Wirtschaft

Börsen-Veteran Meyer im Lockdown "Ganz allein mit dem Dax im Handelssaal"

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ntv-Börsenreporter Frank Meyer lässt das Jahr Revue passieren: "Still wurde es unter der Dax-Tafel. Das Klicken der Tafeln war oft lauter als der Handel selbst."

(Foto: imago images / Sven Simon)

Selbst einem alten Hasen wie ntv-Börsenreporter Frank Meyer hat das Corona-Jahr Rätsel aufgegeben: "Finanzkrisen kamen und gingen. Dass ein Virus die Börsenwelt so ins Chaos stürzen konnte, das war auch für mich neu." Ein Rückblick auf eine einsame Zeit auf dem Parkett.

Nach mehr als zwei Jahrzehnten auf dem Börsenparkett glaubt man ja, schon alles erlebt zu haben: Hochzeiten und Todesfälle, Aufschwünge und Abstürze, Kursstürmer und Rohrkrepierer. Finanzkrisen sind gekommen und gegangen. Es wuchsen Blasen und sie platzten auch wieder. Dass aber ein Virus die Börsenwelt so ins Chaos stürzen konnte, das war auch für mich neu.

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Es traf die Weltwirtschaft zudem ausgerechnet zu einer Zeit, als diese schon auf einem absteigenden Ast war und sich die Zentralbanken schon ziemlich locker im Gelddrucken gemacht hatten. Börsenkurse sind ja inzwischen so abhängig von der Zentralbank wie der Junkie vom nächsten Schuss! Ohne diesen ständig zusätzlichen Schmierstoff würden ja die Lichter ausgehen. Das Virus rammte deshalb nicht etwa nur den Dax, sondern auch den 250 Billionen US-Dollar großen Schuldenturm, dessen Trümmer dann in der Corona-Krise auf die Kurse fielen.

Nichts wie raus! Völlig losgelöst? Für mich war es ein Rätsel, dass die Börse über den Januar und Februar 2020 hinweg so lange brauchte, um die Dimension und die Auswirkungen von SARS-CoV-2 zu begreifen. Die Kurse erreichten Höchststände, als in China längst gestorben wurde. Und während man noch die Rekorde feierte, habe ich etliche Vorräte angelegt, denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, sagte man im Osten. Entweder man hat es, oder man hätte es gerne gehabt.

Damit war nicht nur Klopapier gemeint. An der Börse heißt es, der Markt habe immer recht. Nun ja, bis die Gebetsmühlen vom ewigen Aufschwung, billigen Geld und der Alternativlosigkeit von Aktien endlich begannen, sich rückwärts zu drehen, bis dahin dauerte es etwas länger.

Am 19. März kam der Alarm

Manches aus der Politik und Expertenschaft klang zunächst fern jeder Realität. Dann kam der Alarm. Am 19. März schloss der Dax 1277 Punkte tiefer. Mehr als 150 Milliarden Euro Börsenwert wurden an einem einigen Tag vernichtet. Die Rücklagen fürs Alter brannten und binnen weniger Wochen sahen die Kurse aus wie nach einem Bombenangriff. Boden fand der Dax bei 8257 Punkten. Das waren 5500 Punkten oder fast 40 Prozent weniger als auf dem Hoch nur wenige Wochen zuvor.

Wie viel das ist, muss man sich erst mal vergegenwärtigen: Als der Dax am 1. Juli 1988 zum ersten Mal berechnet wurde, standen auf der Anzeigetafel "nur" 1163 Punkte. Das war der komplette bis 1959 zurückgerechnete Index der wichtigsten deutschen Unternehmen. Genau das wurde an einem einzigen Tag, am 19. März 2020, komplett ausgelöscht. Zumindest rein nach den Zahlen.

Natürlich sind 1000 Punkte von damals heute weit weniger wert. Damals waren die "Märkte" auch noch sich selbst überlassen. Notenbanken hatten Besseres zu tun, als ständig Geld zu drucken, Zinsen zu bekämpfen sowie Staaten und den Euro zu retten. Nur die stärksten Unternehmen kamen damals durch. Heute aber ist jeder angeblich stark beziehungsweise "systemrelevant" bis hin zum Nagelstudio. Geld spielt keine Rolle.

In dieser Krise ging es auch ungewohnt flott, dass die großen Zentralbanken ihre Bazookas im XXL-Format in Stellung brachten und in unzähligen Überstunden mit Billionen frischer Geldeinheiten auf ein Virus beziehungsweise auf dessen Auswirkungen ballerten. Die oberste Direktive laute: Das Finanzsystem am Laufen halten.

"Das Klicken auf der Tafel war lauter als der Handel"

Der Dax begann, wieder zu fliegen, obwohl die reale Wirtschaft - vor allem der Dienstleistungssektor - durch den staatlich verordneten Lockdown gerade abstürzte. Aber Börse kann auch ganz gut ohne Wirtschaft bei so prall gefüllten Geldschläuchen. Aber nicht nur die "unkonventionellen Maßnahmen" der Notenbanken machten Angst.

Niemand wusste, was so ein Virus für unser normales Leben bedeuten würde. Jeder zog sich zurück, der Börsensaal leerte sich, die Händler machten ihre Arbeit aus dem Homeoffice. Ihre Präsenzpflicht wurde aufgehoben. Still wurde es unter der Dax-Tafel. Für uns Reporter bedeutete das: keine Interviewgäste mehr wegen Ansteckungsgefahr. Das Klicken der Tafeln war oft lauter als der Handel selbst.

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Das neue Gold in der Pandemie: "Wer die Keramikabteilung an der Börse besuchte, prüfte zuerst das Vorhandensein auf dem Rollhalter."

(Foto: Frank Meyer)

Es gab Abende, da war ich ganz allein mit dem Dax im Handelssaal. Und da draußen war das Klopapier auf einmal das neue Gold und das Sterillium der neue Duft, wenn man überhaupt welches bekam. Etliche Rollen wurden offenbar nach Hause verlagert. Wer die Keramikabteilung an der Börse besuchte, prüfte zuerst das Vorhandensein auf dem Rollhalter.

Eine gute Seele des Hauses schenkte mir für meine Eltern zwei FFP-2-Masken. Ein paar Monate später trugen wir Virologenausrüstung. Zu den wenigen Vorteilen der Pandemie für den auswärts wohnenden Autors dieser Zeilen gehörte, dass es plötzliche Parkplätze in Frankfurt gab. Auf dem Weg an die Börse war ich im ersten Lockdown oft so allein unterwegs, dass ich dachte, ich hätte mich in der Uhrzeit oder in der Stadt geirrt. Dazu fuhr die Sorge mit, dass mich der unsichtbare Feind irgendwann und irgendwo heimtückisch überfallen konnte. Lauerte er in der Luft? Oder auf den Türklinken?

"Wie mit einem Kompass bei Nacht im Bergwald"

Normalerweise husten und niesen wir uns ja nicht an. Aber wir alle wussten ja so wenig über dieses Dingens, weshalb auch der tägliche NDR-Drosten-Podcast zu den täglichen Grundnahrungsmitteln gehörte. Es gab mehr Fragen als Antworten. Die Auswirkungen auf die Finanzmärkte musste eingeordnet werden. Gleichzeitig wollte man sich auch schützen. Das aber war wie mit einem Kompass bei Nacht im Bergwald zu wandern, wobei auch die Sorge um die Liebsten eine zusätzliche Belastung war. Ein Ritt auf der Rasierklinge!

Die Börsen jedoch kümmerte das wenig. Sie stiegen weiter. Die Geldgeschütze ballern immer noch laut und lauter. Diese Billionen werden das Preisniveau nicht nur an der Börse anheben, sondern auch das für die Leute da draußen, was für die Börse allerdings eine Art von Luxusproblem darstellt. Gold erreichte genau deshalb zeitweise Rekordstände. Die Börse handelt Zukunft und Hoffnungen.

Und Wunder dauern manchmal etwas länger. Aber dann keimte inmitten der frischen Billionen im Herbst - nicht mal ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie - die Impfstoffhoffnung auf. Kann ja nur besser werden. Vielleicht aber auch nur anders. Die Politik hat vieles richtig gemacht und einiges vergeigt, wie es in #Neuland eben so ist. Insgesamt tat die Entschleunigung ja auch gut. Irgendwie haben Leere, Ruhe und Alleinsein ja auch etwas Magisches. Der Schnickschnack hatte Pause. Der Begriff "Konsum" stand bis vor einem Jahr noch für "Kaufe Ohne Nachzudenken Schnell Unseren Mist" - am besten mit geborgtem Geld aus der Zukunft. Ob die Welt nach der Pandemie dieselbe sein wird, möchte ich stark bezweifeln. Aber wer weiß, der Mensch vergisst ja auch wieder schnell.

Die Pandemie das Lebenswerk Tausender Unternehmer zerstört, Vermögen an den Börsen vernichtet und neu geschaffen, Millionen Arbeitsplätze unsicher gemacht und Deutschlands so solide Staatsfinanzen erschüttert. Unter anderem. Ein Jahr nach Beginn des bis dahin Undenkbaren, einem staatlich verordneten Shutdown großer Teile der Wirtschaft, zieht ntv.de eine Bilanz in Schlaglichtern. Die erste Folge handelte von Millionen Aktien-Neulingen. Die zweite vom problematischen Ausbleiben der Pleitewelle. Teil drei dreht sich um Einzelhändler, die auf digitale Rettung in letzter Minute hoffen.

Quelle: ntv.de

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