Wirtschaft

Putins geschönte Prestige-Projekte Die neuen Allianzen des Kreml-Chefs

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Die Wirklichkeit hinter Putins neuen Prestigeprojekten ist weniger rosig, als der Kreml-Chef sie erscheinen lässt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Handel mit Ankara, Gas-Deals mit Peking, Business in Pjöngjang: Weil Russlands Wirtschaft unter den Sanktionen ächzt, inszeniert Wladimir Putin neue Bündnisse. Doch diese Projekte sind mehr Schein als Sein.

Wladimir Putin war schon immer ein Meister der Beschönigung. Zwei Jahre lang hat Moskau fast zehn Milliarden Dollar in die geplante Southstream-Pipeline versenkt, die russisches Gas an der Ukraine vorbei über das Schwarze Meer direkt nach Europa transportieren sollte. Nun muss Putin das Projekt wegen Widerstands der EU-Kommission auf Eis legen. Aber Putin wäre nicht Kreml-Chef, wenn er die Niederlage nicht wenigstens rhetorisch in einen Sieg verwandeln würde.

"Die russischen Energieressourcen gehen dann auf andere Märkte - Europa wird solche Umfänge jedenfalls nicht bekommen", höhnte Putin demonstrativ gelassen. Einen Ausweg aus dem geplatzten Projekt will er schon gefunden haben: Die Türkei soll zum großen Gas-Umschlagplatz für andere Länder werden. Und statt nach Europa soll die Röhre durchs Schwarze Meer nun eben zum Bosporus führen. 

Die Kunst der Illusion ist Putins Strategie. Auf keinen Fall will er den Eindruck erwecken, als würden die Strafmaßnahmen des Westens Russland treffen. Stoßen seine Pläne an Grenzen, zieht er flugs ein neues Kaninchen aus dem Hut. Anderen Sand in die Augen zu streuen ist schließlich sein größtes Talent. Und je größer die Kulisse, desto glaubhafter sind die Täuschungen des Ex-KGB-Spions. Ob in der Türkei, China oder Nordkorea: Die Sanktionen des Westens zwingen den Kreml-Chef, sich im Osten nach neuen Partnern umzusehen. Dabei schmiedet er medienwirksam neue Bündnisse. Doch die Wirklichkeit hinter den Allianzen sieht anders aus, als der Kreml-Chef sie malt.

Plan B am Bosporus

Die neue "Partnerschaft" mit der Türkei ist Beweisstück A. Um zum Umschlagplatz für den Gastransport in andere Länder zu werden, wie Putin es will, bräuchte die Türkei Speicherkapazitäten - die sie gar nicht hat. In den Plänen sind sie auch nicht vorgesehen. Das zusätzliche Gas, das Putin angeblich bald an den Bosporus liefern will, dürfte die Türkei zudem selbst verbrauchen, weil die Wirtschaft rasant wächst. Neu ist an der Partnerschaft nichts: Russland ist schon jetzt größter Lieferant der Türkei. Für die neue Schwarzmeer-Pipeline gibt es bisher nur eine Absichtserklärung. Und eine neue Verteilerstation für den Gastransport nach Südeuropa will Putin auch nur "falls nötig" bauen.

Auch den Warenaustausch mit der Türkei will Putin auf 100 Milliarden Dollar verdreifachen. Es zeigt das autoritäre Weltbild des Kreml-Herrschers: Handel kann man nicht per Staatsdekret verordnen. Sondern man braucht Produkte, die jemand anders kaufen will. Außer Rohstoffen hat Russland aber nicht viel zu bieten.

Last-Minute-Manöver in Peking

Auch in China geht Putin deswegen als Energiehändler auf Verkaufstour. Zwei Mega-Deals hat der Kremlherrscher mit Peking auf den Weg gebracht, um sich vermeintlich von den europäischen Gasverbrauchern abzunabeln. Im November unterzeichneten Moskau und Peking ein Abkommen für die Lieferung von jährlich 30 Milliarden Kubikmetern russischen Gases aus Westsibirien. Und schon im Mai hatten sie sich auf die Lieferung von jährlich 38 Milliarden Kubikmetern aus Ostsibirien geeinigt. Doch sowohl auf der westlichen, als auch auf der östlichen Route gibt es große Hindernisse.

In Westsibirien gibt es zwar schon Pipelines und Gasfelder, die nach Europa exportieren, es gibt aber auch politische Schwierigkeiten. Moskau und Peking haben jahrelang über die Route verhandelt: Der Anschluss nach China müsste idealerweise durch Kasachstan oder die Mongolei gelegt werden, was China nicht will. Nun soll das Gas durch Chinas westliche Unruheprovinz Xinjiang fließen.

In Ostsibirien gibt es zwar keine Grenzprobleme, im Unterschied zu Westsibirien aber auch keine Pipelines. Sila Sibiri, die "Kraft Sibiriens", heißt die Mega-Röhre, mit der Putin das ändern will. Sie soll 4000 Kilometer lang werden - und teilweise "durch sumpfige, bergige und erdbebengefährdete Gebiete führen", schreibt Gazprom selbst auf seiner Webseite. Die Felder, die die Röhre speisen sollen, müssen erst noch erschlossen werden. Selbst ohne Probleme soll das erste Gas erst 2018 fließen. Die Pipeline-Teile sollen natürlich von russischen Firmen gebaut werden, rühmt sich Gazprom. Doch woher sollen die 50 Milliarden Euro kommen, die das Projekt schätzungsweise kosten wird? Im Westen können sich Moskaus Energieriesen kein Geld mehr leihen. Und in den nächsten vier Jahren dürfte dank der Sanktionen auch Putins riesiger Devisenschatz zur Neige gehen.

Selbst wenn die Pläne Realität werden, wird Putin mit den Deals nicht unabhängig von Europa: 160 Milliarden Kubikmeter Gas hat Russland im letzten Jahr nach Westen geliefert, mehr als jemals durch die sibirischen Röhren nach China fließen wird. Und dann wäre da noch die Konkurrenz: Wegen des Fracking-Booms verkaufen auch die USA immer mehr Flüssiggas an Peking. Man könnte Putins Deals also auch als Last-Minute-Manöver sehen, in Peking noch rechtzeitig einen Fuß in die Tür zu bekommen, während die anderen Vertreter längst angeklopft haben.

Businessplan für Steinzeit-Diktatur

Noch bizarrer ist die Korea-Offensive, die Putin angestoßen hat.  Auch hier erhofft sich der Kreml-Chef Aufträge. Südkorea's Gasfirma Kogas hat laut Gazprom die Gespräche über eine Pipeline wiederaufgenommen, die beide Länder verbinden soll. Sie müsste allerdings durch Nordkorea führen, weshalb das Projekt schon seit 2011 vor sich hin dümpelt und de facto keine Aussicht auf Erfolg hat.

Zudem soll ein russisches Firmenkonsortium mehr als 3000 Kilometer verrottete Gleise in der maroden Stalin-Diktatur überholen. Das Projekt trägt passenderweise den Namen "Pobeda" (Sieg) - und hat angeblich ein Volumen von schwindelerregenden 25 Milliarden Dollar. Woher soll eine solche Riesensumme in einem Land kommen, das im Steinzeit-Kommunismus feststeckt und faktisch von der Uno-Hungerhilfe ernährt wird? Bezahlen lassen wollen sich Moskaus Firmen allein mit Bodenschätzen aus Nordkorea - von denen Russland bekanntlich ja noch nicht genug hat.

Quelle: n-tv.de

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