Wirtschaft

Zollkrieg und verpasste Trends Kehraus in Deutschlands Autobranche

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Ein VW-Mitarbeiter in Wolfsburg schraubt an einer Karosserie. Für die Beschäftigen brechen neue Zeiten an.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Autoindustrie steht vor teuren Herausforderungen. Sparprogramme häufen sich, Zehntausende Jobs fallen weg. Es ist "der größte Umbruch in der Geschichte", sagt Autoexperte Dudenhöffer n-tv.de. Nun sei hohes Tempo gefragt.

Allein bei Volkswagen sind es bis zu 16.000 Stellen, die in den kommenden Jahren wegfallen, bei Audi über 13.000 und bei Ford Deutschland 5000. Bei den Zulieferern sieht es nicht besser aus. Der Kabelspezialist Leonie wird laut jüngsten Meldungen 2000, Scheffler knapp 1000 Stellen abbauen. Hiobsbotschaften über Sparprogramme und Stellenkürzungen aus der Branche sorgen mittlerweile fast täglich für Schlagzeilen.

Der Traum von immerwährendem Wachstum, von Quantität und Größe in dem für Deutschland so wichtigen Wirtschaftssektor hat sich ausgeträumt. "Die Autobranche erlebt in den kommenden fünf Jahren den größten Umbruch ihrer Geschichte", sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer n-tv.de. "Der größte Automarkt China lahmt und US-Präsident Trump richtet mit seinen Zollkriegen großen konjunkturellen Schaden an. Gleichzeitig läuft der Umstieg auf das Elektroauto. Das alles ist eine Riesenherausforderung. Sparrunden und Beschäftigungsabbau werden für Schlagzeilen sorgen."

Das tun sie schon jetzt. Allein der schwächelnde Absatzmarkt im Reich der Mitte würde den Herstellern an Problemen wahrscheinlich schon reichen. Die meisten Autobauer und Zulieferer erwirtschaften ein gutes Drittel ihrer Gewinne in China. Das zusammen mit strengeren CO2-Vorgaben hierzulande, Strafzahlungen im Zusammenhang mit dem Diesel-Skandal und Investitionen in die Elektromobilität entwickelt die Gemengelage die Kraft von tektonischen Platten, die sich verschieben. Die Branche bebt.

Am konsequentesten hat bislang Volkswagen auf diese Veränderungen reagiert. Der Konzern blies vergangene Woche zu einer großen E-Offensive - ein öffentlichkeitswirksamer Coup, der wohl auch dazu dienen sollte, den Diesel-Skandal nach gut drei Jahren abzuschütteln. Die Umstellung auf Elektroantrieb wird Tausende Beschäftigte den Arbeitsplatz kosten, wie der Konzern einräumte. Allein bei der Marke VW und in den deutschen Werken werden laut den Ankündigungen bis zu 7000 Stellen abgebaut. Zusätzlich zu den 9300 Mitarbeitern, die zuvor bereits im sogenannten Zukunftspakt einem vorzeitigen Ausscheiden zugestimmt hatten.

Audi streicht Nachtschicht im Stammwerk

Auch Konzern-Tochter Audi reagiert auf die Bremsspuren bei der Nachfrage. Sie will die Nachtschicht in Ingolstadt streichen. "Das reduzierte Produktionsvolumen am Standort lässt sich ohne diese Dauernachtschicht erreichen", heißt es. Betroffen sind rund 450 Mitarbeiter, die an der Montagelinie der Modelle Audi A4 und A5 arbeiten, sowie eine unbestimmte Zahl von Beschäftigten aus angrenzenden Bereichen. Immerhin soll es vorerst keine Entlassungen geben. Am Stammwerk gilt ein Kündigungsschutz bis 2025. Laut "Handelsblatt" von vergangener Woche verhandelt das Management jedoch gleichzeitig mit dem Betriebsrat über einen Abbau von bis zu 15 Prozent der rund 90.000 Köpfe zählenden Belegschaft in den kommenden fünf Jahren - allerdings "entlang der demografischen Entwicklung", wie das Blatt unter Berufung auf Unternehmenskreise schrieb. Heißt: Offene Stellen sollen nicht nachbesetzt werden.

Konkurrent BMW steigt ebenfalls in die Eisen und spart. Wegen schwächerer Geschäfte in China und Europa hatte der Konzern im vergangenen Jahr einen drastischen Gewinnrückgang verbucht, wie er kürzlich mitteilte. Klar ist bislang, die Modellvielfalt soll reduziert werden. Ob damit auch ein Stellenabbau verbunden ist, ist noch nicht klar. Konzern-Chef Harald Krüger schwor die Belegschaft bisher lediglich auf "große Kraftanstrengungen" ein. Auch Ford Deutschland hat Fakten geschaffen. Der US-Konzern will die Belegschaft hierzulande um rund 5000 Mitarbeiter schrumpfen, um das Europageschäft wieder flottzubekommen.

Auch bei Bosch, Conti und Scheffler rumort es

Mit der Neuorientierung der großen Autobauer geraten auch deren Zulieferer unter Druck. Bei Bosch in Stuttgart demonstrierten vergangene Woche Tausende Beschäftigte gegen einen möglichen Jobabbau im Diesel-Bereich. Die Hiobsbotschaft dieser Woche stammt von Leonie. Der Kabelhersteller musste wegen operativer Probleme und trüber Aussichten seine erst kürzlich korrigierte Prognose ebenfalls wieder einkassieren. Der Automarkt werde immer schwieriger, vor allem in China, begründete das SDax-Unternehmen seine Gewinnwarnung. Im Rahmen eines Sparprogramms sollen rund 2000 Jobs wegfallen.

Beim Autozulieferer Continental gibt es nach einer katastrophalen Entwicklung im Vorjahr zwar keine weiteren Hiobsbotschaften. Das Management setzt zuletzt auf Weiterbildung statt auf Stellenabbau. Laut "Automobilwoche" sollen sich die Beschäftigten in ihrer Freizeit fortbilden. Doch beim Reifenhersteller ist der Haussegen damit nicht wiederhergestelllt. Im Raum stehen weiterhin Gedankenspiele der Konzernführung zu möglichen Standortschließungen. Unter anderem wegen zwei Gewinnwarnungen war der Aktienkurs im vergangenen Jahr um mehr als 46 Prozent abgerutscht. Das Geschäftsjahr 2019 ist laut Conti verhalten angelaufen. Die weltweite Autoproduktion werde im ersten Halbjahr wahrscheinlich unter dem Wert des Vorjahres liegen, so die Prognose von Finanzchef Wolfgang Schäfer.

Auch der Zulieferer Schaeffler hat seine Ziele für 2020 kürzlich aufgeben müssen. Er kündigte Teilverkäufe einiger Werke in Europa an und den Abbau von insgesamt 900 Arbeitsplätzen an fünf europäischen Standorten des Autozulieferers, davon 700 an deutschen Standorten.

Dudenhöffer: "Tempo, Tempo, Tempo"

Die Autobranche kämpft an vielen Fronten. Laut Dudenhöffer ist der unsichere chinesische Absatzmarkt dabei noch das kleinere Problem. Schon "in 12 bis 18 Monaten", schätzt er, werde der Markt wieder auf "Wachstumskurs" sein. Die weitaus größere Herausforderung sei der Umstieg auf die Elektromobilität. Hier dürfe die Branche jetzt nicht zögern, sagt der Autoexperte. "Die CO2-Ziele der EU haben die Transformationszeit nach Dieselgate enorm verkürzt." Dem Verbrennungsmotor "die Stange zu halten", sei "sehr gefährlich für Unternehmen". 

Aus Sicht vieler Experten hat die Branche die Wende zu spät eingeläutet. Den Wandel so energisch anzugehen wie Volkswagen, hält Dudenhöffer deshalb für richtig. Der Konzern bringe sich damit "in eine gute Position". Gute Chancen rechnet er auch den deutschen Konkurrenten Daimler und BMW aus. Spät dran seien Toyota, Honda und Mazda. Als "Sorgenkinder" in Europa macht er Peugeot-Opel, Ford und FiatChrysler aus.

Mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten fahren auch die Zulieferer in die Zukunft. "Für alle, die Antriebsstränge herstellen, gilt: Tempo, Tempo, Tempo", sagt Dudenhöffer. Im Bereich Ersatzteile, wie Auspufftöpfe und Dichtungen, sei auch noch in gut 15 Jahren mit einem einträglichen Geschäft zu rechnen, mit dem der Umstieg finanziert werden könne. Allen anderen laufe die Zeit davon. Aller Tage Abend bedeute der Wandel zur E-Mobilität nicht. "Allein das Thermo-Management zur Klimatisierung des Autos wird in den nächsten 10 Jahren gewaltige Umsatzsprünge machen", prognostiziert Dudenhöffer. Aber auch hier sei Tempo gefragt, Innovationen müssten schnell in Serie gehen.   

Schon jetzt ist klar, dass für die radikale Neuorientierung der Branche vor allem die Beschäftigten zahlen werden. Eine offene Frage dabei ist: Macht die Geschwindigkeit des Wandels dabei einen Unterschied? Die Autoren einer Studie aus dem Autoland Baden-Württemberg haben zwei Szenarien verglichen. Das eine setzte voraus, dass in der EU bis 2030 der Anteil reiner E-Autos an den Neuzulassungen auf 51 Prozent steigt. Das andere, dass sich dieser Anteil im selben Zeitraum lediglich auf 15 Prozent erhöht.

Das Ergebnis: Eine schnelle Transformation würde Baden-Württemberg, wo rund 470.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt am Auto hängen, 30.800 Jobs kosten. Die sukzessive Umstellung dagegen könnte 8900 Stellen schaffen. Um möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern, müsste der Verbrennungsmotor dafür länger als Brückentechnologie dienen, so die Autoren der Studie.

Quelle: n-tv.de

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