Wirtschaft

Nach Trumps Grönland-DrohungenIn Dänemark formiert sich eine US-Boykott-Bewegung

28.01.2026, 18:32 Uhr image (2)Von Hannes Vogel
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Boykott mit - noch - begrenzter Wirkung: Laut einer Analyse der Danske Bank importieren die sechs Millionen Dänen gerade mal ein Prozent ihrer Lebensmittel aus den USA. (Foto: IMAGO/Depositphotos)

Militärisch kann Dänemark gegen Donald Trumps Annexions-Gelüste wenig ausrüsten. Also setzen viele Dänen auf eine andere Waffe: Sie lassen US-Produkte in den Regalen liegen. Wird der Käuferstreik zum Trend in ganz Europa?

Die Wut ist deutlich spürbar. "Wenn ihr Anzeigen für amerikanische Produkte auf Facebook, Youtube oder wo auch immer seht, gebt ihnen ein "Daumen runter", blockiert sie oder meldet sie als anstößig, falls möglich", empfiehlt ein Facebook-Nutzer. Eine andere Userin postet Memes, in denen sich eine Frau angewidert von US-Marken wie Nike, Levi's oder Calvin Klein abwendet. Und mit einem "Daumen hoch" auf europäische Hersteller wie Diesel, Adidas oder Le Coq Sportif zeigt.

In der dänischen Facebook-Gruppe "Boykot varer fra USA" ("Boykottiert Waren aus den USA") ist der Name Programm. Sie aktualisiert regelmäßig eine Liste mit „amerikanischen Lebensmittelmarken in dänischen Läden" und hilft ihren Landsleuten, US-Produkte in den Regalen zu vermeiden. 116.000 Mitglieder hat sie inzwischen. "Jedes Mal, wenn Donald Trump droht, erleben wir einen enormen Zuwachs", zitiert der öffentlich-rechtliche Sender "Danmarks Radio" einen ihrer Gründer.

Es ist eine Reaktion im Kleinen, die die Stimmungslage im Großen widerspiegelt. Viele Dänen haben genug von Donald Trumps Drohungen mit dem Zollhammer oder sogar militärischer Aggression gegen Europas Souveränität. Mit seinen Fantasien von der Eroberung Grönlands hat der US-Präsident einer Bewegung Schwung verliehen, die sich schon lange für die Abkehr von US-Produkten einsetzt. Sein Wirtschaftskrieg gegen die EU bringt auf dem Kontinent womöglich eine Gegenbewegung zu seiner eigenen America-First-Agenda hervor: Buy European.

Trumps Handelskrieg hat Bumerang-Effekt für die USA

Seit Trump droht, Grönland mit Gewalt den USA einzuverleiben, sind die Downloads von Boykott-Apps, mit denen sich Produkte im Supermarkt auf ihre Herkunft scannen lassen, laut Bloomberg in Dänemark förmlich explodiert. UdenUSA ("NichtUSA") ist demnach aktuell die am meisten heruntergeladene App im dänischen Apple-Appstore, noch vor ChatGPT. Eine "Waffe im Handelskrieg um die Verbraucher" nennt sie ihr Schöpfer, der 21-jährige Jonas Pipper, im Interview mit der Finanzagentur.

Auch wenn das Interesse enorm ist: Der Schaden für die US-Wirtschaft dürfte sich bisher in Grenzen halten. Dänemark, ein Land mit rund sechs Millionen Einwohnern, hat in etwa dieselbe Wirtschaftskraft wie der US-Bundesstaat Maryland. Laut einer Analystin der Danske Bank, dem größten dänischen Finanzinstitut, importieren die Dänen gerade mal ein Prozent ihrer Lebensmittel aus den USA. Allein betrachtet sind Dänemarks Supermärkte für die USA eher "irrelevant", wie es US-Finanzminister Scott Bessent kürzlich schon mit Blick auf den vollständigen Verkauf aller US-Staatsanleihen durch einen dänischen Pensionsfonds gesagt hat.

Doch es ist diese Arroganz, die sich im Handelskrieg, den Trump vom Zaun gebrochen hat, als wirtschaftlicher Bumerang erweisen könnte. Denn nicht nur die Dänen, viele Europäer sind es leid, sich herumschubsen zu lassen. Ihre Suche nach europäischen Alternativen erreicht längst Branchen, die der US-Wirtschaft tatsächlich bald gefährlich werden könnten: etwa die US-Tech-Giganten. "Suche eine Alternative zu Youtube Premium" oder "Netflix und Prime Video sind schon weg" heißt es etwa in der dänischen Boykott-Gruppe auf Facebook. "Wollt ihr etwas über eine gute Alternative zu Google Translate wissen?", fragt eine Frau. Ein anderer User rät: "DeepL aus Deutschland sollte gut sein".

Europa stimmt mit seinem Geld ab

Zwischen 20 und 30 Prozent der gesamten Umsätze kommen bei den "glorreichen sieben" US-Tech-Giganten aus Europa. Der Kontinent ist für sie der zweitwichtigste Markt nach den USA. Sollten die Grönland-Krise und weitere Zollattacken von Trump nur ansatzweise einen Effekt bei Europas Verbrauchern haben, könnten das Google, Amazon oder Microsoft bald empfindlich zu spüren bekommen. Denn auch wenn Europa ohne die USA momentan kaum seine eigene Verteidigung sichern könnte: Wirtschaftlich herrscht zwischen Washington und Brüssel ein Gleichgewicht des Schreckens.

"Welche europäische Cloud empfiehlst du für Dokumente und Fotos etc.?", fragt sich ein Däne, der offenbar den US-Tech-Riesen Adieu sagen will. Andere posten Beiträge über den Abschied von Visa und Mastercard. Denn nicht nur von sozialen Netzwerken und Cloud-Anbietern, auch von US-Zahlungsdiensten wie PayPal, Visa und Mastercard ist Europa vollkommen abhängig. Selbst EZB-Chefin Christine Lagarde warnt inzwischen, Europa müsse "die Verwundbarkeiten reduzieren, die daraus entstehen, dass die Zahlungsinfrastruktur derzeit in ausländischem Besitz ist, und sicherstellen, dass es ein europäisches Angebot gibt - nur für den Fall der Fälle." Mit Wero gibt es inzwischen bereits eine Paypal-Alternative, die immerhin schon mehr als 40 Millionen Europäer nutzen.

Zudem ist Dänemark dank Trumps Grönland-Drohungen nur der aktuellste Brennpunkt der Buy-European-Bewegung. Doch sie reicht längst weit über das Land hinaus: In Schweden, Norwegen, Finnland, Spanien, Portugal, Italien, Polen, Tschechien, Frankreich, Deutschland und sogar Großbritannien gibt es inzwischen Ableger oder ähnliche Facebook-Gruppen.

"Nicht bloß ein kurzlebiger Trend"

Im zweitgrößten EU-Land Frankreich etwa hat das renommierte Meinungsforschungsinstitut Ifop kürzlich eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Demnach sind fast zwei Drittel aller Franzosen zu einem Boykott gegen US-Produkte bereit. Fast jeder Dritte sagt, er hätte seinen Entschluss bereits in die Tat umgesetzt: indem er weniger Coca-Cola kauft, weniger bei McDonalds isst oder einen Bogen um Tesla macht. Die Entfremdung von den USA ist unübersehbar: Nur jeder vierte Franzose hat noch ein positives Bild von den Vereinigten Staaten. 2010, unter Barack Obama, waren es noch 65 Prozent.

In Deutschland sieht es ähnlich aus: Mehr als 70 Prozent sehen hierzulande in den USA inzwischen einen Gegner statt eines Partners - quer durch alle Parteien. Der Bewusstseinswandel vollzieht sich langsam, ist aber spürbar. Und könnte daher schon bald in den Bilanzen der US-Konzerne ankommen.

Alarmsignale kommen etwa aus Frankreich. Die Umfrage zeige "ein beispielloses Phänomen in der Geschichte der französisch-amerikanischen Beziehungen: das Aufkommen einer breiten Boykottbewegung mit einer Unterstützerbasis über politische Gräben hinweg", konstatiert etwa Ifop-Direktor François Kraus. "Das deutet darauf hin, dass diese Bewegung nicht bloß ein kurzlebiger Trend im französischen Konsumverhalten sein wird."

Welchen Effekt die Buy-European-Idee in Frankreich, Deutschland und anderen großen EU-Volkswirtschaften hat, wird sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen. In Dänemark scheint momentan jedenfalls für die USA kaum noch etwas zu holen zu sein. "Wieder ein Beispiel für schlechten Geschmack. Und ein Eintrag mehr auf der Boykott-Liste. Hoffe dänische Kinos und TV-Sender überlegen sich zweimal, ob sie das zeigen", ätzt ein Nutzer gegen die von Amazon mit 40 Millionen Dollar finanzierte Doku über Melania Trump, die Ende der Woche erscheint. "Das würde ich mir nicht mal anschauen, wenn mir jemand dafür Millionen bezahlt", meint ein anderer.

Quelle: ntv.de

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