Energiewende mit Zwangsgeldern"Es gibt für Netzbetreiber beim Smart-Meter-Rollout keine Ausreden mehr"

Andere Länder sind mit dem Smart-Meter-Rollout seit Jahren fertig. Deutschland steht bei 5,5 Prozent. Schlimmer noch, Dutzende Netzbetreiber haben keinen einzigen intelligenten Stromzähler verbaut: "Sie haben nicht getrödelt, sondern sich schlicht zu spät gekümmert und damit glasklare gesetzliche Fristen gerissen", sagt Klaus Müller. Im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" stellt der Präsident der Bundesnetzagentur klar: Die Zeit der Ausreden ist vorbei. Seine Behörde ermittelt inzwischen gegen 77 besonders langsame Netzbetreiber. Sie möchte sie mit einer Strafzahlung motivieren, ihre Pflichten zu erfüllen: "Es ist jedem Netzbetreiber unangenehm, wenn er seinen Aufsehern berichten muss: Wir müssen ein Zwangsgeld zahlen."
ntv.de: Zündet Deutschland im Frühjahr 2026 endlich den Smart-Meter-Turbo?
Klaus Müller: Dafür war die Bremsspur der letzten Jahre oder sogar des letzten Jahrzehnts wahrscheinlich ein wenig zu heftig. Aber es geht bei unseren Verfahren auch nicht um Netzbetreiber, die trödeln, sondern um Netzbetreiber, die glasklare gesetzliche Fristen gerissen haben. Die haben wir als Bundesnetzagentur 2025 mehrfach transparent gemacht. Jetzt können wir behördlich handeln und werden das auch tun.
Die Zahlen sind vernichtend. In Dänemark und Schweden waren bereits 2021 alle Haushalte mit einem Smart-Meter ausgestattet. Estland, Finnland, Italien, Luxemburg, Norwegen und Spanien standen damals bei 98 Prozent; Frankreich, Lettland, Litauen, Malta, die Niederlande und Slowenien bei mehr als 80 Prozent. Deutschland steht bei 5,5 Prozent … was läuft schief?
Das ist offensichtlich: Wir haben den Smart-Meter-Rollout kompliziert gemacht und jahrelang über Sicherheit diskutiert - bis das Thema durch Rechtsstreitigkeiten endgültig geklärt war. Außerdem haben wir eine sehr kleinteilige Netzbetreiberstruktur. Das ist für große Skalierung nicht per se geeignet. Man erkennt beim Fortschritt eine ungleiche Verteilung. Durch diese Faktoren haben wir den letzten Platz eingesammelt.
Hat sich die Sicherheitsdiskussion inzwischen erledigt? Es geht um das Szenario, dass ein ausländischer Staat über diverse Schnittstellen auf die deutsche Energieinfrastruktur zugreifen und Stromausfälle verursachen könnte. Eine Schnittstelle ist der intelligente Stromzähler.
Ja. Dieses Szenario wurde von einem berühmten Autor in einem Buch aufgearbeitet. Das wird in der Bundesnetzagentur von Präsident zu Präsident verschenkt, damit man genau weiß, worauf man sich einlässt. Wir blicken vielleicht etwas mehr auf den Markt und die Chancen, die sich aus einem schnellen Smart-Meter-Rollout und der Digitalisierung ergeben, aber ich will das Thema in keiner Weise kleinreden. Wo werden welche Geräte produziert? Wer hat Zugriff darauf? Das ist keine fiktive Debatte, aber andere Länder haben sich schneller geeinigt. Jetzt ist allerdings eine Reihe von Geräten zertifiziert. Auf die können wir uns verlassen. Es gibt für die Netzbetreiber keine Ausreden mehr, sie nicht zu bestellen und einzubauen.
Mit dem höchsten Sicherheitsstandard?
Das kann man so sagen. Wir haben ein sehr hohes Sicherheitsniveau. Ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber andere Länder kommen mit weniger aus. Der Smart-Meter-Einbau ist übrigens nur die halbe Miete. Im Hintergrund muss noch die Marktkommunikation eingerichtet werden. Bei dem Thema ist noch eine Menge Luft nach oben.
Beim Einbau auch: Das Ziel nur für den Pflicht-Rollout liegt bei 90 Prozent bis Ende 2032. Es vergehen also noch einmal sechs Jahre …
Die Fristen sind, wie sie sind. Ich würde es aber positiv formulieren: Der Smart-Meter-Rollout ist kein Selbstzweck. Es geht nicht nur darum, einem privaten oder gewerblichen Stromkunden bestimmte Anwendungen wie dynamische Tarife zu ermöglichen. Das ist eine Möglichkeit für Netzbetreiber, Kosten zu senken. Nur wenn ich weiß, was in meinem Netz passiert, kann ich Auslastung und Belastung abschätzen und mein Netz effizient und sicher steuern. Die Fristen hindern niemanden daran, schneller zu sein.
Sind Netzbetreiber ohne Smart Meter im neuen Energiesystem im Blindflug unterwegs und wissen nicht, wo welcher Stromverbrauch herkommt?
Ohne Smart Meter wissen Netzbetreiber auf jeden Fall zu wenig über den Betrieb. Deshalb haben sie ein hohes Eigeninteresse, ihr Netz so schnell wie möglich zu digitalisieren. Man sieht in den Zahlen auch, dass Netzbetreiber, die mehr als eine halbe Million Messstellen verantworten, mit ihren Einbauraten über den gesetzlichen Vorgaben liegen.
Im März haben Sie ein Verfahren gegen 77 Netzbetreiber wegen Versäumnissen beim Smart-Meter-Rollout eingeleitet. Diese haben die gesetzlich festgelegte Quote von 20 Prozent beim Pflichteinbau nicht erfüllt.
Wir haben den aktuellen Stand im vergangenen Jahr alle drei Monate abgefragt und transparent gemacht. Deshalb haben wir ein gutes Bild, wie sich der Einbau entwickelt: Einige Netzbetreiber haben die Quote übererfüllt. 77 Netzbetreiber hatten am 31. Dezember 2025 noch nicht einmal angefangen.
Wie kann das sein?
Das haben wir uns auch gefragt und eine Reihe nicht überzeugender Antworten bekommen: "Wir sind kurz davor" oder "Jetzt geht es wirklich los". Das ist nett, uns interessieren aber harte Zahlen. Wenn wir keinen Fortschritt sehen, zielen unsere weiteren Maßnahmen bei den Betroffenen klar auf ein Zwangsgeld ab. Daneben gibt es einen Schwung weiterer Netzbetreiber, die die Vorgabe verfehlt haben. 110 weitere Unternehmen haben inzwischen einen Brief bekommen.
Es ist schwer vorstellbar, dass die Vorgabe einfach ignoriert wurde.
Das Thema ist nicht vom Himmel gefallen. Das ist eine gesetzliche Grundlage. Wir leben in einem Rechtsstaat, sie gilt also für alle. Das hat niemanden überrascht. Und spätestens, wenn mir die zuständige Behörde ein Jahr lang auf die Finger schaut, weiß ich: Das wird Konsequenzen haben.
Aber es muss doch eine Ursache geben. Mangelt es an personeller Ausstattung? An technischer?
Es mag sicherlich Einzelfälle geben, bei denen der Rollout durch Personalwechsel oder einen Krankheitsfall verzögert wurde. Das finde ich nicht überzeugend, kann ich aber nachvollziehen. Es gibt sicherlich auch Netzbetreiber, die personell nicht entsprechend aufgestellt sind. Die hätten trotzdem einen Dienstleister beauftragen können. Sie müssen das nicht selbst machen. Fakt ist: Ein Großteil der Netzbetreiber hat die Vorgaben übererfüllt. Ein Großteil hat sie ordentlich erfüllt. Ein relevanter Teil hat sie verpasst. Einige wenige haben nicht einmal angefangen, weil sie sich schlicht zu spät um das Thema gekümmert haben. Das ist ein eigenes Versäumnis. Das wird sich die Bundesnetzagentur nicht gefallen lassen.
Gibt es hoffnungsvoll stimmende Rückmeldungen?
Es gab einige nette Anrufe. Mehrere Netzbetreiber haben sich bei uns gemeldet und gesagt: "Das ist alles irgendwie dumm gelaufen." Aber das wollen wir nicht mehr hören. Wir wollen wissen, wann die 77 Unternehmen ihre Pflicht erfüllt haben. Ehrlicherweise sind viele kleine Netzbetreiber betroffen. Der Aufwand ist für sie absolut gesehen gar nicht so groß, relativ gesehen womöglich schon: Das sind tatsächlich Unternehmen, in denen der Rollout häufig von Kolleginnen und Kollegen nebenbei betreut wird.
Das klingt nach Überforderung. Macht ein Zwangsgeld die Lage dann nicht eher schlimmer als besser?
Als die Frist für den Pflichteinbau vor zwei Jahren in Sichtweite kam, haben wir uns als Bundesnetzagentur bewusst gegen den Hammer entschieden und stattdessen alle Netzbetreiber frühzeitig informiert. Im vergangenen Jahr haben wir in jedem Quartal den aktuellen Stand abgefragt und veröffentlicht. Es gab also mindestens vier Haltelinien, um den Ausbau hochzurechnen und zu beschleunigen. Wir haben Rückfragen bekommen, ob Stadtwerk XY wirklich noch bei null Smart-Metern steht. Wir haben jedes pädagogische Instrument genutzt, um die Netzbetreiber darauf hinzuweisen, dass wir das Thema ernst nehmen. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Es geht nicht darum, möglichst viele Zwangsgelder einzusammeln, sondern möglichst viele Netzbetreiber zu motivieren, endlich zu liefern.
Was passiert, wenn der Rollout trotz Zwangsgeld nicht in Schwung kommt?
Das kann man steigern, bis es wirklich wehtut, aber das halte ich für unrealistisch. Es ist jedem verantwortlichen Vorstand unangenehm, wenn er seinen Aufsichtsgremien berichten muss: Wir haben einen Brief von der Bundesnetzagentur bekommen und müssen womöglich ein Zwangsgeld zahlen. Diese Netzbetreiber werden sich entweder am eigenen Schopf greifen, Hilfe von Dritten holen oder einfach einen Dienstleister beauftragen.
In den Ausbauzahlen sticht sofort ins Auge: Je größer das Netzgebiet, desto weiter fortgeschritten ist der Rollout. Muss man an dieser Stelle ansetzen?
Gewisse Größenvorteile sind beim Smart-Meter-Rollout nicht von der Hand zu weisen. Viele Unternehmen kennen das Prinzip der Skaleneffekte: Ab einer gewissen Größe kann man Digitalisierungsprozesse oder auch Hardwareprozesse ganz anders ausspielen. Aber das muss nicht zwangsläufig so sein. Es gibt auch kleinere Netzbetreiber, die sehr weit sind.
Die Stadtwerke Lübz zum Beispiel. Die haben die 100-prozentige Pflichtabdeckung als erster Messstellenbetreiber bereits Ende 2024 erreicht.
Was zeigt: Wenn man den Rollout gut plant und rechtzeitig damit anfängt, gelingt das auch als kleinerer oder mittlerer Netzbetreiber.
Mit Klaus Müller sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Klima-Labor" anhören.