Wirtschaft

Verkehrsprobleme gab es immer Gesünder leben - mit dem Auto

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Gesünder leben - mit dem Auto? Das geht natürlich auch in der Natur.

Die Ampel steht, der neue Verkehrsminister kommt von der FDP. Aber das ist eigentlich egal, denn bislang schaffte es keiner, die Verkehrsprobleme hierzulande - vor allem in den Großstädten - in den Griff zu bekommen. Was das mit Pferdeäpfeln und Cäsar zu tun hat?

Wer glaubt, Verkehr und seine Begleiterscheinungen in Form von Emissionen, Staus und Lärm seien eine Erfindung der Neuzeit, der irrt. Es ist alles schon einmal dagewesen, wie eine Zeitreise in die Vergangenheit mit einigen markanten Haltepunkten zeigt.

Rom, 45 vor Christus

Auf der Via Flaminia, Ausfallstraße Roms nach Norden, rasen junge römische Senatorensöhne in kleinen schicken Zwei- oder Vierspännern angeberisch um die Wette, um das Herz der schönen Senatorentöchter zu gewinnen. Nur außerhalb der Stadt ist das noch erlaubt. In der Innenstadt der damals schon Millionengemeinde Rom dagegen quetschen sich Menschen aller Nationen am endlosen Kutschen- und Lastenverkehr vorbei, der mit höllischem Pferdegestank und infernalischem Lärm auf den Steinquadern die engen Gassen und wenigen breiteren Straßen ausfüllt. Täglich gibt es Tote und Verletzte.

Das ist die Stunde von Julius Cäsar. Gegen heftigsten Widerstand von Händlern und Transportgewerbe erlässt der römische Imperator 45 vor Christus auf bronzenen Gesetzestafeln mit der Lex Iulia municipalis ein totales Kutschen-Fahrverbot, das laut Historikern auch für alle großen Städte im Römischen Reich gilt. Danach darf in die Innenstadt zwischen Sonnenaufgang und der zehnten Stunde - was in etwa 17 Uhr entsprach- niemand mehr hineinfahren oder fahren lassen, bis auf wenige Ausnahmen. So müssen siegreiche Feldherren Triumphzüge auch künftig nicht zu Fuß abhalten. Ebenfalls ausgenommen sind Priesterinnen und Priester, die an kultischen Handlungen teilnehmen, Lastwagen, die mit Bauarbeiten von öffentlichem Interesse beschäftigt sind, sowie die Müllabfuhr. Ein Jahr später wird Cäsar ermordet.

Cäsars Verordnung ist bis heute die radikalste Verkehrsbeschränkung der Menschheitsgeschichte. Lange vor Verbrennungsmotor, Straßenverkehrsordnung und Feinstaubdiskussion hatte Rom schon einen Punkt erreicht, der auch heute Politik und Gesellschaft beschäftigt. Und das damals ohne Bus, U- und Straßenbahn!

New York, London, Berlin um 1870/1880

Kaiser Wilhelm wird das Zitat nachgesagt: "Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist eine vorübergehende Erscheinung." Viel zitiert und doch gelogen, nicht nur, weil nur wenige Jahre später Majestät sich nicht scheute, seine Armeen voll motorisiert in das große Gemetzel des Ersten Weltkrieges zu schicken; die preußische Kavallerie spielte darin keine Rolle mehr.

Verkehrstechnisch gesehen war die Zeit in den Städten die Hölle, für Mensch und Tier. Der Pferde- und Kutschenverkehr - mit Gestank, Lärm, Ungeziefer, katastrophalen Hygienezuständen und tödlichen Infektionskrankheiten. 1900 zogen allein in London mehr als 10.000 Droschken durch die Straßen. Hinzu kamen Fuhrwagen und Busse, deren Pferde täglich mehrmals gewechselt wurden. So arbeiteten in London täglich über 50.000 Pferde (andere Quellen sprechen sogar von 300.000), in New York waren es kurz nach 1900 etwa 130.000 Pferde. Nach allgemeiner Lebenserfahrung duftet ein Pferd nicht nur intensiv, sondern es stinkt nach Kot, Darmgasen und Urin.

Vor allem die tierischen Exkremente waren eine erhebliche Hypothek des städtischen Pferdeverkehrs. Jedes Pferd produziert im Mittel am Tag rund 15 Kilogramm Frischkot und bis zu 10 Liter Harn. Legt man für die Hauptstadt des Vereinigten Königreichs die Anzahl von 50.000 Pferden zugrunde, so waren das in den "Streets of London" täglich mehr als 500.000 Kilo, in New York mehr als eine Million Kilo von dem Zeug, das man verklärend "Pferdeäpfel" nennt und als Superdünger lobt. Bei einem achtstündigen Arbeitstag bleibt davon ein Drittel auf der Straße.

Angesichts der Pferde-Hinterlassenschaften warnte die "London Times" daher 1894, 1950 würde der Pferdemist drei Meter hoch liegen. Ähnliche Prognosen für New York sahen Höhen bis über das erste Stockwerk von Wolkenkratzern voraus. Aber es kommt noch schlimmer: Die Exkremente ernährten im Sommer unzählige Insekten. Pferdeäpfel verpesteten die Luft. Schlimmer noch waren davon ausgehende Reizstoffe, insbesondere Ammoniak. Ein Londoner Arzt klagte Ende des 19. Jahrhunderts, die Reizungen von Nase, Hals und Augen seien entsetzlich.

Nicht nur die Menschen, auch die Pferde selber waren natürlich diesen Umweltstress-Faktoren ausgesetzt. Im Grunde war der damalige Pferdeverkehr in den Städten nach heutigen Ethik-Vorstellungen eine reine Tierquälerei. Als wesentliche Ursachen galten Erkrankungen der Gliedmaßen, des Verdauungs- und Atmungstraktes. Die Erkrankungen, vor allem an Hufen und Gelenken, resultierten vorwiegend vom ständigen Traben auf hartem Pflaster.

Gelegentlich gab es Massenerkrankungen wie im Jahre 1872, als die Pferde in New York von einer Störung der Atemwege heimgesucht wurden, der 18.000 Tiere zum Opfer fielen. Der innerstädtische Verkehr war zeitweilig lahmgelegt. Als Ursache wird die erhöhte Staubbelastung angegeben. Wahrscheinlicher war es eine Infektionskrankheit.

Berlin 1900 bis heute

Der innerstädtische Verkehr hatte in allen Metropolen im 19. Jahrhundert unerträgliche Ausmaße angenommen. Doch wie so oft, wenn die Menschheit in ihrer Entwicklung vor einer fundamentalen Herausforderung im sozialen und technischen Bereich steht, naht Rettung in Form einer bahnbrechenden Erfindung.

In diesem Fall in Gestalt von zwei Herren aus Deutschland, Gottfried Daimler und Karl Benz, die sich um die Entwicklung eines neuen Antriebs kümmerten, der ganz "ohne Dampf und Dung" auskam, sondern mit Benzin funktionierte. Das Automobil war geboren und wurde für jedermann von Robert Bosch fahrbar und von Henry Ford kaufbar gemacht. Das Zeitalter der Massenmotorisierung setzte ein.

Sofort erkannten viele Stadtväter, dass es sich bei der Benzindroschke namens Automobil um ein umweltfreundlicheres, risikoärmeres, weniger Lärm und Schmutz verursachendes Verkehrsmittel handelte als beim Pferd. Eine US-amerikanische Zeitschrift schwärmte sogar 1903, das Auto sei die größte gesundheitsfördernde Erfindung der letzten 1000 Jahre. Die Erfindung aus Schwabenland hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mensch und Umwelt gerettet.

Gegenwart

Und heute, 100 Jahre später, zu Beginn des 21. Jahrhunderts? Hat sich die Einstellung der Gesellschaft zum Auto vor allem in den wachsenden städtischen Ballungszentren grundlegend geändert. Die motorisierte Kutsche ist wegen ihrer Umweltbelastungen in heftigen gesellschaftlichen Verriss geraten. Der größte Feind des Autos wurde das Auto selber: Es gab zu viele davon. Lärm und Abgase und der heraufziehende Klimawandel aufgrund der CO2-Emissionen des Massenverkehrs führten zum einen zur Ächtung der Automobile mit fossilen Verbrennermotoren.

Mehr und mehr Länder verbieten ab bestimmten Zeitpunkten - meist 2030 oder 2045 - den generellen Verkauf von neuen Verbrennerautos. Und mehr und mehr Städte gehen dazu über, die innerstädtische Fahrgeschwindigkeit auf Schritttempo zu beschränken. Oder, wie der Londoner Oberbürgermeister Sadiq Khan jüngst vorgeschlagen hat, Privatfahrzeuge im Innenstadtgebiet völlig zu verbieten. Cäsar hat es vorgemacht!

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Zu Recht stellt die "Süddeutsche Zeitung" fest, dass sich das Image der Pferde nebst Pferdekutschen exorbitant verbessert hat, seit sie nicht mehr auf der Straße sind. Dass sie deswegen jetzt wiederkämen und das Automobil als Verkehrsmittel ersetzten, ist indessen kaum zu erwarten. Eines steht jedoch fest: Gesunde Lebensräume waren Städte in der ganzen Menschheitsgeschichte nicht. Und das werden sie auch in Zukunft nicht sein. Stattdessen besteht die nächste Herausforderung der Gesellschaft darin, den individuellen innerstädtischen Verkehr auszudünnen und vor allem umweltfreundlicher zu machen.

Synthetische Treibstoffe (E-Fuels) für Verbrenner sowie "Grüner" Strom für Elektroautos sind da eine Voraussetzung. Die andere: eine über den Geldbeutel gesteuerte Zugangsbeschränkung zu den Innenstädten. Die Technik macht's möglich. Einfacher kann es die Politik doch nicht haben.

Quelle: ntv.de

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