Wirtschaft

Banken strömen wieder nach Riad Khashoggi-Mord stört Finanzbranche nicht mehr

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Investoren aus aller Welt schließen wieder Multi-Milliarden-Geschäfte in Saudi-Arabien ab.

(Foto: REUTERS)

Nach dem grausigen Mord an dem Regimekritiker Khashoggi war der moralische Aufschrei groß. Viele westliche Konzerne boykottierten Saudi-Arabien. Inzwischen haben die Firmenchefs angesichts milliardenschwerer Aufträge offenbar keine Gewissensbisse mehr.

Die Halbwertszeit der Moral in der Finanzbranche beträgt offenbar ein halbes Jahr: Noch vor sechs Monaten überschattete der grausame Mord saudischer Agenten an dem regimekritischen Journalisten Jamal Khashoggi die Investorenkonferenz in Riad. Es hagelte Absagen, unter anderem von Siemens, Deutscher Bank und Ford. Nun lockt Saudi-Arabien erneut mit lukrativen Geschäften. Und die Bedenken vieler Unternehmen, in den unter internationalen Druck geratenen Wüstenstaat zu investieren, scheinen wie weggeblasen. Große Namen der Finanzbranche strömen wieder nach Riad, wie die "Financial Times" berichtet.

"Es ist ein Privileg, zurück in Saudi-Arabien zu sein", sagte HSBC-Chef John Flint laut der Zeitung auf der "Financial Sector Conference" in Riad. Vor sechs Monaten hatte er eine ähnliche Einladung des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman wegen des Khashoggi-Mords noch ausgeschlagen. "Wir haben großes Vertrauen in die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes". Mit dabei war diesmal auch Larry Fink, Geschäftsführer von Blackrock, der seinen Boykott offenbar ebenfalls aufgegeben hat. Fink gab zwar zu, dass Königreich sei "nicht perfekt". Die Veränderungen in den vergangen zwei Jahren seien allerdings "ziemlich beeindruckend" und böten "großartige Chancen".

Nur wenige Stunden vor der Konferenz war die saudische Regierung wegen einer brutalen Massenhinrichtung erneut in die Kritik geraten. Zu den 37 öffentlich geköpften und teils gekreuzigten politischen Gefangen schwiegen aber sowohl die geladenen Manager als auch die anwesenden saudischen Regierungsvertreter. Ebenso wie zum Mord an dem Dissidenten Khashoggi in der Botschaft in Istanbul im vergangenen Herbst, der Saudi-Arabien in eine schwere diplomatische Krise gestürzt hatte. Die CIA beschuldigt den saudischen Kronprinzen, die Ermordung des Journalisten angeordnet zu haben. Der bestreitet jedoch jegliche Beteiligung und macht eine nichtautorisierte Operation von Geheimdienstlern verantwortlich, bei der Khashoggi zersägt und in Säure aufgelöst worden sein soll.

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Die schwerwiegenden Vorwürfe konnten dem Kronprinzen allerdings nicht viel anhaben. In den vergangenen Monaten schloss Saudi-Arabien eine Reihe lukrativer Multi-Milliarden-Geschäfte ab und unterstrich damit seine Attraktivität für potenzielle Geldgeber. Von dem Kuchen wollen nun auch diejenigen etwas abhaben, die der letzten Konferenz vor einem halben Jahr aus moralischen Gründen ferngeblieben sind.

Im Gegensatz zu der Veranstaltung im Oktober wurde Khashoggis Name auf der Bühne diesmal erst gar nicht erwähnt. Stattdessen sprachen die Redner, wie Daniel Pinto, Chef der Bank JP Morgan, oder David Schwimmer, Chef der Londoner Börse, von den vielversprechenden Zukunftsaussichten des ölreichen Landes. Energieminister Khalid al-Falih umwarb Investoren zudem mit großen Versprechungen: Das 12-Milliarden-Dollar-Debüt des staatlichen Ölkonzerns Saudi Aramco am Anleihemarkt sei "erst der Anfang" gewesen.

Geld ist wichtiger als Menschenrechte

Kronprinz Mohammed treibt den wirtschaftlichen Ausbau seines Landes fleißig voran. Während die Investoren seinem Ruf nach Riad folgen, werden im Rest des Landes angebliche Dissidenten und Regimekritiker weiterhin mit aller Härte verfolgt und bestraft, wie die Hinrichtung Dutzender Menschen kurz vor der Konferenz zeigt.

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"Es ist ein weiteres grauenvolles Anzeichen dafür, wie die Todesstrafe als politisches Instrument missbraucht wird", sagte Lynn Maalouf von Amnesty International. Die Mehrheit der Hingerichteten komme aus der schiitischen Minderheit des Landes. Die Männer seien in Scheinverhandlungen verurteilt worden, die jeglichen internationalen Standards widersprächen.

Unter den Hingerichteten seien elf Männer, die wegen Spionage für den Iran verurteilt worden seien, berichtete Amnesty International. Mindestens 14 weitere Personen seien wegen ihrer Teilnahme an Protesten gegen die Regierung im Osten Saudi-Arabiens zwischen 2011 und 2012 verurteilt worden. Einer von ihnen ist demnach ein junger Mann, der zum Zeitpunkt der Proteste erst 16 Jahre alt war. Nach internationalem Recht ist die Todesstrafe für Minderjährige verboten.

Dass die Global Player der Finanz- und Ölindustrie über Menschenrechtsverletzungen des Königreiches zugunsten des Profits hinwegsehen, ist nichts Neues. Nach Khashoggis Ermordung schien sich das zum ersten Mal zu ändern. Der Boykott vieler Firmenchefs hielt allerdings nur solange, wie öffentliches Interesse an dem Fall bestand. Der Andrang auf der Investorenkonferenz lässt vermuten: In der Finanzwelt ist Geld nach wie vor wichtiger als Menschenrechte.

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Quelle: n-tv.de

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