will es den Status Quo erhalten".

Was die Regierung keinesfalls wolle, sei, einen Engpass herbeizuführen, der sich zu einer Krise auswachsen könnte. Vielmehr habe sie Interesse daran, sich als zuverlässiger Zulieferer zu präsentieren und schnell aus der Krise wieder herauskommen. "Im Endeffekt will man in Peking nicht, dass die Alarmglocken in Europa anschlagen und Regierungen mehr Anstrengungen unternehmen, sich von China weg zu diversifizieren."

Das Angstszenario, China rassele mit den Säbeln, wolle seine Macht demonstrieren, indem es die westliche Wirtschaft lahmlegt, sei "definitiv" nicht haltbar, ergänzt Sebastian. Der Produktions- beziehungsweise Lieferstopp stehe in klarem Zusammenhang mit der Energiekrise in China. Ende vergangenen Jahres hatte Peking die Kohle-Einfuhren aus Australien komplett gestoppt. Kohle ist teuer geworden. Was noch da ist, reicht nicht, um die Produktion so voranzutreiben, wie die Regierung es gerne würde. Der Druck ist hoch. Peking muss einerseits die Energiekrise im Land bewältigen, andererseits aber auch versuchen, wirtschaftliche Blessuren oder einen Imageschaden zu vermeiden.

Autark machen von China? "Wir bohren doch auch nicht nach Öl"

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Die Frage ist, wie. "Die umweltpolitischen Probleme kann man justieren, den Kohlemangel nicht, den kann man nicht so schnell umstellen", sagt Sebastian. Für die nächste Zukunft sei es jetzt wichtig, die Situation zu beobachten, sagt der Autoexperte Dudenhöffer. Er erwartet von Chinas Premier Xi Jinping weitere Regulierungsrunden. Es sollte deshalb aber nichts übertrieben werden: "Sollen wir uns deshalb autark von China machen? Wir fangen doch auch nicht an, in Deutschland nach Öl zu bohren, weil Öl und Benzin teurer wird", winkt Dudenhöffer ab.

Wirklich problematisch dagegen könnten seiner Ansicht nach allerdings die Jahre zwischen 2023 und 2027 werden, wenn jede Menge Lithium-Ionen-Batterien gebraucht werden. Die Pläne für neue Lithium-Ionen-Produktionen und für den Abbau der wichtigen Mineralien wie Lithium, Kobalt, Nickel oder Mangan sind zwar "in der Mache", aber die Umsetzung braucht manchmal doch mehr Zeit, um reibungslos komplette Wertschöpfungsketten anlaufen zu lassen. Engpässe beim Aufbau der neuen Lithium-Ionen-Zulieferindustrie könnten die Geschwindigkeit des Umschwungs auf Elektroautos verzögern, so Dudenhöffer. Das wäre dann deutlich bedauerlicher als kurzfristige Engpässe bei Magnesium oder anderen Rohstoffen.

Quelle: ntv.de

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