Wirtschaft

Stilles Jubiläum der Euro-Hüter EZB steuert in ihr drittes Jahrzehnt

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Dreh- und Angelpunkt der Eurozone: In den festungsartig gesicherten Glastürmen der EZB im Osten Frankfurts entscheidet sich das Schicksal des Euro.

(Foto: picture alliance / Arne Dedert/d)

Die Europäische Zentralbank feiert Geburtstag: Vor genau 20 Jahren beginnt mit der Ernennung des ersten EZB-Chefs ein neues Kapitel europäischer Geldgeschichte. Die Notenbank der Europäer nimmt ihre Arbeit auf - den täglichen Kampf um eine stabile Währung.

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit begeht eine der einflussreichsten Institutionen im weltweiten Finanz- und Wirtschaftskreislauf ein rundes Jubiläum: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird 20 Jahre alt. Zum 2. Juni 1998 - dem ersten Werktag nach dem Pfingstwochenende - nahm die EZB offiziell ihre Arbeit auf. Ein Niederländer, Wim Duisenberg, wurde der erste Präsident und übernahm von den nationalen Zentralbanken die Kontrolle über die gemeinsame Währungspolitik. Sein oberstes Ziel: Vertrauen in die neue Gemeinschaftswährung schaffen.

Schon die erste Personalie war das Ergebnis eines typisch europäischen Kompromisses: Den Chefposten bei der neu gegründeten EZB bekam im Sommer 1998 nicht etwa ein Deutscher oder ein Franzose, sondern der Niederländer Duisenberg. Bereits ein knappes halbes Jahr später wurde der "Euro" ins Leben gerufen - eines der ehrgeizigsten politischen Großvorhaben der Menschheit

Ab dem 1. Januar 1999 lief die neue Gemeinschaftswährung zunächst noch als "unsichtbares" Buchgeld neben den alteingeführten Landeswährungen der damals elf Staaten der Eurozone mit. Damit stand EZB-Chef Duisenberg auf einen Schlag an der Spitze einer Mega-Behörde, deren Entscheidungen bis hinein in die Geldbeutel von zusammen rund 300 Millionen Menschen wirkte.

Das wichtigste Ziel der Zentralbank erwies sich schnell als heikle Herausforderung: Damit der Euro nicht als kostspieliger Fehlschlag endet, musste die EZB binnen kurzem reichlich Überzeugungsarbeit im gemeinsamen Währungsgebiet leisten - und zugleich auch das Zutrauen der Analysten und Anleger an den Märkten gewinnen. Drei Jahre später, zum Jahreswechsel 2001/02, löste der Euro dann D-Mark, Franc, Gulden und Lira auch als Bargeld ab.

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Nach der Einführung ging der Euro-Wert zunächst auf Talfahrt und erreichte 2000 mit 0,83 US-Dollar seinen historischen Tiefstand. So musste die EZB den Euro gleich zu Beginn stützen, indem sie den Leitzins senkte (von damals 4,75 auf 2,0 Prozent). Den Startproblemen zum Trotz durfte Duisenberg 2002 den ersten Euroschein als einheitliches Zahlungsmittel für zunächst zwölf Staaten unterschreiben. Danach ging es mit dem Euro bergauf, gestützt durch ein starkes Wirtschaftswachstum.

"Der Euro ist ihre Währung", schrieb EZB-Präsident Duisenberg mit Blick auf die Bürger der Währungsunion der Europäischen Zentralbank ins Stammbuch, "und sie sollten sich darauf verlassen können, dass er seinen Wert behält." Welche gewaltige Aufgabe der Niederländer mit dem Pokergesicht zu verrichten hatte, beschrieb der frühere Wall-Street-Journalist Matt Marshall treffend in seinem Buch "Die Bank" aus dem Jahr 1999: "Duisenbergs größte Herausforderung bestand darin, den Konvoi der EZB-Politik durch das Minenfeld nationaler Empfindlichkeiten zu lotsen."

In einer auf 19 Länder gewachsenen Eurozone ist das eher noch schwieriger geworden. Auf Duisenberg folgte der Franzose Jean-Claude Trichet, der die EZB unter dem Eindruck der Finanzkrise ab 2007/2008 in eine Phase historisch niedriger Leitzinssätze führte. Die Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der US-Großbank Lehman Brothers markiert zugleich auch den Höchststand des Euro: 1,60 Dollar war der Euro im Frühjahr 2008 noch wert.

Während Südeuropa kurz darauf über den Billiggeld-Kurs jubeln konnte, müssen die Währungshüter die diversen Sondermaßnahmen etwa in Deutschland immer wieder rechtfertigen. "Wenn die EZB so weitermacht, kauft sie bald auch alte Fahrräder auf und gibt dafür neues Papiergeld heraus", ätzte im Sommer 2011 etwa der FDP-Finanzpolitiker Frank Schäffler.

Niederländer, Franzose, Italiener und ...

Trichets Nachfolge Mario Draghi übernahm das Amt des EZB-Präsidenten im Herbst 2011 - und musste neben den Nachwirkungen des Lehman-Crashs auch noch mit der Euro-Krise rund um das katastrophal verschuldete Griechenland umgehen. Zur Beruhigung der Märkte startete der Italiener das umstrittene Anleihenkaufprogramm - und drückte den für alle Kreditgeschäfte im Euroraum maßgeblichen Leitzins im März 2016 schließlich bis auf die Nulllinie.

Die Machtfülle des Amtes demonstrierte Draghi eindrucksvoll im Sommer 2012, als er die sogenannte "Bazooka" auspackte. "Die EZB wird alles tun, um den Euro zu retten", versprach der Italiener - "Whatever it takes." Draghis Machtwort stabilisierte die Eurozone in der tiefsten Krise ihrer jungen Geschichte, als die Politik schnelle Entscheidungen vermissen ließ - das gestehen Draghi sogar seine Kritiker zu. Gleichwohl wird bis heute auch vor Gericht gestritten, ob die EZB, die nicht demokratisch gewählt ist, unter Draghis Führung nicht ihre Kompetenzen überschritten hat.

Nullzins-Politik, Staatsanleihenkäufe, Finanzspritzen für klamme Banken, Strafzinsen für geparkte Bankeinlagen - dass die EZB im Kampf gegen Mini-Inflation und schwache Konjunktur auch manches Tabu brach, nährte bei manchem die Sehnsucht nach der Stabilitätskultur der Deutschen Bundesbank. Sparer fühlen sich enteignet, auch wenn auf der anderen Seite zum Beispiel Immobilienkäufer vom Zinstief profitieren.

Zeit für einen Deutschen?

Die EZB brauche "mehr deutsche Handschrift" forderte im Frühjahr 2016 der CSU-Politiker Markus Söder, heute bayerischer Ministerpräsident, öffentlichkeitswirksam in der "Bild am Sonntag". In einer jüngeren Analyse vertraten auch Analysten der UBS die Ansicht: "Deutschlands Gewicht im EZB-Rat ist angesichts der Regel "Eine Person, eine Stimme" zu gering." Die Hoffnung ist groß, dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann im Herbst 2019 den derzeitigen EZB-Präsidenten Mario Draghi beerben und als erster Vertreter der größten Volkswirtschaft Europas auf einen der einflussreichsten Posten auf dem Kontinent befördert wird.

Entrückt ist die Notenbank, die seit November 2014 zusätzlich die wichtigsten Banken im Euroraum direkt überwacht, auch räumlich: Vom Eurotower in der Frankfurter Innenstadt zieht die EZB im Jahr 2015 um in einen gläsernen Neubau im Osten der Bankenmetropole. Zur Eröffnung im März 2015 greifen vermummte Chaoten Polizisten an, Autos gehen in Flammen auf, Steine fliegen. Kapitalismuskritiker der "Blockupy"-Bewegung hatten zu Protesten aufgerufen.

Der neue EZB-Standort gleicht mittlerweile einer Festung - einem Bollwerk europäischer Geldpolitik: Zu ihrem zehnjährigen Bestehen 2008 öffnete die Zentralbank noch ihre Pforten und gewährte zumindest 1000 ausgewählten Bürgern einen Blick hinter die Fassade. Zum 20-jährigen Jubiläum hält sich die EZB dagegen bedeckt. Mehr Transparenz fordert nicht nur der künftige Bundesbank-Vorstand Burkhard Balz. Im Januar sagte der CDU-Politiker dem "Handelsblatt": "Fast 20 Jahre nach der Gründung der EZB ist es Zeit für eine Bestandsaufnahme, was gut und was nicht so gut gelaufen ist."

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Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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