Wirtschaft

Konjunkturboom in der Autoindustrie Mauerfall als Abwrackprämie

Ein gigantisches Konjunkturprogramm sorgte mit dem Fall der Mauer für einen Boom in der Automobilindustrie. Über 4,1 Millionen Autos wurden neu zugelassen, selbst mit der Abwrackprämie konnte dieser Wert 2009 nicht übertroffen werden.

14833484.jpgFür die Automobilindustrie wirkte der Fall der Mauer vor 20 Jahren wie ein gigantisches Konjunkturprogramm. Als die Ostdeutschen die ersehnte D-Mark in den Taschen hatten, kauften sie sich Gebrauchtwagen westlicher Marken und ließen ihre oft erst nach jahrelanger Wartezeit erstandenen Trabis und Wartburgs aus heimischer Produktion stehen. Für viele Westdeutsche war das eine willkommene Gelegenheit, in die Jahre gekommene Fahrzeuge an die noch unerfahrenen Käufer aus dem Osten loszuschlagen und sich selbst einen neuen Wagen zuzulegen. Die Pkw-Neuzulassungen kletterten im Jahr nach der Wende bundesweit auf über 4,1 Millionen Einheiten - ein Wert, der bis heute einmalig ist.

Selbst 2009 - dem Jahr der Abwrackprämie - wird dieser Verkaufsrekord wohl nicht gebrochen. Branchenschätzungen gehen von bis zu 3,8 Millionen Neuregistrierungen aus, bevor der deutsche Pkw-Markt 2010 wegen dann fehlender staatlicher Anreize wieder in den Keller rauschen wird.

Comeback der "Rennpappe"

Der Trabi ist heute noch Sammlerobjekt oder Fortbewegungsmittel von DDR-Nostalgikern. Der Autozulieferer und einstige Trabant-Hersteller Sachsenring ging vor sieben Jahren Pleite. Ein Comeback könnte die "Rennpappe" allerdings als umweltfreundliches Elektroauto feiern, wenn Pläne des sächsischen Spezialfahrzeugherstellers IndiKar realisiert werden. Experten bezweifeln aber, dass sich dafür Investoren finden lassen.

Längst fahren die Ostdeutschen lieber aktuelle Neuwagen. Ihre Vorliebe für kleinere Fahrzeuge ist aber geblieben. Die Kleinwagen stammen oft von Importeuren, weshalb die in den neuen Bundesländern stärker von der staatlichen Prämie profitieren als die heimische Konkurrenz. Während die Neuzulassungen von Januar bis September bundesweit um 26 Prozent kletterten, lag der Zuwachs in Ostdeutschland nach Angaben des Verbandes VDIK bei 52 Prozent.

Investitionen in Ostdeutschland

Alle großen Autobauer und ihre Lieferanten haben nach 1990 kräftig in Ostdeutschland investiert. Angelockt durch Subventionen, niedrige Löhne und gut ausgebildete Fachkräfte aus der untergegangenen DDR-Automobilindustrie wurden moderne Fabriken hochgezogen. BMW fertigt in Leipzig das kleine 1er-Modell und bei Bedarf die 3er-Limousine. Vor kurzem ist dort auch die Produktion des kleinen Geländewagens X1 angelaufen.

Porsche lässt in Leipzig den Geländewagen Cayenne aus Teilen zusammenbauen, die im VW-Werk in der Slowakei gefertigt werden. Auch der viertürige Porsche-Panamera läuft im Leipzig vom Band.

Viele neue Werke

4015262.jpgOpel baut den Kleinwagen Corsa in Eisenach. Das als besonders modern geltende Werk hatte der langjährige Opel-Mutterkonzern GM eigentlich abstoßen wollen, fand aber keinen Käufer. Rivale VW produziert gleich an mehreren ostdeutschen Standorten: in Zwickau die Modelle Golf und Passat, in der gläsernen Manufaktur in Dresden den Luxuswagen Phaeton und in Chemnitz Motoren.

Mercedes-Benz fertigt Motoren im thüringischen Kölleda, in Ludwigsfelde entsteht zudem der Transporter Sprinter. Nahe Dresden zieht Daimler zusammen mit dem Industriekonzern Evonik die Produktion von Lithium-Ionen-Batterien für Elektroautos hoch.

Kapazitätsabbau befürchtet

In den ostdeutschen Autofabriken arbeiteten zuletzt gut 57.000 Menschen. Rechnet man die zahlreichen Zulieferer hinzu, sind es rund 87.000. Bundesweit beschäftigen die Autobauer laut VDA direkt etwa 800.000 Menschen. Die Automobilproduktion verzehnfachte sich im Osten seit der Wende fast - von etwa 65.000 im Jahr 1991 auf 615.000 Einheiten Ende vergangenes Jahr, elf Prozent der Pkw-Inlandsproduktion. Insgesamt rollten 2008 mehr als 5,5 Millionen Pkw aus deutschen Fabrikhallen.

Weitere Fabriken werden aber wohl nicht entstehen, da die Autonachfrage auf absehbare Zeit schwach bleiben wird und die Wachstumsmärkte inzwischen woanders liegen. Experten rechnen daher hierzulande mit Kapazitätsabbau. "Es ist zu befürchten, dass die Kleinwagenproduktion aus Deutschland abgezogen wird", sagte Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft an der Uni Nürtingen-Geislingen.

Quelle: ntv.de, Jan Christoph Schwartz, rts