Wirtschaft

Euro in Turbulenzen Die griechische Nagelprobe

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Griechischer Wein hat derzeit einen bitteren Beigeschmack für die übrigen Mitglieder der Euro-Zone.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Noch nie in seiner kurzen Geschichte hatte der Euro mit vergleichbaren Schwierigkeiten zu kämpfen. Noch nie stand er so unter Druck durch ein einziges Mitgliedsland. Griechenland einfach ausschließen? Nicht wirklich. Aber was tun mit hochverschuldeten Euro-Staaten? Eine Analyse.

Lange bevor die Haushaltsprobleme Griechenlands zu einem politischen Thema wurden, haben die hellenischen Turbulenzen den Kurs des Euro in Mitleidenschaft gezogen. Ein Defizit von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, gepaart mit einem Berg an Staatsschulden, ist eine Belastung für den Euro. Die europäische Gemeinschaftswährung wird diese Belastungsprobe wohl überstehen. Aber was sind die Lehren aus dem Fall Griechenland? Taugt der Euro überhaupt zur Leitwährung?

"Griechenland hat vor allem ein Vertrauensproblem", sagt Stefan Schneider von der Forschungsabteilung der Deutschen Bank im Interview mit n-tv.de. Das strahlt auch auf den Euro aus. Seit sich Anfang Dezember die Haushaltsprobleme der Hellenen abzeichneten, befindet sich der Kurs des Euro gegenüber dem Dollar auf Sinkflug. Das ist im Grunde nichts Schlimmes. Schließlich stellte erst 2008 ein Kurs von knapp 1,60 Dollar ein ernstes Problem für die Wirtschaft der Euro-Zone dar, speziell für die stark exportorientierte deutsche Industrie.

Wer ist der Nächste?

So ist die derzeitige Situation eigentlich sogar eine Erleichterung für Europa. "Für uns ist das ein netter Nebeneffekt", bestätigt Christian Apelt, Devisenstratege bei der Helaba. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht, denn die Unsicherheit über die künftige Entwicklung Griechenlands könnte die Gemeinschaftswährung weiter unter Druck setzen. Erschwerend kommt hinzu, dass es noch weitere Länder mit massiven Haushaltsproblemen gibt. Portugal oder Spanien wären an dieser Stelle zu nennen. Auf der iberischen Halbinsel hat die Wirtschaftskrise besonders hart zugeschlagen.

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Proteste von Feuerwehrleuten: Der öffentliche Dienst hat außergewöhnlich viel Macht in Griechenland.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Doch es gibt auch Unterschiede. Spanien beispielsweise hatte vor der Krise eine florierende Wirtschaft und einen starken Immobiliensektor. Beides ist durch die Subprimekrise implodiert. Die Preise für Wohneigentum in Spanien sind zusammengebrochen, die industrielle Produktion ist deutlich abgesackt. Es ist auch keine schnelle Erholung in Sicht. Für 2010 rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem Schrumpfen der Wirtschaft um 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Verpasste Chancen

Ähnlich sieht es bei Portugal aus, nur dass die dortige Wirtschaft nie die Stärke Spaniens erreicht hatte. Zwar profitierte die Wirtschaft Portugals lange Zeit von den niedrigen Zinsen in der Euro-Zone, aber "sie haben es nicht geschafft, diese Gelegenheit zu nutzen", sagt Stefan Schneider. Jetzt muss Portugal in der Krise sparen. "Ein schmerzhafter Prozess" steht dem Land bevor, glaubt der Analyst der Deutschen Bank.

Diesen Kurs wird auch Griechenland einschlagen müssen. Die Regierung Papandreou plant einschneidende Maßnahmen in den kommenden Haushalt. Mit einem "Schock-Sparplan" will man das Defizit eindämmen und vor allem Vertrauen wieder herstellen. Ob das Sparpaket allerdings durchsetzbar ist, ist fraglich. Schon für kommende Woche sind erste Streiks des öffentlichen Dienstes angekündigt. Dieser hat eine außergewöhnlich große Macht im Land. Sehr wahrscheinlich auch, dass sich bei solchen Protesten auch andere Gruppen hinzugesellen. Nicht selten enden solche Aktionen in finsteren Gewaltausbrüchen. Die griechische Gesellschaft ist tief gespalten. Der Riss geht durch alle Gesellschaftsschichten und Generationen.

Raus aus dem Euro?

Die Ankündigungen von Ministerpräsident Giorgos Papandreou sind eher ein Akt der Verzweiflung.Wahrscheinlich wird er die Kontrolle seines Staatshaushaltes an die Europäische Kommission abgeben müssen. Das ist nicht schön, könnte aber eine Menge Druck von seiner Regierung nehmen. Die EU wäre der Buhmann und dringend notwendige Reformen dann möglicherweise durchsetzbar. Auch Griechenland verpasste während der Boomphase um die Olympischen Spiele 2004 die Gelegenheit, dringend notwendige Reformen durchzuführen.

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In Spanien ist der Bauboom vorerst zu Ende. Der Immobilienmarkt ist zusammengebrochen. Neue Bauten, wie hier auf Mallorca, sind kaum noch zu finanzieren.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Vor allem in angelsächsischen Medien und von wenigen Politikern wird das Ende der Währungsunion beschworen. Griechenland raus aus dem Euro, wäre das eine Lösung? Wohl kaum, glaubt Stefan Schneider. "Das würde sich in keinster Weise rechnen." Die Politik unterschätze die Auswirkungen auf wirtschaftlicher, aber auch auf politischer Seite.

Gefahr eines Dominoeffekts

Das Vertrauen in die Wirtschaft der Euro-Zone würde durch einen Ausschluss eines Mitgliedes nachhaltig gestört. Wer käme als Nächstes? Portugal, Spanien oder gar Italien? Am Ende könnte nur ein Kerneuropa mit Frankreich und Deutschland an der Spitze stehen. Das haben sich von Beginn an so einige Nationalpolitiker gewünscht. Sonderlich sinnvoll wäre das nicht unbedingt, denn das würde auch die Bedeutung des Euro als Währung schmälern.

Abgesehen davon wäre es aber eine außerordentliche Belastung für den Euro. "An diesem Dominoeffekt kann wirklich niemand interessiert sein", sagt Stefan Schneider von DB Research. Außer den Euroskeptikern von der britischen Insel, die schon seit längerem das Ende der Einheitswährung herbeireden wollen. Dem Pfund und dem Dollar sind die derzeitigen Schwierigkeiten natürlich zuträglich. Eine echte Option ist ein Rauswurf hingegen vorerst nicht. Vorerst, denn "manchmal ist die Macht des Faktischen natürlich stärker", relativiert auch Schneider. Niemand kann derzeit voraussagen, wie sich die Wirtschaft Griechenlands entwickelt.

Belastungstest bestanden?

Auch am spanischen Horizont stehen noch einige Fragezeichen. Ein Sparpaket im Volumen von 50 Milliarden Euro bis 2013 hat die Regierung in Madrid angekündigt. Die Gehälter im öffentlichen Dienst sollen um vier Prozent sinken, die Mehrwertsteuer wird um zwei Prozent angehoben und auch die Einkommenssteuer will man anziehen. Bis 2013 wollen die Iberer ihren Haushalt so wieder auf das dem Maastricht-Vertrag entsprechende Defizit von drei Prozent eindämmen.

Am Ende könnte das griechische Desaster aber auch als Belastungstest etwas Positives mit sich bringen. Besteht der Euro diese Bewährungsprobe, dann dürfte die Währung gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die EU als Regulativ ist gefragt. Wenn sie jetzt richtig reagiert, dann hat die Währungsgemeinschaft ihre erste ernste Nagelprobe erfolgreich bestanden. Und das wird die Attraktivität deutlich steigern. Schon steht das von der Wirtschaftskrise gebeutelte Island vor der Tür und möchte den Euro und die EU-Mitgliedschaft. Andere könnten folgen.

Quelle: n-tv.de

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