Wirtschaft

Kaum bekannte Ressourcen "Griechenland hat Potenzial"

RTR2TYVY.jpg

Griechenlands Wirtschaft habe nicht nur Tourismus zu bieten, sagt DIW-Ökonom Alexander Kritikos.

(Foto: REUTERS)

Griechenland hat ökonomisch viel mehr zu bieten als Tourismus und Landwirtschaft, sagt Alexander Kritikos. Doch griechische Politiker und Bürokratie sorgen dafür, dass das dem Land nichts nützt. Mit dem DIW-Ökonomen sprach n-tv.de über Schulden, Schikane und kaum bekannte Ressourcen.

n-tv.de: Griechenland nähert sich der Staatspleite. Das dürfte ein hinreichender Grund sowohl für die griechische Seite als auch für den Rest der Eurozone sein, schnell eine Lösung zu finden. Doch danach sieht es nicht aus. Wieso eigentlich?

Alexander Kritikos: Beide Seiten fürchten sich davor, zu schnell nachzugeben und dadurch ihre Verhandlungsposition zu schwächen. Allerdings muss man deutlich sagen, dass die neue griechische Regierung diese Situation überhaupt erst herbeigeführt hat.

AlexanderKritikos.jpg

Prof. Dr. Alexander Kritikos gehört dem Vorstand des DIW an und ist dort Forschungsdirektor Entrepreneurship.

Eine wesentliche Forderung der griechischen Regierung ist ein Schuldenschnitt - auch wenn sie den anders nennen will. Das lehnt nicht nur die Bundesregierung ab. Aber kann Griechenland seine Schulden überhaupt jemals zurückzahlen?

Das hängt stark davon ab, wie stark die Wirtschaft in den kommenden Jahren wächst. Sollte Griechenland in den nächsten fünf bis zehn Jahren auf das Wirtschaftsniveau zurückkehren, das es vor der Krise hatte, dann ist das durchaus realistisch. Das setzt allerdings voraus, dass die komplette Staatsschuld tragfähig gemacht wird. Das heißt beispielweise, dass die Laufzeiten der Hilfskredite, wo noch nötig, verlängert werden.

Hat es denn Sinn, auf die komplette Rückzahlung zu pochen? Wäre es nicht besser, wenn mehr Geld nicht für Zinsen und Tilgung, sondern für Wachstumsprojekte ausgegeben wird?

Diese beiden Dinge müssen voneinander getrennt werden. Es ist absolut möglich, die bestehende Staatsschuld tragfähig zu machen. Gleichzeitig muss man sich überlegen, aus welchen griechischen und vor allem europäischen Budgets Investitionen finanziert werden können. Nur muss die griechische Regierung dann auch endlich die Wirtschafts- und Strukturreformen angehen, die die Vorgängerregierung unterlassen hat. Ohne diese Reformen sind Investitionen mit Hilfe von EU-Geldern, also Steuermitteln kaum sinnvoll.

Wo liegt der größte Handlungsbedarf?

Das Geschäftsklima muss verbessert werden. Bis zum heutigen Tage werden griechische Unternehmer und Gründer durch die allgegenwärtige Bürokratie regelrecht schikaniert. Deshalb verlassen gerade die innovativeren Unternehmer das Land. Anderswo werden sie unterstützt und nicht gegängelt.

Mit Griechenland werden hierzulande Landwirtschaft und Tourismus verbunden. Gibt es dort nennenswertes unternehmerisches Potenzial?

Ja. Es gibt herausragende Forschungsinstitute und eine Vielzahl von Unternehmern, die bereit sind, Ideen in neue, exportfähige Produkte umzuwandeln. Das ist quasi die kaum bekannte Ressource Griechenlands. Leider tut die griechische Politik alles, um diese Ressourcen nicht zu nutzen.

Und das führt zum Braindrain?

Sowohl Forscher als auch Unternehmer verlassen das Land. Man kann das an einer Zahl festmachen: Unter den 10.000 besten Forschern der Welt finden sich drei Prozent Griechen. Das ist beachtlich, schließlich liegt der griechische Anteil an der Weltbevölkerung bei lediglich 0,15 Prozent. Das Problem: 85 Prozent dieser Top-Forscher arbeiten im Ausland. Man kann davon ausgehen, dass sich das bei innovativen Unternehmern genauso verhält.

In welchen Bereichen liegt das stärkste Potenzial?

In Griechenland gibt es eine sehr starke IT-Basis. Auch Pharma, Biotechnologie und der Energiebereich haben Potenzial. Nur ohne Strukturreformen nützt das nicht viel.

Hätte sich die Gläubiger-Troika hier stärker engagieren müssen?

Das Problem ist hier ein Konstruktionsfehler. Griechenland braucht mehr inhaltliche Unterstützung und mehr technische Beratung. Die Troika kam nur nach Griechenland, um zu kontrollieren - und nicht, um bei der Umsetzung zu beraten. Das muss sich in Zukunft ändern. Ein Vorbild wäre die sogenannte Task Force for Greece, die exzellente Arbeit gemacht hat, aber bisher in unabhängiger Instanz von der Troika gearbeitet hat und letztlich keine ausreichende "Manpower" hatte.

Inwiefern?

Sie hat hinter den Kulissen gearbeitet. Berater der Task Force haben in den Ministerien gemeinsam mit den griechischen Beamten Lösungen entwickelt. Informellen Berichten zufolge hat sich das enorm motivierend auf die Ministerialbürokratie in Griechenland ausgewirkt. Es ist dort doch so wie überall auf der Welt: Die allermeisten Menschen wünschen sich eine sinnvolle, positive, produktive Arbeit.

Haben Eurozone und die Regierung Samaras zu sehr auf Sparen und zu wenig auf Reformen gesetzt?

Durchaus. Dadurch, dass man nur das eine gemacht und das andere – also Reformen und Investitionen - unterlassen hat, hat sich der Sparkurs katastrophal ausgewirkt. Hypothetisch gesprochen: Hätte man Strukturreformen gleichzeitig mit den Sparmaßnahmen im Jahr 1 der Krise umgesetzt, dann würde es dem Land heute besser gehen. Die Arbeitslosigkeit wäre niedriger, das Wirtschaftswachstum höher. Das ist etwas, das man auch der Gläubigerseite vorhalten muss.

Mit Alexander Kritikos sprach Jan Gänger

Quelle: ntv.de