Wirtschaft

Mysteriöser Geldgeber aus USA Erdogans Kanal-Plan wird immer verrückter

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Die Fatih-Sultan-Mehmet-Brücke, die zweite Bosporusbrücke, die 1988 eingeweiht wurde. Mit dem neuen künstlichen Kanal, der parallel verlaufen soll, soll der Schiffsverkehr verringert werden.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der türkische Präsident Erdogan treibt ein weiteres Prestigeprojekt voran: eine künstliche Schifffahrtsstraße zwischen Schwarzem Meer und Marmarameer. Unklar ist bislang, wer die Baukosten von rund 12 Milliarden US-Dollar zahlen soll. Da meldet sich ein spendabler US-Fonds.

Ein neuer riesiger Flughafen in Istanbul, eine gigantische Moschee und ein Tunnel unter dem Bosporus: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat eine Vorliebe für gigantische Projekte, die Milliardensummen verschlingen. Sein neuestes Bauvorhaben, eine 45 Kilometer lange künstliche Schifffahrtsstraße zwischen Marmarameer und Schwarzem Meer, ist sein bisher ehrgeizigstes Projekt. Als er die Verbindung parallel zum Bosporus 2008 erstmals erwähnte, nannte er es ein "verrücktes Projekt" für Istanbul. Gut zehn Milliarden Euro soll der Kanal offiziell kosten. Das Zehnfache war allerdings auch schon im Gespräch. Wer das finanzieren soll, ist unklar.

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Klar ist, ohne massive Schuldenaufnahme wird die Türkei diese Summe nicht stemmen können. Für dieses Jahr ist die erste Ausschreibung für das Bauvorhaben mitten durch die 16-Millionen-Metropole geplant. Eigentlich sollten längst finanzkräftige Geldgeber gefunden sein. Im November hieß es, Unternehmen aus den Beneluxländern hätten großes Interesse an dem Projekt. Gespräche über die Finanzierung seien im Gange, sagte der türkische Verkehrsminister Cahit Turhan damals der türkischen Zeitung "Hürriyet Daily News". China hätte ebenfalls angeklopft.

Danach jedoch nichts, Stillschweigen. Weder aus den Beneluxländern noch aus China war danach noch etwas zu hören. Völlig überraschend meldete nun Anfang der Woche unter anderem die türkische Finanzzeitung "Dünya", ein US-Fonds namens Money Maker Management stehe bereit, den Kanal in Istanbul zu finanzieren - und zwar komplett. Die Zeitung beruft sich auf Aussagen des Firmenchefs George Ghorayeb. Der Fonds sei der siebtgrößte der USA, heißt es. Es gebe auch ein Büro in Istanbul.

Pseudo-Fonds wirft ein Schlaglicht

Der finanzielle Durchbruch für das Großprojekt wäre eine Sensation. Schnell macht sich jedoch Ernüchterung breit. Es geht Schlag auf Schlag. Ein Blick auf die Webseite des Unternehmens und die Medien wittern eine Finte. Von wem? Unklar. Es gebe weder über alte noch neue Projekte dieses angeblichen Fonds Informationen, stellt das türkische Portal Ahval fest. Nur eine Niederlassung in Dubai sei erwähnt, die von einer Einzelperson namens Ahmad Kurdi geführt werde. Es gebe keine Büroadresse. Eine Adresse im Libanon sei deckungsgleich mit einer von Ahmad Kurdi Fine Jewellery. Zu Investments gebe es nur eine einzige veraltete Angabe zu einem Vorhaben in Nigeria.

Wenige Stunden später verschwindet die Nachricht wieder von der Webseite der "Dünya". Der Fonds ist ein Pseudo-Fonds. Die sensationelle Nachricht hat sich als Fake News erwiesen. Und Erdogans Bauvorhaben erscheint dadurch in einem noch dubioseren Licht als bisher.

Dieser Eindruck wird durch Zahlen eines seiner anderen Großprojekte, die zeitgleich bekannt werden, noch verstärkt. Sie zeigen, dass der türkische Präsident keine Scheu hat, sich bei Finanzierungsangelegenheiten für seine Bauvorhaben weit aus dem Fenster zu lehnen. Die Zeche zahlen die türkischen Steuerzahler. Für die 2016 fertiggestellte Yavuz-Sultan-Selim-Brücke, die dritte über den Bosporus, berappen sie laut der Tageszeitung "Cumhuriyet" allein für das vergangene Jahr über 500 Millionen US-Dollar. Grund: Die Maut-Einnahmen sind weit hinter der Summe zurückgeblieben, die Erdogan dem Betreiberkonsortium garantiert hatte.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 6,08

Insgesamt 245 Millionen Dollar für die ersten sechs Monate 2019 habe die Türkei bereits an die türkische Ictas und die italienischen Astaldi überwiesen, schreibt die Zeitung. Für die Monate bis Dezember werden noch einmal 270 Millionen Dollar fällig. Der US-Dollar lag 2016 bei 2,95 türkischen Lira. Inzwischen ist er 5,92 Lira wert. Das heißt im Umkehrschluss, für die Türkei ist die Entschädigungszahlung für ausgebliebene Maut-Einnahmen heute sogar gut doppelt so teuer.

Faule Eier, Spekulanten, Kreuzritter

Nicht nur aus finanziellen Gründen ist Erdogans neues Mega-Projekt umstritten. Heftiger Gegenwind kommt auch von Umweltschützern. Wissenschaftler warnen vor einem gestiegenen Erdbebenrisiko, einer Gefahr für die Wasservorräte der Stadt und das hochkomplexe Öko-System. Das Schwarze Meer liegt höher als das Marmarameer, der Salzgehalt ist unterschiedlich. Was bedeutet das für die Natur und den Menschen? Vor Jahren warnte bereits der Meeresforscher Cemal Saydam, dass Istanbul "nach faulen Eiern" stinken werde. Damals fand er wenig Gehör, das hat sich geändert. Viele Experten haben sich seiner Kritik angeschlossen. Auch der sozialdemokratische Oberbürgermeister Ekrem Imamoglu, der seit vergangenem Jahr Istanbul regiert, ist ein erbitterter Gegner des Projekts. Er nennt den Kanal ein "Mordprojekt" und einen "Verrat an Istanbul".

Nach faulen Eiern stinkt es noch nicht, aber Kritiker wittern Spekulantentum. Viele Grundstücke entlang der Kanalroute sind inzwischen in der Hand prominenter und zahlungskräftiger Immobilieninvestoren. Laut Imamoglu belegen die Grundbücher, dass Käufer aus Kuwait, Katar und Saudi-Arabien 3000 Hektar erstanden haben. Der türkischen Zeitung "Cumhuriyet" zufolge soll sich auch Erdogans Schwiegersohn Berat Albayrak 13 Hektar gesichert haben. Ob das stimmt, muss noch geklärt werden. Imanoglu kündigte im Dezember eine Untersuchung der Immobilienkäufe an.

Bei der Finanzierung wird das nicht helfen. Erdogans sowieso schon "verrücktes Projekt" wird derweil immer verrückter. Der regierungsnahe Sender A Haber ging inzwischen so weit, ein Gerücht zu streuen, wonach irgendwo auf der Route des geplanten Kanals zehn Schiffe vergraben seien, voll mit Gold von den Kreuzrittern. Wenn sich die finanziellen Probleme nicht durch einen spendablen Fonds lösen lassen, dann eben durch die Fantasie.