Wirtschaft

"Die halbe Etage ist weg" Deutschbanker räumen Büros unter Tränen

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(Foto: REUTERS)

Für viele Deutsche-Bank-Mitarbeiter beginnt die Woche dramatisch. Bis zum Mittag müssen sie die Sachen packen. Entlassene Investmentbanker tragen ihre Taschen durch die Straßen von London. Zeitgleich erläutert Konzernchef Sewing seine Rosskur zum Abbau von 18.000 Stellen. Analysten meinen: Das ist hochriskant.

Die Deutsche Bank macht bei ihrem beispiellosen Stellenabbau Nägel mit Köpfen. In Asien begann die Kündigungswelle an diesem Montagmorgen, in Hongkong und Singapur wurden ganze Teams vor die Tür gesetzt. "Die halbe Etage ist weg und die anderen warten nur darauf, dass sie einbestellt werden", sagte ein Aktienhändler in Hongkong. Er sei zusammen mit anderen gekündigten Kollegen direkt aus dem Gebäude geführt worden.

Auch in London und den USA begann der Kahlschlag. Händler in London bekamen laut der "Welt" Zeit bis zum Mittag, um ihre Sachen zu packen. Danach funktionieren auch die Zugangsausweise nicht mehr, hieß es. Angestellte mit Kisten verließen die Zentrale in der Great Winchester Street im Zentrum der Stadt, einige hätten geweint und Umschläge mit ihren Kündigungen bei sich getragen, berichtet die Agentur Bloomberg. "Ich wurde heute morgen entlassen. Ein kurzes Meeting und das war es dann", sagte ein IT-Mitarbeiter, der seit zweieinhalb Jahren an einem Projekt in der Bank arbeitete.

In der britischen Finanzmetropole, wo das Geldhaus rund 8000 Menschen beschäftigt, werden Hunderte Kündigungen erwartet. Auch in New York sollen die Entlassungen noch heute verkündet werden. Berichten zufolge haben viele Mitarbeiter in sicherer Erwartung ihrer Kündigung dort bereits ihre Schreibtische aufgeräumt und ihre Sachen gepackt.

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Die Verunsicherung bei den Mitarbeitern ist groß. "Meine Zugangskarte funktioniert noch. Aber wer weiß, was morgen passiert", sagte ein Banker in Singapur. "Die Stimmung ist ziemlich düster. Einer nach dem anderen wird in einen Konferenzraum gebeten, bekommt nach Gesprächen mit Personalern einen Umschlag gereicht und muss dann das Gebäude verlassen", sagte ein Aktienhändler, der seit sechs Jahren für das Geldhaus arbeitet.

Andere Banker konnten möglicherweise ihre Rachegelüste mit dem Gewinnstreben verbinden. Nach Kursstürzen der Deutsche-Bank-Aktie kursierten auf Twitter Gerüchte, dass gekündigte Ex-Mitarbeiter mit Leerverkäufen gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber wetten und dabei viel Geld verdienen.

Jobkahlschlag "unvermeidbar"

Die Deutsche Bank hatte am Sonntag den Abbau von weltweit 18.000 Jobs verkündet - jede fünfte Stelle fällt weg. "Das ist schmerzhaft, aber unvermeidbar, um den langfristigen Erfolg der Deutschen Bank sicherzustellen", verteidigte Konzernchef Christian Sewing die Pläne. Aus dem Aktienhandel will er komplett aussteigen, auch der Anleihehandel - lange Zeit das Aushängeschild der Deutschen Bank - muss abspecken. Sewing wollte sich nicht zu Details der Stellenstreichungen äußern. Auch Deutschland dürfte nicht ungeschoren davonkommen.

Mit dem Umbau will der 49-Jährige die jahrelange Talfahrt der Deutschen Bank stoppen. Seine Vorgänger - Josef Ackermann, Anshu Jain, Jürgen Fitschen, John Cryan und auch Aufsichtsratschef Paul Achleitner - scheuten tiefe Einschnitte im Investmentbanking. Sewing, seit 15 Monaten im Amt, hat sich nun, für viele Beobachter durchaus überraschend, unerwartet schnell emanzipiert und fährt eine harte Linie.

Sein Ziel: "2022 wird die Deutsche Bank eine wachsende, effiziente und profitable Bank mit einem Vorsteuergewinn von mindestens sechs Milliarden Euro sein." Die Kosten will Sewing um sechs Milliarden auf 17 Milliarden drücken. "Das ist für mich nicht verhandelbar." Die Erträge in der Kernbank will er bis 2022 auf 25 Milliarden Euro steigern, von 22,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr.

Sewing verspricht eine kleinere und einfachere Bank

Analysten sind jedoch skeptisch, schließlich hat die Bank bei früheren Strategieänderungen ihre Ziele oft verfehlt. "Diesmal wird es anders sein", versprach Sewing. Die Ziele seien realistisch. "Wir greifen nicht nach den Sternen." Große Hoffnungen setzt der seit gut einem Jahr amtierende Konzernchef auf eine Unternehmensbank. In ihr soll das deutsche Geschäft mit Firmenkunden und die Transaktionsbank, die für viele nationale und internationale Unternehmen Dienstleistungen wie etwa den Zahlungsverkehr anbietet, gebündelt werden.

Auch viele kleine und mittlere Unternehmen, die bisher von der Privatkundenbank bedient wurden, sollen künftig dort angebunden sein. Was von der Investmentbank übrig bleibt, soll sich ebenfalls hauptsächlich auf Dienstleistungen für Unternehmen konzentrieren. Am Ende werde die Deutsche Bank eine kleinere, einfachere und weniger von den Launen des Marktes abhängige Bank sein, sagte Sewing. Zugleich räumte er bei n-tv ein: "Wir haben auch keine andere Möglichkeit. Diese Bank muss sich auf ihre Stärken konzentrieren. Das machen wir jetzt und das bedeutet, dass wir Dinge schließen, und das heißt auch Jobs abbauen."

Doch zunächst steht eine weitere Durststrecke bevor. So erwarten die Analysten der Ratingagentur Moody's für 2019 einen Verlust von zwei Milliarden Euro, nachdem bereits für das zweite Quartal ein Fehlbetrag von 2,8 Milliarden zu Buche steht. Auch im kommenden Jahr drohen rote Zahlen. "Wir arbeiten daran, 2020 ein ausgeglichenes oder besseres Ergebnis zu erreichen", sagte Finanzchef James von Moltke. Allerdings gebe es erhebliche Unsicherheiten. Die Aktionäre sollen 2019 und 2020 auf eine Dividende verzichten. Mit der Zeit werde die Bank über eine Dividende jedoch Kapital an die Anleger zurückgeben.

Hochriskante Strategie

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Bei Analysten und Börsianern müssen Sewing & Co noch viel Überzeugungsarbeit leisten, anfängliche Kursgewinne verpufften zu Wochenbeginn schnell. Am Nachmittag notierte die Aktie schon wieder fünf Prozent im Minus. Einhelliges Echo: Die Pläne seien zu sehr auf Kante genäht. "Jetzt kann man nur hoffen, dass es in den nächsten drei Jahren an den Finanzmärkten ruhig bleibt", sagte Ingo Speich, Leiter Nachhaltigkeit und Corporate Governance, bei der Deka, dem Fondshaus der Sparkassen. "Die Deutsche Bank wird durch den laufenden Umbau fragiler, die Kernkapitalquote geht runter. Kleiner werden und zugleich die Erträge steigern - das wird schwierig. Alles in allem ist es eine Hochrisiko-Strategie."

Durch das geplante Abschmelzen der Kapitalpolster gebe es nicht viel Spielraum für Fehler, warnten auch die Analysten von RBC Capital Markets. Sewing will sich künftig mit einer harten Kernkapitalquote (CET1) von mindestens 12,5 Prozent begnügen, nachdem er bislang mindestens 13 Prozent angestrebt hatte. Die Aktionäre sollen vorerst nicht wieder zur Kasse gebeten werden.

Konkurrenten wie die Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse haben schon vor Jahren abgespeckt - und sind der Deutschen Bank nun um Meilen voraus. Sie können sich auf ihr Tagesgeschäft konzentrieren. Neil Wilson vom Brokerhaus Markets.com sprach denn auch von einem überfälligen Schritt für die Frankfurter: "Jetzt ist es die richtige Medizin, sie hätte nur ein paar Jahre früher genommen werden müssen."

Quelle: n-tv.de, mau/rts/dpa

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