Die unaufrichtige Atomdebatte"Ich möchte den Politiker sehen, der sagt: In meinem Landkreis bauen wir ein AKW"
Interview: Christian Herrmann
Deutschland eiert herum. Raus aus der Atomkraft. Rein in die Atomkraft. Dann wieder raus. Jetzt wieder rein? Andreas Schell hat die Nase voll. "Ich verstehe nicht, warum diese Diskussion immer wieder aufgebracht wird." Der Chef von IB Vogt wirft Atomkraft-Befürwortern im "Klima-Labor von ntv" vor, unaufrichtig zu argumentieren - und Antworten auf entscheidende Fragen zu verschweigen: "Wir reden doch nicht davon, eine Küche auszutauschen." Ein Kernkraftwerk sei deutlich komplexer als Katastrophenprojekte wie Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen.
ntv.de: Sie haben früher bei Daimler, Rolls-Royce und EnBW gearbeitet, jetzt bauen Sie Solar-Großanlagen. Warum haben Sie sich gegen Dieselmotor und Gaskraftwerk und für die Solarenergie entschieden?
Andreas Schell: Ich habe bereits 1998 bei Daimler in Deutschland alternative Fahrzeugantriebe mitentwickelt. Später bei Daimler-Chrysler in den USA auch. Damals spielten Brennstoffzellen und Elektro- oder Hybridantriebe in der Öffentlichkeit noch gar keine Rolle. Aber ja, für die Rolls-Royce Power Systems habe ich Dieselmotoren entwickelt - und zwar die besten der Welt. Darauf bin ich stolz.
Jetzt aber Solaranlagen. Weil das Ende des Dieselmotors absehbar ist?
Das glaube ich nicht. Natürlich war für uns in der Automobilindustrie undenkbar, dass die Elektromobilität so weit kommen wird - selbst als uns Elon Musk damals seinen ersten Prototypen gezeigt hat. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert und Elektromobilität ist die Technologie der Zukunft. In die Energiebranche bin ich aber gewechselt, weil mich mein Sohn nach den ersten Protesten von Fridays For Future gefragt hat, wie lange wir mit Rolls-Royce noch Dieselmotoren verkaufen werden. Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Deshalb bin ich zu EnBW gegangen und anschließend zu IB Vogt.
Was genau machen Sie dort?
Wir sind ein weltweiter Entwickler von erneuerbaren Energien. Das ist die abstrakte Formulierung für: Wir bauen rund um den Globus große Solaranlagen und beschäftigen uns auch mit Speichern. Wir sprechen hier von echten Großkraftwerken. Unsere größte Anlage in Spanien hat ein halbes Gigawatt an Leistung.
Was macht eine Solaranlage zu einem Solarkraftwerk?
Es gibt verschiedene Kategorien. Auf ihren Dächern haben viele Menschen eine private Anlage mit einer Leistung von 10 bis 15 Kilowatt. Auf Industriegebäuden landet man im hohen zweistelligen Kilowattbereich. Wenn man Freiflächenanlagen auf den Erdboden montiert, kommt man in den Megawattbereich. Dann spricht man von Solarkraftwerken. In dieser Gruppe der Megawatt-Anlagen stehen wir am obersten Ende. Wir fühlen uns ab einer Größenordnung von 80 bis 100 Megawatt wohl. Das sind enorm große Energiemengen. Wenn man mit einem Auto durch unsere spanische Anlage in Segovia fährt, braucht man mehr als eine halbe Stunde. Aufgestapelt sind die Panels dreieinhalbmal höher als der Mount Everest.
Gibt es in Deutschland auch welche?
Eine installierte Solarleistung von mehr als 100 Gigawatt kommt nicht allein von Balkonkraftwerken und Aufdachanlagen. Das sind primär große Freiflächenanlagen. Speziell im Nordosten werden solche Solarkraftwerke gebaut.
Aus dem Windkraftbereich sind etliche Proteste und Konflikte bekannt. Dort heißt es oft: Ich möchte keine Windmühlen vor meinem Fenster sehen. Kommt eine Solaranlage besser an?
Natürlich gibt es Konflikte. In Spanien war die Bürgermeisterin von Segovia anfangs nicht begeistert von der Idee, ein so großes Solarkraftwerk zu bauen. Es wurde enorm viel Staub aufgewirbelt, als die Lkw die Panels angeliefert haben. Die Anwohner waren genervt. Also haben wir uns zusammengesetzt und entschieden, dass wir die Straße zweimal täglich kurz bewässern, um die Staubentwicklung zu reduzieren. Dieses Miteinander hat das Projekt gangbar gemacht. Darauf ist das Team bis heute stolz.
Und wenn die Solaranlage auf ein Feld gebaut wird und Platz für andere Dinge wegnimmt?
Deutschland ist ein dicht besiedeltes Land. Es gibt nicht endlos viel Fläche, und Solarkraftwerke benötigen mehr Platz als Windräder. Es ist aber mitnichten so, dass die besten landwirtschaftlichen Flächen plötzlich mit PV-Anlagen zugebaut werden und anschließend nicht mehr zur Verfügung stehen. Wir wollen mit den Eigentümern einen Mehrwert generieren. Deswegen gehen wir als Unternehmen auf die Besitzer der Flächen zu, stellen unsere Pläne vor und pachten das Land.
Was sagen Sie bei solchen Gesprächen?
Wir reden aktuell oft über Resilienz. Das ist ein wichtiges Argument. Diese Anlage wird einen Beitrag zur Energieversorgung unseres Landes leisten. Wir können nicht von Versorgungssicherheit sprechen und uns dann weigern, die heimische Energieversorgung zu entwickeln und aufzubauen.
Ist es in Deutschland schwieriger, ein Solarkraftwerk zu bauen als im Ausland?
Wir sind als Unternehmen stark in den USA unterwegs, haben ein großes Team in Indien und engagieren uns auch in Südostasien. Wenn ich vor Ort bin, erlebe ich dort oftmals einen deutlich größeren Pragmatismus. Uns wird der Zugang zu Flächen erleichtert. Genehmigungen und Netzanschlüsse werden schneller erteilt.
Tatsächlich?
Nehmen wir die USA: Bei uns liest man, dass die USA gegen erneuerbare Energien sind und das Land mit Atom- und Gaskraftwerken zubauen. Die USA sind aber hochgradig daran interessiert, möglichst schnell ihre Energieknappheit zu beheben, die durch die neuen Rechenzentren entstanden sind. Der schnellste und kosteneffizienteste Weg ist der Ausbau der erneuerbaren Energien. Deswegen herrscht in den USA ein großer Drang, möglichst schnell große PV-Anlagen zu bauen.
Sie haben vor wenigen Wochen gesagt, dass es sich so anfühlt, als würden erneuerbare Energien global an Momentum verlieren.
Das war im November oder Dezember. Damals hat es sich in der Tat so angefühlt, als ob die Erneuerbaren auf dem Rücksitz Platz nehmen müssen. Themen wie Öl und Gas standen im Vordergrund. Das hat sich seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs aber gedreht. Ich war vor einigen Wochen in Malaysia und Singapur, um unser dortiges Team zu besuchen. In Südostasien gibt es Länder, die so abhängig von Erdöl- und Erdgasimporten sind, dass Reisen beschränkt wurden und Menschen sich nicht mehr treffen durften. Dort ist das Interesse an erneuerbaren Energien derzeit wieder enorm. Die USA haben wir gerade schon angesprochen: Der Energiebedarf wird durch Dinge wie Künstliche Intelligenz stark steigen. Der ökonomischste und schnellste Weg, um diesen Appetit zu saturieren, sind die Erneuerbaren. In Europa kippt das Bild auch wieder in eine positive Richtung. Ich hoffe, dieses Mal ist der Effekt bleibend.
Atomkraft ist in Teilen der Politik auch wieder angesagt. Sie werfen den beteiligten Politikern eine "unaufrichtige und unehrliche" Debatte vor. Inwiefern?
Ich verstehe nicht, warum diese Diskussion immer wieder aufgebracht wird.
Was genau ist daran unaufrichtig?
Fangen wir mit der Reaktivierung der bereits abgeschalteten Kernkraftwerke an. Auch wenn es technisch möglich wäre, ist das so unökonomisch, dass jeder Betreiber sagt: Nein, danke. Wir reden doch nicht davon, eine Küche auszutauschen. Wer ein altes Kernkraftwerk "reaktivieren" möchte, verlangt faktisch einen Neubau - und zwar von Anlagen oder Projekten, die deutlich komplexer sind als Stuttgart 21 oder der Berliner Flughafen. Deswegen kosten die doch so viel und befinden sich alle deutlich länger im Bau als geplant. Ohne staatliche Subventionen ist kein Kernkraftwerk in der Lage, Energie zu wettbewerbsfähigen Preisen zu liefern.
Jetzt kommen die Befürworter um die Ecke und sagen: Die USA nehmen aber auch Atomkraftwerke wieder in Betrieb.
Das mag sein. Wir sind aber nicht in den USA, sondern in Deutschland. Ich möchte den Politiker sehen, der sagt: In meinem Landkreis gehen wir das an. Das gilt für große Kernkraftwerke genauso wir für kleinere Reaktoren, die sogenannten Small Modular Reactors (SMR). Wo sollen die angeschlossen werden? Was passiert mit dem radioaktiven Abfall? Es gibt übrigens auch ein energiewirtschaftliches Problem: Kernkraftwerke sind inkompatibel mit erneuerbaren Energien. Gaskraftwerke sind als Ergänzung wesentlich besser geeignet. Die kann man flexibel betreiben - und in Zukunft hoffentlich auch mit Wasserstoff.
Atomkraft ergibt keinen Sinn mehr, weil sich bereits zu viele Erneuerbare im Energiesystem befinden?
Erneuerbare Energien erzeugen den günstigsten Strom, die Erzeugung ist aber volatil. Deshalb benötigen sie flexible Gegenspieler. Kernkraftwerke sind es nicht, die müssen statisch durchlaufen. Auch das meine ich, wenn ich von einer unaufrichtigen Diskussion spreche. Die muss versachlicht werden.
Auch beim Atommüll? Sind wir ehrlich: Diese Frage interessiert die Menschen nicht wirklich … er wird bereits irgendwo gelagert, ohne dass etwas passiert. Hauptsache, man sieht ihn nicht.
Auch das ist unaufrichtig. Es gibt schlichtweg kein deutsches Endlager. Dieses Thema können wir doch nicht auf kommende Generationen abwälzen.
Wie stellen Sie sich eine aufrichtige Debatte vor?
Wir müssen raus aus dieser nicht faktenbasierten Diskussion. Subventionen sind im energiewirtschaftlichen Bereich immer ein Thema, aber welche Technologie kommt mit den wenigsten aus? Darüber sollten wir ehrlich diskutieren. Über die Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz genauso. Wenn die Leute Atomkraft wollen, sollen sie sagen, wo das passieren soll.
Mit Andreas Schell sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv"