Wirtschaft

Inflation, Armut, Hunger Diese Länder versinken im Elend

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Kinder warten vor einer Suppenküche in Caracas, Venezuela.

(Foto: REUTERS)

Acht Millionen Prozent Inflation, 80 Prozent der Menschen arm - Venezuela ist seit Jahren trauriger Spitzenreiter im Elendsranking von Bloomberg. Die Statistik zeigt schonungslos, wie es auch um die Schlusslichter Europas steht.

Inflation und Arbeitslosigkeit sind die Kennzahlen, die Volkswirte und Politiker am meisten beschäftigen. Sinken sie, läuft es rund. Steigen sie, wächst die Armut. Addiert ergeben sie den sogenannten "Elendsindex". Er funktioniert wie ein Fieberthermometer: Je höher die Temperatur, desto schlimmer die wirtschaftlichen und sozialen Folgen für ein Land.

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Die US-Finanzagentur Bloomberg veröffentlichte den Elendsindex im fünften Jahr in Folge. Obwohl das Ranking diesmal auf Prognosen und nicht auf tatsächlichen Zahlen basiert, unterscheidet es sich nicht wesentlich vom Vorjahr: Die trostlosesten Länder sind dieselben wie schon 2018.

Trauriger Spitzenreiter ist mit einer Hyperinflation von voraussichtlich acht Millionen Prozent Venezuela. Der südamerikanische Staat hält seit Jahren den zweifelhaften ersten Platz. Nur liegt heute die Teuerungsrate noch einmal höher. Die Bloomberg-Schätzung übertrifft dabei sogar noch den "Café-con-Leche-Index", der eine Inflationsrate von 219.900 Prozent voraussagt. Wirklich belastbar sind die Daten jedoch nicht. Die venezolanische Regierung selbst hat seit 2016 keine Wirtschaftszahlen mehr veröffentlicht.

Auf Platz 2 und 3 der weltweit miserabelsten Volkswirtschaften folgen Argentinien und Südafrika mit 51 und 32 Prozent kombinierter Inflation und Arbeitslosigkeit. In Europa kämpfen die Türkei und Griechenland mit schlechten Wirtschaftsdaten, sie finden sich auf Platz 4 und 5 wieder. Hier prognostiziert Bloomberg einen Anstieg des Elendsindex' auf 30 und 19 Prozent in diesem Jahr.

In Venezuela sterben Menschen

In allen Elendsländern gebe es kaum Fortschritte, schreibt Bloomberg. "Venezuela und eine Handvoll anderer im 'elendsten' Lager befinden sich in einem einsamen Kampf gegen hohe Inflation und hohe Arbeitslosigkeit." In Venezuela sterben die Menschen, weil es an Essen und Medikamenten fehlt. In dem Land mit den größten Ölreserven der Welt leben heute mehr als 80 Prozent der Menschen in Armut, die staatliche Gesundheitsversorgung ist zusammengebrochen.

In Argentinien ist die Lage zwar nicht ganz so schlimm. Aber auch dieses Land, das einmal zu den reichsten Nationen der Erde zählte, steckt heute in einer schier endlosen Wirtschaftskrise. 34 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Wütende Argentinier gehen regelmäßig auf die Straße, um gegen die Teuerungswellen und die Regierung unter dem konservativen Präsidenten Mauricio Macri zu protestieren, die den Abschwung nicht stoppen kann.

Obwohl der Internationale Währungsfonds dem Land über 50 Milliarden US-Dollar Hilfen in mehreren Tranchen zur Verfügung stellt, ist kaum Besserung in Sicht. Die Probleme sind über die Jahrzehnte immer schlimmer geworden.

Türkei kämpft gegen den Abstieg

In der Türkei liegt die Arbeitslosigkeit mittlerweile bei fast 15 Prozent, die Inflation bei knapp unter 20 Prozent. Die Wirtschaft ist Ende vergangenen Jahres in die Rezession gerutscht. Mehr als ein Viertel der Jugendlichen ist arbeitslos. Die Lira verfällt zusehends. Das jüngst vorgestellte Wirtschaftsprogramm soll Abhilfe schaffen, ist aber ein Flop. Wie es weitergehen soll, ist offen. Manche Beobachter erwarten bereits, dass auch die Erdogan-Regierung Hilfe beim IWF suchen muss.

Doch nicht immer lassen die Inflations- und Arbeitslosenzahlen auf eine schlimme Gesamtsituation schließen. Griechenland zum Beispiel steht von den sogenannten Elendsstaaten am ehesten an einem Wendepunkt. Trotz einer Arbeitslosenquote von rund 18 Prozent liegt die Inflation unter einem Prozent. Die Risikoprämien des Euro-Krisenlandes gehen immerhin zurück. Zumindest für den Moment gibt es Licht am Horizont.

Seit dem Tiefpunkt der griechischen Wirtschaft im Jahr 2012, als die Arbeitslosenquote bis auf den Rekordwert von 27,7 Prozent gestiegen war, hat das Land mit seinem Wachstum Deutschland und Frankreich überholt. In diesem Jahr wird ein Wachstum von 1,9 Prozent erwartet, womit Griechenland über dem EU-Durchschnitt von 1,4 Prozent liegt.

Daten sind schwer zu deuten

Die meisten anderen Staaten sähen sich anderen Herausforderungen gegenüber, schreibt Bloomberg. Ab Platz 6 des Rankings sind die Zahlen weniger aussagekräftig. "Eine kniffelige Kombination aus ruhiger Inflation und niedriger Arbeitslosigkeit erschwere das Bestimmen der Wirtschaftskraft und angemessene Reaktionen."

Insgesamt haben fast die Hälfte der 62 Länder im Elendsranking diesmal niedrigere Inflationsraten als im Vorjahr. Für die meisten Staaten erwarten die Ökonomen auch sinkende Arbeitslosenzahlen. Hintergrund ist, dass 2018 die Angst vor einer schleichenden Inflation am größten war.

Aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht gilt ein Elendsindex nicht wirklich als brauchbar. Dennoch hat er sich in der Vergangenheit als guter Indikator bei Wahlen bewährt. Ist der Index sehr hoch, werden Regierungen eher abgewählt als bei niedrigem Stand.

Quelle: n-tv.de

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