Wirtschaft

"Exzellente Kommunikatorin" Lagarde erbt eine entzweite Zentralbank

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Christine Lagarde.

(Foto: REUTERS)

Mario Draghi hinterlässt seiner Nachfolgerin ein schwieriges Erbe. Die Geldpolitik ist am Limit, die Führung der Europäischen Zentralbank ist gespalten. Christine Lagarde hat viel zu tun.

Christine Lagarde war in ihrem Leben schon oft die Nummer eins: Erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds, erste französische Wirtschaftsministerin, erste Chefin der renommierten Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Nun wird die 63-Jährige die erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank. Nach der symbolischen Amtsübergabe am Montag nimmt sie heute offiziell ihr Amt auf. Der Französin eilt ein exzellenter, aber nicht tadelloser Ruf als Krisenmanagerin voraus.

"Zu wissen, wie man Decken durchbricht, ist wichtig", hat Lagarde einmal mit Blick auf die unsichtbaren Glasdecken gesagt, an die Frauen oft stoßen. "Zähne zusammenbeißen und lächeln" - dieses Motto hat ihr schon als 15-Jährige ihr Trainer bei der französischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen eingeimpft.

Nach ihrem Aufstieg in der US-Anwaltskanzlei Baker McKenzie ging Lagarde 2005 in die Politik, zunächst als Außenhandels-Staatssekretärin in Frankreich. Der konservative Präsident Nicolas Sarkozy beförderte sie 2007 zur Wirtschafts- und Finanzministerin, als erste Frau auf diesem mächtigen Posten. Ein Jahr später brach die globale Finanzkrise aus, die auch Frankreich schwer traf.

2011 wurde sie Generaldirektorin des IWF in Washington. Dort machte sie sich einen Ruf als Vorzeigechefin und gewiefte Taktikerin. Mit schweren Krisen war sie auch dort konfrontiert, etwa mit dem Drama um Griechenland: Die Griechen sollten endlich ihre Steuern zahlen, verlangte die stets elegant gekleidete Frau mit den silbernen Haaren 2012. Zugleich warb sie für einen Schuldenschnitt.

"Hätte viel schlimmer kommen können"

Eher unerfreulich ist die Rolle des IWF unter ihrer Führung in der argentinischen Schuldenkrise. Vergangenes Jahr gewährte der Fonds dem kriselnden Staat eine Rekordhilfe von 57 Milliarden Dollar - mit mäßigem Erfolg. Steigende Staatsschulden und Hyperinflation machen Argentinien weiter schwer zu schaffen. Am Wochenende wählten die Argentinier inmitten der Krise den wirtschaftsliberalen und IWF-nahen Präsidenten Mauricio Macri ab.

Im Juni gestand Lagarde ein, der IWF habe die Situation in dem südamerikanischen Land "unterschätzt". Zuletzt bestand sie aber darauf, dass es "viel schlimmer" hätte kommen können, wenn der Fonds nicht eingegriffen hätte.

Und einen weiteren Fleck gibt es im Lebenslauf der Französin: Im Dezember 2016 sprach sie ein Pariser Gericht schuldig, weil sie als Finanzministerin fahrlässig zur Veruntreuung französischer Staatsgelder in Höhe von 400 Millionen Euro beigetragen hatte. Das Gericht verzichtete in dem Fall um den Verkauf von Adidas durch den Geschäftsmann Bernard Tapie allerdings auf eine Strafe.

Geldpolitik wird locker bleiben

Lagarde hat im Gegensatz zu ihren Vorgängern keine nationale Zentralbank geleitet. Zudem ist sie keine Ökonomin, sondern Juristin. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Marcel Fratzscher, hält Lagarde dennoch für sehr qualifiziert. "Eine EZB-Präsidentin oder ein EZB-Präsident braucht vor allem drei Dinge: Er oder sie muss die Geldpolitik verstehen, die Politik zum Handeln drängen und gut kommunizieren können", sagte er n-tv.de. "Was die Geldpolitk angeht, hat Frau Lagarde sicherlich Aufholbedarf. Dafür hat sie als IWF-Chefin aber viel Erfahrung im Umgang mit Krisen und sie ist eine exzellente Kommunikatorin. Ihre große Stärke wird es sein, den Menschen zu erklären, was sie am Euro haben."

Eine radikale Kehrtwende zur bisherigen ultralockeren Geldpolitik der Frankfurter Zentralbank ist nicht zu erwarten. Der scheidende EZB-Chef Mario Draghi hinterlässt am Ende seiner achtjährigen Amtszeit zwar eine stärker zusammengeschweißte Währungsunion, aber auch eine in der Geldpolitik stark gespaltene Zentralbank. Auf eine Nachfolgerin kommt die schwierige Aufgabe zu, die Wogen zu glätten. "Die Wahl von Madame Lagarde war eine gute Entscheidung, denn offensichtlich werden nun diplomatische Fähigkeiten gebraucht, sowohl im Umgang innerhalb der EZB sowie auch im Umgang mit den Regierungen", sagt der ehemalige österreichische Notenbank-Gouverneur Ewald Nowotny.

Kritiker halten Draghi vor, abweichende Positionen häufig einfach weggewischt zu haben. Zudem habe er dazu geneigt, in öffentlichen Auftritten vor wichtigen geldpolitischen Entscheidungen starke Vorfestlegungen zu treffen. Dies habe Uneinigkeit unter den Euro-Wächtern geschürt, die bei ihren Zinstreffen traditionell stark auf Konsens abzielen.

Den größten Zwist gab es ausgerechnet auf Draghis vorletzter Zinssitzung im September. Damals griff die EZB noch einmal ganz tief in ihre Werkzeugkiste. Der EZB-Rat beschloss wegen der Konjunkturschwäche ein großes Maßnahmenpaket zur Stützung der Wirtschaft, wozu auch die Wiederaufnahme der billionschweren Anleihenkäufe zählte.

Allerdings scherte immerhin rund ein Drittel der Euro-Wächter aus und war gegen deren Neustart. "Mario ist bereit, mit 50 Prozent plus einer Stimme zu leben", sagt ein Notenbanker. "Christine muss dies ändern."

Lagarde will Streit beilegen

Nach seiner allerletzten Zinssitzung zu dem Streit befragt, sagte der EZB-Chef, dass es bei der Diskussion geldpolitischer Entscheidungen immer abweichende Meinungen gebe. Und häufig gelangten diese auch an die Öffentlichkeit. Aus Sicht von Draghis Verbündeten hätten auch mehr Gespräche innerhalb der EZB zu keinem anderen Ergebnis geführt.

In den Tagen nach den September-Beschlüssen hatten neben Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auch die Notenbankchefs Klaas Knot (Niederlande) und Francois Villeroy de Galhau (Frankreich) ihre Kritik an Teilen des Pakets öffentlich gemacht. Der Dissens war so stark, dass Villeroy de Galhau dann im Oktober eindringlich dazu aufrief, den Konflikt hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken.

Bereits im Juni hatte sich Unmut in der EZB-Spitze geregt, als Draghi in einer Rede an den Börsen die Erwartungen schürte, die Notenbank werde ihre Geldpolitik erneut kräftig lockern. Viele Zentralbanker fühlten sich damals überrumpelt. "Wenn man beginnt, vor einer Sitzung zu kommunizieren, fühlen sich andere in eine Ecke gedrängt und wollen sich dann selbst äußern", sagt der belgische Zentralbank-Chef Pierre Wunsch.

Beanstandet wurde auch Draghis Vorgehen, große Entscheidungen nur mit einem kleinen Zirkel von Beratern vorzubereiten und den EZB-Rat erst spät einzubeziehen. So wurden Vorschläge für das Stimulus-Paket im September erst am Morgen der Zinssitzung verteilt. Dies geschah zwar vor allem, um zu verhindern, dass Details vorab an die Öffentlichkeit gelangen. Kritikern zufolge schränkte dies zugleich aber den Raum für Diskussionen ein - zumal der endgültige Vorschlag ambitionierter war als von vielen erwartet.

Draghis Nachfolgerin Lagarde kündigte bereits an, den Zwist über die jüngsten Lockerungsschritte überwinden zu wollen. "Ich suche immer nach der gemeinsamen Basis, um die verschiedenen Meinungen zusammenzubringen", sagte sie dem "Spiegel". Ihr Vorschlag: "Wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, wie wir künftig wieder eine gemeinsame Linie finden können."

Besonders in Deutschland ist die lockere Zinspolitik wegen negativer Folgen für Sparer umstritten. Angeblich will Lagarde für ihren neuen Job nun auch Deutsch lernen.

Quelle: n-tv.de, jga/rts/AFP