Wirtschaft

Die nächste Geldspritze der EZB Draghi schießt "Dicke Bertha" ab

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Milliarden für die Banken: Hoffentlich hilft die Maßnahme diesmal - könnte EZB-Chef Draghi denken.

(Foto: REUTERS)

Die Assoziation ist gewollt: EZB-Chef Draghi will ein Zeichen setzen. Mit seiner "Dicken Bertha" getauften Aktion, einer massiven Frischgeldzufuhr durch die Notenbank - sollen unter anderem die wackelnden Banken im Euroraum gestützt und so eine Kreditklemme verhindert werden.

Die nächste Liquiditätsoffensive der Europäischen Zentralbank (EZB) steht an: Am Mittwoch können sich die Geschäftsbanken des Euroraums zum zweiten Mal für den ungewöhnlich langen Zeitraum von drei Jahren unbegrenzt Mittel bei der EZB leihen - und das zum unschlagbar günstigen Zins von aktuell 1,0 Prozent. Bereits im Dezember sogen die Geldhäuser bei einem solchen Geschäft fast 500 Mrd. Euro auf - diesmal könnte die Nachfrage sogar noch höher ausfallen. Notenbankchef Mario Draghi fährt damit sein bislang schwerstes Geschütz auf. Nicht umsonst hat er es erst kürzlich mit einem Augenzwinkern als "Dicke Bertha" bezeichnet - eine Riesenkanone aus dem Ersten Weltkrieg.

Die massive Frischgeldzufuhr soll die wackelnden Banken im Euroraum stützen und auf diesem Weg verhindern, dass es zu einer Kreditklemme kommt. Ende 2011 hatte sich die Lage im europäischen Finanzsektor drastisch zugespitzt. Das Misstrauen zwischen den Banken nahm so große Ausmaße an, dass Institute aus den Krisenländern sich kaum noch Geld leihen konnten. Um die Lage zu entschärfen, flutete EZB die Banken mit billigem Geld für die Rekordlaufzeit von drei Jahren. "Wir haben eine schwere Kreditkrise verhindert", betont Draghi mit Blick auf den Bankensektor.

Nicht alle "brauchen" das EZB-Geld

Bei der ersten Runde im Dezember griffen vor allem südeuropäische Banken gern zu. Die deutschen Institute hielten sich hingegen noch weitgehend zurück - aus Angst, dass ihr Ruf Schaden nehmen könnte und sie als wackelig dastehen könnten. Das dürfte sich nun ändern. So offen wie die spanische Großbank BBVA, die sich noch einmal elf Milliarden Euro borgen will, bekennen sich deutsche Top-Banker zwar nicht zu ihren Plänen. Um keinen Wettbewerbsnachteil zu erleiden, wollen sie sich nun aber wohl schon beteiligen.

"Wir machen dann mit, wenn es für uns ökonomisch sinnvoll ist", sagte etwa Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann Anfang Februar bei der Bilanz-Pressekonferenz seines Instituts. "Aber eines ist klar: Wir brauchen es nicht." Ähnlich äußerten sich die Chefs vom Commerzbank und dem Immobilienfinanzierer Aareal Bank.

Geld "tröpfelt" nur

Dass der Handel zwischen den Banken wieder in Gang kommt, ist die Voraussetzung, damit Kredite an Unternehmen und Haushalte fließen. In dieser Hinsicht bescheinigen Experten der ersten EZB-Geldspritze aus dem Dezember zumindest einen Teilerfolg: «Die Anzeichen für eine Kreditklemme haben abgenommen», sagt Christian Schulz von der Berenberg Bank. Aus den jüngsten Daten der Notenbank gehe hervor, dass die Kreditvergabe an den Privatsektor im Januar wieder zugelegt habe - wenngleich auf niedrigem Niveau.

"Allerdings ist die Kreditvergabe an Unternehmen immer noch leicht rückläufig gewesen", gibt Commerzbank-Experte Michael Schubert zu bedenken. Um die Wirkung der Liquiditätsflut aus dem Dezember zu beurteilen, sei es aber ohnehin noch zu früh. "So schnell ist der Tanker nicht gefüllt." Über der weiteren wirtschaftlichen Erholung in der Eurozone hängt das Damoklesschwert der Schuldenkrise: Erst wenn die Angst vor Staatspleiten und einem Zerfall des Währungsraums nachlässt, ergibt sich für Banken und Investoren wieder Planungssicherheit.

Anleihemärlte im Visier

Vor diesem Hintergrund zielt Draghis "Dicke Bertha" nach Einschätzung vieler Ökonomen nicht zuletzt auch auf die Anleihemärkte. Denn dort entscheidet sich, ob Investoren bereit sind, Regierungen weiter Geld zu leihen. Im vergangenen Jahr hatte das Vertrauen der Anleger extrem gelitten und es kam zu einem massiven Abverkauf von Anleihen aus Krisenländern. Mit ihren Dreijahreskrediten schafft die EZB Anreize, wieder verstärkt Staatspapiere zu kaufen. Denn Banken können das Geld, das sie zum Niedrigzins aufnehmen, in deutlich höher verzinsten Papieren am Anleihe- und Geldmarkt parken.

Insofern ist es kein Wunder, dass die erste EZB-Geldspritze vor allem am Anleihemarkt große Wirkung entfaltet hat: Seit Jahresbeginn sind die Risikoaufschläge für richtungsweisende zehnjährige Anleihen aus Italien und Spanien deutlich gesunken. "Die Hoffnungen auf einen positiven Effekt des EZB-Einsatzes haben sich bestätigt, vor allem bei den kurzen Laufzeiten", so die UniCredit-Expertin Elia Lattuga. Am Montag zahlte Italien den niedrigsten Zins seit September 2010, um sich für sechs Monate Geld am Kapitalmarkt zu borgen.

Trotzdem ist die Liquiditätsoffensive der Notenbanker unter Ökonomen umstritten. So warnt der Sachverständigenrat für die deutsche Wirtschaft vor einer Vereinnahmung der EZB: "Gerade die deutsche Politik sollte alles daran setzen, dass die ordnungspolitisch gut begründete Trennung zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik im Euro-Raum möglichst bald wieder hergestellt wird", schreiben die fünf Wirtschaftsweisen in einem Gastbeitrag für das "Handelsblatt".

Weiter auf die "indirekte Staatsfinanzierung" über die EZB zu setzen, könne "nicht gut gehen". Ein harter Vorwurf - den Währungshütern ist es streng verboten, Staatshaushalte über die Notenpresse zu finanzieren.

Quelle: n-tv.de, Hannes Breustedt, dpa

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