Das grüne Kraftwerk von Enertrag "Seit 1990 ist klar: Uns bleiben nur Solar- und Windenergie"

Jörg Müller baut 1992 in Brandenburg seine erste Windkraftanlage. Der Kerntechnik-Ingenieur ist schon damals überzeugt: Das ist die Zukunft. Ein Verbundkraftwerk aus Erneuerbaren kann genauso zuverlässig Energie bereitstellen wie ein konventionelles Kraftwerk. Gut 30 Jahre später beliefern Müller und sein Unternehmen Enertrag ihre Kunden in der Uckermark rund um die Uhr mit Strom aus Sonne, Wind, Speicher und grünem Wasserstoff. Das Vorbild ist die Landwirtschaft. "Die Erntezeit dauert zwei Wochen", sagt Müller im "Klima-Labor" von ntv. "Wie machen wir daraus Essen für Monate? Mit Getreidespeichern." Das Potenzial der neuen Technologien ist ihm zufolge längst nicht ausgeschöpft. Speziell die Solarenergie beeindruckt mit so großen Sprüngen, dass sie Windenergie eines Tages überflüssig machen könnte. Das sind Müller zufolge gute Nachrichten für Verbraucher, er verspricht: Das neue Energiesystem wird deutlich günstiger, selbst wenn die Kilowattstunde doppelt so viel kostet.
ntv.de: Sie haben in Moskau Kerntechnik studiert und wollten ein Praktikum in Tschernobyl machen. War für Sie mit der Nuklearkatastrophe klar, dass die Atomenergie keine Zukunft hat?
Jörg Müller: Die Kernspaltung haben wir nicht wegen Tschernobyl aufgegeben, sondern weil wir die Kernfusion nicht in den Griff bekommen haben. Ohne Kernfusion ergibt die Kernspaltung keinen Sinn, denn Uran ist endlich. Das reicht nicht, um die gesamte Erde mit Energie zu versorgen. Die Kernspaltung sollte immer eine Brücke sein. Auf der Erde gelingt es uns aber bis heute nicht, mehrere Millionen Grad Celsius zu kontrollieren, auch wenn immer wieder jemand hervortritt und meint: In 20 oder 30 Jahren haben wir es geschafft! Aus rein wissenschaftlicher Sicht war 1990 klar: Uns bleibt nur der Weg zur Solar- und Windenergie.
War das nur die wissenschaftliche oder auch die ökonomische Sichtweise?
Ökonomisch war Kernenergie immer schwierig. Es sind viele staatliche Mittel reingeflossen, deshalb rechnen wir das schön. Dazu kommt: Man kann Kernspaltung nicht von Kernwaffen trennen.
Inwiefern?
Wer Kernspaltung betreibt, hat Plutonium. Wer Plutonium hat, kann Kernwaffen bauen. Im Grunde hat die Rüstungsindustrie die Kernspaltung mit der Herstellung von Kernwaffen subventioniert. Und bitte nicht vergessen: Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit auf eine Welt zu, in der Strom die Primärenergiequelle ist. Wenn ich Strom mit Sonne oder Wind herstelle, habe ich praktisch keine Verluste. Ein Kernkraftwerk bläst 70 Prozent der erzeugten Energie über den Kühlturm in die Luft. Ein Kohlekraftwerk auch. Jedes Auto mit Verbrennungsmotor pustet bis zu 80 Prozent dessen, was teuer an Brennstoffen reingefüllt wird, sinnlos aus dem Auspuff heraus. Das Elektroauto hat einen Wirkungsgrad von 98 Prozent.
Unsere Welt wird effizienter?
Ja. Wir verlassen die Welt des Carnot'schen-Wirkungsgrades. Die Dampflok hatte einen Wirkungsgrad von fünf und später mit viel Mühe knapp zehn Prozent. Dann kamen die Kollegen Otto und Diesel mit Wirkungsgraden von 30 bis 40 Prozent. In der Stromwelt können wir den Wirkungsgrad auf 90 Prozent erhöhen. Das macht das neue Energiesystem deutlich günstiger, selbst wenn die Kilowattstunde doppelt so viel kostet. Ich benötige schließlich nur ein Drittel der Energie. Das sind die zwei Argumente für erneuerbare Energien: Sie sind günstiger als alles, was wir bisher gemacht haben - und wir haben keine Alternativen.
Die deutsche Politik stößt derzeit erneut eine Atomdebatte an. Nervt Sie das?
Wir haben 100 Jahre gebraucht, um die Eisenbahn aufzubauen. Das dauerte ungefähr von 1834 bis 1930. Wie viele Leute waren gegen die Eisenbahn?
Viele?
Oh ja, mit der Eisenbahn hatten unglaublich viele Menschen ein Problem: Sie fährt mit einer Geschwindigkeit von sagenhaften 30 Kilometern pro Stunde? Das ist schlecht für die Gesundheit! Dafür müssen Trassen gebaut werden? Nicht über mein Land! Später hat es erneut 100 Jahre gedauert, um Pferde durch Automobile zu ersetzen. In London mussten anfangs Menschen mit zwei Flaggen vor dem Auto herlaufen, um auf die Gefahren hinzuweisen.
Sie möchten sagen: Der Mensch tut sich schwer mit Veränderungen.
Sehr schwer. Für den Umbau des Energiesystems von Kohle, Öl und Gas auf Solar und Wind würden wir uns gerne ebenfalls 100 Jahre gönnen. Es gibt nur das kleine Problem, dass die Erde wärmer wird.
Wir müssen die Energiewende schneller vorantreiben, als uns lieb ist … gleichzeitig spricht das Zeit-Argument gegen neue Atomkraftwerke, oder?
Abgesehen davon, dass sich Atomenergie nicht lohnt, können wir das in Europa auch nicht mehr. Es gibt im Kernenergiebereich keinen nennenswerten Nachwuchs an Fachkräften und nur mit Rentnern wird man keine neuen Kraftwerke bauen.
Ein Vorwurf der Befürworter ist: Der Bau neuer Atomkraftwerke ist nur deshalb so lang und teuer, weil Regulierung und Bürokratie überhandgenommen haben. Hat die Branche recht?
Ich habe 2000 im Weißbuch der Europäischen Union den schönen Satz gefunden: Wenn das Energierecht und das Baurecht in den 60er-Jahren so kompliziert gewesen wären wie heute, hätte es die Kernenergie nie gegeben. Das hat aber nichts mit Bürokratie zu tun, sondern mit den Sorgen der Menschen. Wir versuchen, Kernreaktoren so zu bauen, dass selbst bei einer Kernschmelze nichts nach außen dringt. Bei großen Anlagen reden wir von 4000 Megawatt. Das ist gewaltig viel Energie. Es ist erstaunlich, dass wir das überhaupt kontrollieren können. Aber solche Anlagen so sicher zu bauen, dass nach allem menschlichen Ermessen kein Restrisiko mehr besteht, ist extrem teuer. In den kommenden Jahrzehnten müssen wir mit Solar- und Windenergie arbeiten.
Müssen?
Ja. Aber die sind alles andere als schlecht. Solarenergie ist die direkte Verwandlung der elektromagnetischen Welle "Licht" in Strom. Früher hat man für Strom ein Bergwerk oder eine Ölquelle benötigt, eine Rohrleitung, Transportsysteme, eine Kesseldruckanlage, einen Dampfkreislauf und eine Turbine, die sich dreht. Heute hängen wir eine Solarzelle an den Balkon. Das ist genial. Und beim Wirkungsgrad dieser direkten Umwandlung sind wir längst nicht am Ende.
Wir stehen erst am Anfang der Solarenergie?
Der Wirkungsgrad der Solarzellen hat sich in den letzten 20 Jahren auf etwa 20 Prozent verdoppelt. Das ist erheblich. Ich wüsste nicht, warum nicht 80 Prozent möglich sein sollten. Solarenergie hat das Potenzial, Windenergie überflüssig zu machen.
Haben Sie deshalb ein Unternehmen für erneuerbare Energien gegründet?
Ohne die politische Wende wäre sicherlich alles anders gekommen, aber seit 1990/91 leben wir in einer Welt, in der man zum Geldverdienen verurteilt ist. Das war aber zweitrangig. Ich verstehe Energiewirtschaft als die Sicherung unserer Lebensgrundlage. Wir verdanken den größten Teil unseres Wohlstandes der erschreckenden Tatsache, dass wir Kohle, Öl und Gas verbrannt haben, um Energie zu gewinnen und uns Arbeit zu sparen. Nach der Wende war ich damit beschäftigt, das Kernkraftwerk Greifswald stillzulegen und beim Bauabbruch für das Kernkraftwerk Stendal mitzuhelfen. Es ist aber keine schöne Aufgabe, Dinge zu zerstören. Deshalb haben ein Oberingenieur und ich eine Biogasanlage gebaut und 1992 zusammen mit anderen Leuten vom Kraftwerksbau tatsächlich unsere erste Windkraftanlage. Die war 40 Meter hoch und steht bis heute in Gerswalde.
Wie viel Strom hat sie erzeugt?
150 Kilowatt. Das ist nicht wenig. Ich wollte damals unbedingt weitermachen, aber unser Betrieb war einfach nicht wettbewerbsfähig. Der wurde abgewickelt. Also blieb 1993 nur der Weg in die Selbstständigkeit.
Es war anscheinend nicht die schlechteste Entscheidung. Sie haben inzwischen in der Uckermark ein Verbundkraftwerk gebaut.
Das war von Anfang an der Plan. Ich hätte nicht mit Windenergie begonnen, wenn ich nicht gewusst hätte: Damit können wir so verlässlich Energie liefern wie jedes andere Kraftwerk auch.
24 Stunden am Tag?
Ja. Mit einem Speicher, denn es gibt kein Kraftwerk ohne. Auch Kohlebunker, Gastank, Öltank oder Kohlegrube sind Speicher. Das ist wie bei Nahrungsmitteln. Die Erntezeit ist kurz, sie dauert zwei Wochen. Wie machen wir daraus Essen für 54 Wochen? Mit Getreidespeichern. Die gibt es seit Jahrhunderten. In Dänemark wurden bereits vor 100 Jahren Gebäude mit Windstrom versorgt, für Licht und den Herd. Außerdem gab es einen Batteriespeicher und es wurde Wasserstoff erzeugt. Die Wasserstoffherstellung ist einfach: Man braucht einen Topf Wasser und zwei Stromanschlüsse. Dann muss man das Gas nur noch auffangen. Schon vor 30 Jahren war also bekannt, dass wir Energie aus Wind günstig herstellen und leicht speichern können. Wir hatten außerdem ein Gasnetz, das 1990 im Osten noch vollständig mit Stadtgas befüllt war. Das bestand zu mehr als 50 Prozent aus Wasserstoff.
Alle Zutaten für das Verbundkraftwerk waren bereits 1990 vorhanden?
Ja. Es war schon damals klar, dass es funktionieren wird. Die große Schwierigkeit war, mehrere Anlagen über eigene Erdkabelsysteme zusammenzuschalten. Das Kartellamt war der Meinung: Niemand darf eigene Stromkabel verlegen. Die haben uns schlicht nicht ans öffentliche Netz angeschlossen.
Das ist der entscheidende Punkt: Sie haben Windkraftanlagen, Solaranlagen, Batteriespeicher und einen Elektrolyseur in einem eigenen Netz aneinandergekoppelt?
Wir verlegen an manchen Tagen mehrere Kilometer Mittel- und Hochspannungskabel. Das ist in Deutschland erfreulicherweise seit 100 Jahren genehmigungsfrei, geht unglaublich schnell und tatsächlich günstiger als diese wunderschönen Hochspannungsmasten, die man immer sieht und gegen die es erheblichen Protest gibt.
Ihre Stromleitungen verlaufen alle unterirdisch?
Die werden verbuddelt, teilweise sogar gepflügt. Ein großer Kabelflug mit einer Rolle hinten dran fährt die Strecke ab. Der öffnet den Boden, verlegt das Kabel in 1,20 Meter Tiefe und macht den Boden wieder zu. Wir veranschlagen historisch Kosten von etwa 0,25 Cent pro Kilowattstunde fürs Netz. Die Netzkosten in Deutschland liegen zwischen 8 und 12 Cent. Der einfache Grund: Wir müssen in unserem Kraftwerksnetz keine Versorgungssicherheit herstellen. Wenn Baggerfahrer Willy ein Kabel kaputt macht, fahren wir ein paar Erzeugungsanlagen herunter und reparieren das Kabel innerhalb von 24 Stunden.
Wie viel Strom kann das Verbundkraftwerk bereitstellen?
Wir steuern wir auf ein Gigawatt zu. Damit ist das Verbundkraftwerk ein großer Kraftwerksblock. In der Erzeugung planen wir langfristig mit sechs bis acht Gigawatt - und benötigen trotzdem nicht mehr Fläche als ein großes Braunkohlekraftwerk wie Jänschwalde. Die brauchen enorm viel Platz für Tagebau und Halden.
Das Verbundkraftwerk erzeugt sechsmal mehr Energie, als es einspeist?
Ja. Der Netzanschluss bleibt derselbe, also etwas über ein Gigawatt. Dieses Gigawatt liefern wir immer. Die Analogie ist wieder der Weizen: Die Weizenernte ist hundertmal größer als das, was in den Lkw passt. Dafür fahren die Lkw das ganze Jahr über zwischen Speicher und Verbraucher hin und her. Wir machen das ähnlich. Spannend ist, dass die Windenergie die dritte Potenz der Windgeschwindigkeit ist. Wenn sich die Windgeschwindigkeit im Laufe des Tages von 3 auf 6 Meter pro Sekunde verdoppelt, habe ich die achtfache Stromproduktion: aus drei hoch drei wird sechs hoch drei. Diesen Effekt nutzen wir für den Wasserstoff. Den erzeugen wir immer dann, wenn die Energie einfach da ist und der Strom nichts kostet. Ich finde es übrigens unangemessen, von "Überschussstrom" zu sprechen. Es spricht auch niemand von Überschussweizen, wenn mehr geerntet wird, als man essen kann.
Ohne Wasserstoff geht es nicht?
Die Planung für die Uckermark-Stromleitung hat 1997 angefangen und ist jetzt fertig. Es hat also 30 Jahre gedauert, eine Trasse zwischen Berlin-Neuenhagen und dem damaligen Kernkraftwerk Greifswald von 220.000 auf 400.000 Volt umzustellen. Die Kapazität hat sich damit von 500 Megawatt auf etwa 1500 bis 1800 Megawatt erhöht. Das ist schon was. Verglichen mit unserem Zubau von Erneuerbaren ist das aber nichts.
Nichts?
Ja. Aber das ist kein Problem, denn durch unser Kraftwerksgelände verlaufen Richtung Süden die Opal-Pipeline und die beiden Stränge der früheren Nord-Stream-Leitung Eugal. Eine Eugal-Leitung ist in Betrieb, eine steht still und die Opal-Leitung ist Bestandteil des Wasserstoffs-Kernnetzes und wird gerade mit Wasserstoff gefüllt. Jede dieser Leitungen hat eine Kapazität von 15.000 Megawatt, also das Zehnfache einer Höchstspannungsleitung. Wir können gar nicht so viel Energie erzeugen, wie wir damit abtransportieren können.
Was passiert mit dem Wasserstoff?
Damit versorgen wir die Industrie, daraus stellen wir Düngemittel her oder wir speichern ihn einfach. Das ist unser strategischer Vorteil: Das deutsche Gasspeichersystem ist weltweit mit das Beste. Das hat eine Kapazität von knapp 250 Terawattstunden (TWh). Im Winter benötigen wir 100 bis 140 TWh, um einen Monat überbrücken zu können - je nachdem, wie kalt es wird. Der deutsche Endenergieverbrauch liegt grob bei 1000 TWh. Dafür war früher ein fossiler Energieeinsatz von 3500 TWh notwendig. Durch den schlechten Wirkungsgrad gehen zwei Drittel bis drei Viertel der Energie verloren. Der Übergang zur Stromwirtschaft wird dazu führen, dass wir fast keine Verluste mehr haben und viel weniger Energieeinsatz benötigen.
Wo stehen wir?
Solar- und Wind erzeugen derzeit etwa 350 TWh Strom im Jahr. Am Ende benötigen wir 1400 TWh. Mit dem heutigen Zubau - und daran soll ja nicht gerüttelt werden - wäre dieses Ziel 2031 erreicht. Dann würden wir zu 100 Prozent so viel Strom erzeugen, wie wir verbrauchen. Das hat der vorherige Wirtschaftsminister Habeck sehr gut geplant.
Hat er?
Ja. Habeck hat viele Wissenschaftler in sein Haus geholt. Die jährliche Zubaumenge von 8 bis 10 Gigawatt Wind und 15 Gigawatt PV ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist die natürliche Erneuerungsrate eines Systems, das sich eines Tages vollständig mit Sonne und Wind versorgt. Wir planen in Deutschland insgesamt mit gut 200 Gigawatt Windenergie (160 Gigawatt an Land; 70 Gigawatt auf See) und 400 Gigawatt Solar. Die Lebensdauer der Anlagen liegt bei 20 bis 30 Jahren. Im Windbereich muss man also jedes Jahr ungefähr acht Gigawatt alter Anlagen ersetzen, im PV-Bereich ungefähr 15 Gigawatt. Das ist industriepolitisch klug. Hätte man die Ausbauziele kleiner angesetzt, könnte man die Anlagen später nicht ersetzen. Hätte man sie größer gemacht, würde man Ausbaukapazitäten aufbauen, die man kurze Zeit später nicht mehr benötigt. Wenige deutsche Gesetze stehen auf so sicheren Grundlagen der Physik.
Mit Jörg Müller sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.