Wirtschaft

"Lockdown ist faschistisch" Elon Musk wird Corona-Chefpropagandist

Elon Musk twittert alles, was den Tesla-Kurs pusht. Nun eben Corona-Propaganda.

(Foto: picture alliance/dpa)

Nach Milliardenverlusten schreibt Tesla endlich Gewinne, die Aktie geht durch die Decke. Doch Elon Musks Überraschungserfolg wird wieder mal von seinem Verhalten überschattet: Mit gewohnt radikalen Tweets mutiert der Tesla-Chef zum Anführer der Lockdown-Rebellen - aus blankem Kalkül.

Um markige Worte war Elon Musk noch nie verlegen: Kritische Analysten kanzelt er gern mal als Idioten ab, Medien, die ihn infrage stellen, wirft er Heuchelei vor. Ex-Mitarbeiter verklagt er als Saboteure und Verräter. Einen Rettungstaucher, der seine Vorschläge zur Befreiung einer Jungen-Fußballmannschaft aus einer Unterwasserhöhle in Thailand höflich aber bestimmt ablehnte, beleidigte er als Kinderschänder. Die Börsenaufsicht SEC "respektiert er nicht". Und mit Blackrock legte er sich an, weil er glaubte, die größte Investmentgesellschaft der Welt - übrigens ein Tesla-Aktionär - helfe dabei, die Tesla-Aktie mit Leerverkäufen in die Tiefe zu treiben.

Auch in der Corona-Krise bleibt Musk sich treu. Mit immer radikaleren Äußerungen macht der Tesla-Chef von sich reden und mutiert dabei zum Anführer des Widerstands gegen den Lockdown. In einer Analysten-Telefonkonferenz riss Musk am Donnerstag der Geduldsfaden. "Wenn jemand zu Hause bleiben will, ist das toll. Aber den Leuten vorzuschreiben, dass sie ihr Haus nicht verlassen können und dass sie festgenommen werden, wenn sie es tun, ist faschistisch", donnerte der Tesla-Chef. "Gebt den Leuten ihre gottverdammte Freiheit zurück."

Bis zu dem Wutausbruch hatte Musk alle Kritiker nicht mit Worten, sondern mit Taten zum Schweigen gebracht: Nach jahrelangen Milliardenverlusten schreibt Tesla inzwischen trotz der Corona-Krise das dritte Quartal in Folge Gewinne. Im Alleingang hat Musk den Trend bei dem Autobauer gedreht, aus der Geldvernichtungsmaschine gegen alle Widerstände und Prognosen ein Börsenwunder gemacht. Die Tesla-Aktie ist zwar im Corona-Crash wie die Börsen weltweit tief gefallen, hat seitdem aber faktisch alle Verluste wieder aufgeholt. Und nun bringt sich Musk als Lockdown-Chefrebell zurück in die Schlagzeilen. Es ist, wie es bei Tesla immer war: das größte Kapital, aber auch der größte Risikofaktor bei dem E-Pionier ist sein visionärer Chef, der mit seiner Lockdown-Kritik offenbar ganz eigene Interessen verfolgt.

Corona-Propaganda vom Tesla-Boss

Wenn Musk schimpft, dann meistens über Twitter. Sein Account ist die wichtigste Werbeplattform des E-Autobauers. Hier beleidigt und lügt der Tesla-Chef nach Belieben. Mal phantasiert er von selbstfahrenden Tesla-Flotten, die ihre Besitzer als Robo-Taxis vermieten könnten. Mal träumt er von Flügen zum Mars, die schon vor Jahren hätten stattfinden sollen. Für seine erfundene Behauptung, er hätte genug Investorengeld gesammelt, um Tesla von der Börse zu nehmen, brummte ihm die US-Börsenaufsicht nach einem Ermittlungsverfahren wegen Marktmanipulation eine Millionenstrafe auf. Das hielt Musk nicht davon ab, danach nochmals aufgeblähte Tesla-Produktionszahlen zu verbreiten.

Trotzdem kleben Tesla-Fans, Analysten und Investoren an jedem Wort, das er über seinen Kanal veröffentlicht. Mit seiner Strategie der kalkulierten Provokation ist Musk zum Social-Media-Star der Wirtschaft geworden. 33,4 Millionen Twitter-Follower hat er inzwischen. Auch seine Tweets zum Lockdown finden deshalb große Beachtung.

Seit Beginn des Corona-Ausbruchs sät Musk Zweifel an der Notwendigkeit des Lockdowns und verbreitet sogar Falschinformationen. Er teilte eine umstrittene Analyse zum Malaria-Medikament Chloroquin, die Twitter und Google inzwischen als irreführend von ihren Plattformen verbannt haben. Per Tweet suggerierte er, Ärzte würden die Infektionszahlen aus finanziellen Gründen aufblähen. Das Virus hält er offenbar für ziemlich harmlos: Schon Ende Januar twitterte er, es werde sich als "vergleichbar mit anderen Formen der Influenza erweisen". Im März bekannte er dann: "Die Gefahr der Panik übertrifft die Corona-Gefahr immer noch bei weitem." Und erst am Donnerstag twitterte er eine Grafik, die zeigen soll, dass die Krankenhäuser in Kalifornien in der Pandemie angeblich längst nicht ausgelastet sind.

Seine Haltung begründet Musk mit der Liebe zur US-Verfassung. Leute in ihren Häusern einzusperren sei nicht demokratisch: "Befreit Amerika jetzt!" hat er sich deshalb ans Twitter-Profil gepinnt. Doch Zweifel an seinen hehren Motiven sind angebracht: Schließlich hat er in der Vergangenheit mehrfach bewiesen, dass er bedenkenlos alles postet, was den Tesla-Kurs pusht. Dass er sich nun an die Spitze des Corona-Widerstandes setzt, dürfte nicht ganz uneigennützig sein.

Der Shutdown ist Musks größter Feind

Tesla Motors (USD)
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Denn die Stilllegung der US-Wirtschaft bedroht wie viele Firmen auch die Existenz von Tesla. Am Mittwoch konnte Musk zwar überraschend noch einen Gewinn für das erste Quartal melden. Doch der geht auch auf höhere Verkäufe von CO2-Gutschriften für die Elektroautos an Wettbewerber zurück. Für die nächste Quartalsmeldung sind die Aussichten deutlich düsterer. Seit Ende März stehen auch die Bänder in Teslas Hauptwerk in Fremont still. Seine Prognose, dass in diesem Jahr fast ein Drittel mehr Autos als im Vorjahr ausgeliefert werden, hat der Autobauer nicht wiederholt. Angesichts der Krise seien Vorhersagen über Gewinne und Cashflow "sehr wahrscheinlich unzutreffend", teilte der Konzern mit. Man wolle die Prognose mit dem Ausblick für das zweite Quartal anpassen.

Musk hat offenkundig Angst, dass ihm eine lange Zwangspause die mühsam erkämpfte Trendwende bei Tesla zunichtemacht - auch deshalb wettert er gegen den Lockdown und verharmlost die Corona-Gefahr. Dass er die Ausgangssperre in Kalifornien ausgerechnet in dieser Woche als "Faschismus" geißelte, kommt sicher auch nicht von ungefähr. Denn eigentlich wollte Tesla die Produktion in Fremont nächste Woche wieder hochfahren, pünktlich zum Ende des bis dahin angeordneten Produktionsstopps. Doch am Montag verlängerten die Bezirksbehörden den Shutdown dann bis Ende Mai - am Donnerstag attackierte Musk ihn dann als undemokratische Freiheitsberaubung.

Mit seinen Twitter-Tiraden will Musk offenbar den Druck auf die Behörden erhöhen, die Produktion wieder freizugeben. Schon zu Beginn des Lockdowns missachtete der Tesla-Chef einfach die Anweisungen der Behörden und produzierte im Tesla-Werk einfach eine Woche lang munter weiter, obwohl es längst hätte geschlossen werden müssen. Erst als die Polizei mit einem Werksbesuch drohte, lenkte Musk ein. Mal sehen, was er sich noch einfallen lässt, um den Lockdown aufzuheben.

Quelle: ntv.de