Wirtschaft

Türkei bläht Dollarreserven auf Erdogan wittert Verschwörung im Westen

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Der türkische Präsident Erdogan hält kritische Berichte über die Zentralbank für "Wirtschaftsterrorismus".

(Foto: picture alliance/dpa)

In der Wirtschaftskrise geht Ankara zunehmend das Geld aus, um die türkische Lira gegen Spekulanten zu verteidigen. Nun hübscht die Zentralbank mit Tricks offenbar sogar ihre Devisenbestände auf. Doch Präsident Erdogan will das nicht hören.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Mittel, mögen sich die Währungshüter am Bosporus gedacht haben. Weil die türkische Wirtschaft immer weiter abschmiert und die Lira mehr und mehr unter Druck gerät, peppt die türkische Zentralbank die schrumpfenden Devisenreserven des Landes offenbar mit Tricks künstlich auf. Die fragwürdigen Transaktionen verschärfen die Sorgen der Anleger, dass der Notenbank demnächst die Mittel ausgehen könnten, den Sinkflug der türkischen Währung zu stoppen.

Türkische Lira / US-Dollar
Türkische Lira / US-Dollar ,17

Offiziell lagen die Nettoreserven der Türkei - alle Devisenbestände der Zentralbank abzüglich internationaler Verpflichtungen wie IWF-Einlagen - Anfang April bei rund 28 Milliarden Dollar. Schon diesen Vorrat halten Analysten angesichts der hohen Auslandsschulden des Landes für bedenklich gering. Laut "Financial Times" (FT) besteht ein Großteil der Kriegskasse nur aus extrem kurzfristigen Devisenswaps der Zentralbank mit den Banken des Landes. Rechne man dieses Geld heraus, verfügten die Währungshüter nur noch über Reserven von weniger als 16 Milliarden Dollar. Das befeuert die Angst der Märkte, dass das Polster viel zu klein sein könnte, um die Lira gegen einen neuen Crash zu verteidigen.

Die Notenbank räumt auf Anfrage der Zeitung selbst ein, dass die Tricks "die Reservebestände beeinträchtigen könnten", beharrt aber darauf, dass die Bilanzierung der Devisenswaps "in voller Übereinstimmung mit internationalen Normen" erfolge. Viele Investoren beruhigt das aber nicht: "Ich glaube nicht, dass das normale Operationen sind und sie sind weniger als transparent", zitiert die Zeitung einen Aktienhändler. "Eine Zentralbank kann es sich nicht leisten, sparsam mit der Wahrheit umzugehen."

Die Angst vor dem Lira-Crash ist zurück

Der türkische Präsident Recep Erdogan wittert hinter dem Bericht wie schon oft eine Verschwörung fremder Mächte und "Wirtschaftsterroristen": "Leider bemühen sich gewisse Gruppen im Westen mit all ihren Medienorganen, es so darzustellen, als wäre unsere Wirtschaft kollabiert und erledigt." Doch was immer sie schrieben, "die Türkei bleibt aufrecht und schreitet voran". Schon im vergangenen Jahr drohte er vermeintlichen ausländischen Aggressoren mit der "osmanischen Ohrfeige".

Doch nicht nur im Westen, auch in der Türkei selbst gibt es Kritik an den Methoden der Währungshüter. "Das ist kein konventionelles Vorgehen, um die Reserven der Notenbank aufzufüllen", zitiert die "FT" einen hochrangigen türkischen Ex-Zentralbanker. Denn mit den Swaps erhöht die Zentralbank ihre Dollar-Reserven nicht, sondern borgt sie sich nur für eine Woche von den Banken des Landes. Die schwimmen in Devisen, weil viele Türken ihr Geld in Dollar und Euro tauschen, um es vor dem dramatischen Verfall der Lira zu retten.

Faktisch zapfen die Währungshüter nun diese Kundengelder an, um ihre eigenen Reserven auf dem Papier kurzfristig aufzuhübschen. Das könnte sich als fatales Spiel nach dem Motto "linke Tasche, rechte Tasche" erweisen. Denn mit den Anleihen schwächt die Notenbank die Bilanzen der Finanzinstitute. Sie verschärft die Gefahr, dass den Banken des Landes das Geld ausgeht, wenn es bei einem neuen Lira-Crash einen Ansturm der Kunden gibt.

Was passiert hinter den Kulissen?

Die Gefahr ist mehr als real: Im März ist die türkische Währung angesichts von Sorgen um die Devisenreserven der Zentralbank an einem Tag um fast sechs Prozent gefallen. Die Anleger flüchten in Scharen aus dem Land. Innerhalb eines Jahres ist die türkische Währung gegenüber dem Dollar nochmal rund 30 Prozent abgestürzt. Schon im vergangenen Sommer war sie auch wegen des Streits mit den USA massiv eingebrochen.

Der Lira-Crash seit dem Sommer und die Wirtschaftskrise, in die Präsident Erdogan das Land mit seiner kreditgetriebenen Wachstumspolitik und politischem Druck auf die Zentralbank gestürzt hat, verstärken sich gegenseitig. Erstmals seit zehn Jahren ist die Türkei 2018 in die Rezession gerutscht, die Wirtschaft schrumpfte um drei Prozent. Trotz drakonischer Preiskontrollen ist die Inflation inzwischen auf rund 20 Prozent explodiert. Die Arbeitslosenquote liegt auf Zehn-Jahres-Hoch. Im Elendsindex von Bloomberg belegt die Türkei inzwischen Platz 5.

Ein gigantischer Schuldenberg drückt den Privatsektor, die Türkei steht mit mehr als der Hälfte der Wirtschaftsleistung im Ausland in der Kreide. Erdogans Rettungspläne überzeugen die Märkte nicht: Sein Schwiegersohn und Finanzminister Berat Albayrak vergrault mit geballter Inkompetenz die ohnehin schon verunsicherten Investoren. Da sorgen die Bilanztricks der Zentralbank nicht gerade für Vertrauen. "Es besteht allgemeines Unwohlsein darüber, was hinter den Kulissen abläuft", zitiert die "FT" einen Schwellenland-Analysten.

Quelle: n-tv.de

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