Wirtschaft

Schaufenster eines KonglomeratesHinter Manchester City steht ein ökonomisches Labyrinth

04.10.2026, 13:03 Uhr imageVon Lukas Wessling
00:00 / 09:17
2026-09-20T130858Z_982109232_UP1EM9K10IW8J_RTRMADP_3_SOCCER-ENGLAND-MCI-SUN
Manchester City steht vor einer ungewissen Zukunft. (Foto: REUTERS)

Mit seinen Öl-Milliarden hat sich Abu Dhabi in Manchester eingekauft. Das Emirat hat nicht nur einen Fußballklub übernommen, sondern ganze Stadtviertel aufgemöbelt. Diese konzertierte Aktion setzt auf doppelte Strukturen und vor allem sehr viel Geld.

Der Fußballklub Manchester City hat zwischen 2009 und 2018 gegen die finanziellen Spielregeln der britischen Premier League verstoßen. Zu diesem Urteil kam diese Woche eine unabhängige Kommission. Der Klub habe regelwidrig mehr als eine Milliarde Euro aus Abu Dhabi empfangen. Die Subventionen waren demnach als reguläre Einnahmen verbucht worden, etwa aus Werbeverträgen mit emiratischen Unternehmen. Auch Kosten seien falsch ausgewiesen worden. Manchester City habe "fast ein Jahrzehnt lang systematisch gegen die Regeln der Premier League verstoßen", formulierte es deren Geschäftsführer Richard Masters.

Der Skandal wirft Licht auf ein Geflecht aus emiratischen Industriekonzernen, Kapitalgesellschaften, Investitionsfonds und ihren Projekten. Manchester City ist zwar der sichtbarste Teil dieses Geflechts, ökonomisch aber ein zu vernachlässigender. Warum Abu Dhabi sich dieses teure Schaufenster leistet, ist unklar. Vielleicht wollte das Emirat ein neues Geschäftsfeld auftun, womöglich nebenher den schlechten Ruf verbessern oder politische Beziehungen zu Großbritannien aufbauen.

Klar ist jedoch: Der Fall Manchester City ist nur zu verstehen, nimmt man auch den wirtschaftlich-politischen Komplex hinter dem Klub in den Blick. Dazu gehören nicht nur elf weitere Fußballvereine. Im Hintergrund des Klubs stehen unter anderem zwei staatliche Ölkonzerne, ein Aluminium- und ein Nuklearunternehmen.

Zunächst einmal: Manchester City ist kein eigenständiger Fußballverein. Der Klub ist vielmehr Teil eines Netzwerks von Vereinen, gebündelt in der City Football Group (CFG). Sie ist an zwölf Vereinen weltweit beteiligt. In Europa gehören dazu neben dem Flaggschiff Manchester City der spanische Girona FC sowie Zweitligaklubs in Belgien, Frankreich und Italien. In den USA besitzt die Gruppe die Mehrheit am New York City FC. Hinzu kommen Beteiligungen an sechs weiteren Vereinen in Südamerika, Australien, Japan und China. Die Vereine teilen sich ein Netzwerk zur Beobachtung von Talenten, Spieler wechseln oft zwischen den einzelnen Klubs. Ihren Unternehmenswert beziffert die CFG nach eigenen Angaben auf mittlerweile rund zehn Milliarden Dollar.

Die CFG ist die wohl prominenteste Gruppe, die im Fußball den Mehrfachbesitz von Klubs, die Multi-Club-Ownership, vorantreibt. In Deutschland wurde das Modell durch Red Bull bekannt, deren Fußballsparte sich von Leipzig über New York bis nach Brasilien und Japan erstreckt.

Vereinschef leitet emiratischen Investitionsfonds

Während hinter den Red-Bull-Vereinen der gleichnamige Getränkekonzern steht, gehörte die CFG-Gruppe bis 2015 vollständig dem abu-dhabischen Scheich Mansour bin Zayid Al Nahyan, Vize-Premier der Vereinigten Arabischen Emirate und Halbbruder des regierenden Kronprinzen. Später stiegen weitere Investoren ein. Vier Fünftel hält noch immer der Scheich, ein gutes Sechstel besitzt mittlerweile der US-Investor Silver Lake, an dem wiederum der emiratische Investitionsfonds Mubadala beteiligt ist.

Für sich betrachtet ist die CFG das beeindruckende Spielzeug eines Superreichen, das größte Fußballimperium der Welt. Die Gruppe aber ist nicht zu verstehen ohne ihre Anbindung an die Geldtöpfe Abu Dhabis, an die dortige Ölindustrie und ihre Drähte in die politischen Gremien des Emirats.

Möchte man verstehen, wie eng diese Verzahnungen sind, genügt im Grunde der Blick auf eine einzelne Person: Khaldoon al-Mubarak, 51 Jahre alt, geboren in Abu Dhabi, ausgebildet in Boston. Er ist gleichzeitig Vereinschef von Manchester City und Vorsitzender des Führungsgremiums der CFG. Neben seinen Jobs als Fußballfunktionär leitet er den emiratischen Investitionsfonds Mubadala, steht einer großen emiratischen Bank vor sowie den staatlichen Aluminium- und Nuklearfirmen. Außerdem sitzt er im Verwaltungsrat eines staatlichen Ölkonzerns und der in Abu Dhabi ansässigen KI-Firma G42. Al-Mubarak bekleidet zudem mehrere Spitzenämter in der Regierung Abu Dhabis.

Drei Fußballfunktionäre in Regierungsorgan

Und damit ist al-Mubarak in der CFG-Führung nicht allein: Die Executive Affairs Authority (EAA) ist eines der zentralen politischen Regierungsorgane Abu Dhabis. Al-Mubarak steht ihr vor, der CFG-Funktionär Abdullah Khoury ist ihr Direktor für Regierungsangelegenheiten, das CFG-Verwaltungsratmitglied Simon Pearce berät sie.

Manchester City ist nicht nur einer von zwölf Fußballvereinen, die einem der Machthaber Abu Dhabis gehören. Der Klub wird gelenkt von Menschen, die zentrale Positionen in der Wirtschaft und Politik dieses Landes besetzen. Er wird finanziert von abu-dhabischen Geldgebern, darunter vielen Staatskonzerne.

Die Vermutung liegt nahe: Manchester City konnte nur deshalb unter solch enormem finanziellem Aufwand auf die internationale Bühne drängen, weil die Menschen an der Spitze des Vereins gleichzeitig an der Spitze Abu Dhabis vernetzt sind. Die Wirtschaftsforscher von SWF schätzen das Vermögen, das die emiratischen Staatsfonds verwalten, auf rund 1,7 Billiarden Dollar. Im Vergleich dazu wirkt die Milliarde, die über ein Jahrzehnt hinweg regelwidrig in die Kassen Manchester Citys geflossen sein soll, wie eine verschmerzbare Fehlinvestition.

Der Verein und seine Funktionäre sind aber nicht nur in Abu Dhabi verwurzelt, sondern auch in Großbritannien. Die Verbindungsperson hier: Martin Edelman. Der New Yorker Anwalt ist laut US-Medien ein wichtiger Berater von Abu Dhabis Kronprinz Tahnoun bin Zayed al Nahyan, vermittelte einen emiratischen Deal mit einer Firma des US-Präsidenten Donald Trump. Edelman sitzt nicht nur von Anfang an im Führungsgremium der CFG, er führt auch den Vorsitz des Wohnungsbauprojekts Manchester Life, das Abu Dhabi 2014 mit der Stadt Manchester gründete. Auch in dessen Aufsicht eingebunden: Edelmanns Verwaltungsratskollege Pearce.

Vorteile "asymmetrisch verteilt"

Im Rahmen von Manchester Life verpachtete die Stadt Scheich Mansour Brachflächen für 999 Jahre. Dafür ließ der seine Gesellschaften das Land aufbereiten und dort Trainingskomplexe bauen und eine große Konzerthalle. Aus Industriebrachen wurden neue Gewerbe- und Wohnquartiere. Ein Geschäft im Wert einer Milliarde Pfund jubelte die Stadt damals. Die Universität Sheffield allerdings zitierte in einer Analyse einen Landentwickler, der von einem "sweetheart deal" sprach. Die Universität selbst kommt zu dem Schluss, die Vorteile bei dem Geschäft seien "asymmetrisch verteilt": Die Stadt habe die Kontrolle über Land günstig an Instanzen abgegeben, "die am Ende Abu Dhabi gehören". Die Forschenden konnten keine Einkünfte identifizieren, die die Stadt mit dem Projekt erzielt, obwohl sie teilweise die Risiken trage.

Wie stark Abu Dhabi mit der Stadt Manchester mittlerweile verbunden ist, machte diese Woche deren ehemaliger Bürgermeister deutlich. Andy Burnham sagte der BBC anlässlich des Urteils gegen die Manchester-City-Mutter CFG: Über einen möglichen Verlust der emiratischen Eigentümer sei er "wirklich besorgt". Sie seien "ein enorm wichtiger Partner beim Aufbau des modernen Manchester".

Diese Verbindungen reichen längst auch über Manchester hinaus - nicht nur, weil Burnham mittlerweile britischer Premier ist: Die Vereinigten Arabischen Emirate sind Großbritanniens wichtigster Handelspartner am Golf. Im April erklärte Abu Dhabi, über seinen Fonds Mubadala seien Investitionen im Wert von mehr als 35 Milliarden Euro in Großbritannien verplant. Ihren Angaben zufolge entstanden dort im Rahmen der Zusammenarbeit beider Länder bereits rund 48.000 Arbeitsplätze.

Quelle: ntv.de

Andy BurnhamAbu DhabiPremier LeagueÖlfirmenManchester City