Wirtschaft

Kommt neuer Corona-Schock? Lieferketten sind Achillesferse der Autobauer

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Die Abhängigkeit der Autobauer von Lieferungen aus China und anderswo wird zum Pandemie-Problem.

(Foto: picture alliance/dpa)

VW, Daimler und BMW trifft die Pandemie schwer: Weil wichtige Teile fehlen, stehen ihre Bänder still. Die Risiken in den Lieferketten sind zwar mittlerweile deutlich gesunken. Aber gebannt ist die Gefahr nicht.

Als das neuartige Corona-Virus sich im Frühjahr in Europa ausbreitet, herrscht für die deutschen Autobauer Alarmstufe Rot: Immer mehr Länder riegeln ihre Grenzen ab, verhängen Ausgangssperren und schicken ihre Wirtschaft in Vollbremsung. VW, Daimler, BMW und Co. trifft die Pandemie besonders hart. Lange bevor die Lungenseuche voll in Deutschland ankommt, stehen von Wolfsburg bis München die Bänder still.

Schon Mitte März, da gibt es im ganzen Land offiziell noch weniger als 10.000 bestätigte Corona-Fälle, müssen sie ihre Produktion drastisch drosseln oder Werke ganz schließen. Nicht nur aus Angst vor der Infektion ihrer Mitarbeiter. Sondern weil die Teile für die deutschen Fabriken aus der ganzen Welt kommen - und es im globalen Corona-Schock massive Nachschubprobleme gibt.

Die Lieferketten sind in der Pandemie die Achillesferse der deutschen Autoindustrie. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln hat daher analysiert, wie groß die Abhängigkeit vom Ausland und damit das Corona-Risiko im wichtigsten deutschen Wirtschaftszweig ist: "Neben dem Ausfall der Nachfrage spielten für die umfassenden Werksschließungen auch Störungen in der Wertschöpfungskette eine wichtige Rolle", heißt es in der Studie, die ntv.de exklusiv vorliegt.

Nachschub aus Corona-Hochrisikoländern

Um die Störungsanfälligkeit in den Lieferketten zu erfassen, hat das IW Köln die Zuliefererländer der deutschen Automobilindustrie (s. Grafik) nach ihrem jeweiligen Corona-Risiko in den letzten Wochen bewertet. Als hochriskante Gebiete gelten Herkunftsländer, in denen mindestens 0,1 Prozent der Bevölkerung erkrankt sind und die Zahl der Corona-Fälle innerhalb von zwei Wochen mindestens zehn Prozent ansteigt. Ist nur eines von beiden Kriterien erfüllt, geht das IW Köln von einem mittleren Risiko für die Lieferketten aus. Wenn keiner der beiden Schwellenwerte überschritten wird, ist es nur gering.

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Auf der Grundlage dieser Klassifikation gibt das IW Köln vorsichtige Entwarnung - zumindest vorläufig: "Die Restriktionen in den Wertschöpfungsketten sind nach wie vor nicht zu unterschätzen, haben sich aber deutlich entspannt." Denn während Anfang April noch rund 41 Prozent der Zulieferungen für die deutschen Autobauer aus Corona-Hochrisikogebieten stammten, kommen inzwischen nur noch etwa 9 Prozent der Vorleistungsimporte aus Ländern, in denen das Virus sich momentan stark ausbreitet. Die größten potentiellen Nachschubrisiken für die deutsche Autoindustrie schlummern demnach aktuell vor allem in den USA, Schweden, Großbritannien und Südamerika.

Die deutsche Autoindustrie hat also bei weitem nicht nur ein China-Problem. Die Volksrepublik war zwar beim Ausbruch der Pandemie die größte Sorge der Autoriesen. Weil die Infektionsraten im Reich der Mitte inzwischen aber deutlich zurückgegangen sind, gilt es inzwischen nur noch als mittleres Risiko. "Das Kernproblem war nicht, dass die Chinesen nicht geliefert hätten", sagt Studienautor Hubertus Bardt ntv.de. "Sondern dass die Grenzen in Europa dichtgemacht wurden. Allein wegen fehlendem Nachschub aus Fernost haben sie nicht die Bänder angehalten."

Autoriesen müssen vor neuem Corona-Schock zittern

Je mehr die Pandemie voranschreitet, desto mehr rücken deshalb andere Länder in den Fokus. Denn China ist zwar ein wichtiger Lieferant, vor allem für Elektronikkomponenten. Die wichtigsten Quellländer für Zulieferungen sind aber Tschechien, Frankreich, die USA, Italien und Spanien. Dort hat sich - bis auf die USA - die Lage zwar entspannt. Aber das kann sich schnell wieder ändern. Die Anfälligkeit der Lieferketten bleibt für die Autobranche also insgesamt ein großes Problem.

Nachdem sie den ersten Schock im März verdaut hatten, konzentrierten sich die Autobauer zunächst darauf, ihre Produktion überhaupt wieder hochzufahren. Viele hätten dabei so weit wie möglich nach alternativen Lieferanten gesucht, sagt Bardt. "Aber bei den komplexen Vorleistungen ist das meistens nicht möglich. Und für die langfristige Planung haben so kurzfristige Rettungsmaßnahmen keine große Bedeutung."

Mittelfristig könne die Pandemie aber durchaus für ein Nachdenken über alternative Lieferwege sorgen: "Die Hersteller müssen zwischen Kostenvorteilen und Versorgungssicherheit neu gewichten. Dabei wägen sie natürlich ab, wie sie sich durch Lagerhaltung oder Diversifizierung ihrer Zulieferer absichern können und was das Ganze kostet."

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass künftig wegen der Corona-Krise viel weniger aus dem Ausland zugeliefert wird. Denn die Frage ist, wie unabhängig sich die international aufgestellte Autoindustrie von einem Jahrhundertereignis wie einer globalen Pandemie wirklich machen kann. Bei einem nochmaligen Lockdown der gesamten Weltwirtschaft werden die bisherigen Sicherheitsvorkehrungen wohl nicht reichen: "Das Risiko eines zweiten Corona-Schocks ist damit nicht gebannt. Aber ich wüsste auch keine Maßnahme, die das wirklich verhindern könnte."

Die gesamte Wirtschaft, nicht nur die Autoindustrie, muss daher vor einer zweiten Virus-Welle zittern. Nicht nur, weil dann womöglich wieder keine Teile über die Grenzen kommen und die Bänder stillstehen. Sondern weil bei einem zweiten Wirtschafts-Crash künftig noch weniger Autos gekauft werden. Und die Autoriesen ihre Werke dann womöglich gleich ganz zusperren können.

Quelle: ntv.de