Wirtschaft

Edelmetalle außer Rand und BandNach Gold und Silber startet jetzt die Jagd auf Kupfer

29.01.2026, 15:12 Uhr IMG_4708Von Juliane Kipper
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Das Industriemetall Kupfer ist unverzichtbar für die Elektrifizierung des Automobilverkehrs und die Energieversorgung. (Foto: picture alliance/dpa)

Kupfer steigt auf Rekordwerte: Angebotsausfälle, leere Lager und der Hunger von Energiewende und KI treiben die Preise. Experten sehen keinen kurzfristigen Hype, sondern einen strukturellen Wandel. Warum Kupfer zum strategischen Schlüsselrohstoff der nächsten Dekade wird.

Die Rally bei den Edelmetallpreisen scheint kaum zu bremsen. Doch nicht nur Gold und Silber jagen von einem Rekordhoch zum nächsten. Die aktuell hohe Nachfrage nach physischen Vermögenswerten lässt auch noch ein anderes Edelmetall abheben: An der Londoner Metallbörse steigt der Preis für Kupfer um knapp acht Prozent auf den Rekordwert von 14.125 Dollar je Tonne. "Der extrem starke Preisauftrieb bei Gold hat dazu geführt, dass Anleger auf andere Metalle ausweichen. Kupfer wird dadurch teilweise, wie ein 'Ersatzzufluchtsmetall' gehandelt, obwohl es eigentlich ein Industriemetall ist", sagt Rohstoffexperte Nils Müller von der HCOB Bank auf Anfrage von ntv.de.

Darüber hinaus treffen am Kupfermarkt derzeit außergewöhnliche Angebots- und Nachfragefaktoren aufeinander. "Aktuell sehen wir im Kupfermarkt eine seltene Kombination aus angebotsseitigen Schocks und einem strukturellen Nachfragehunger", sagt Eckhard Schulte, Vorstandschef und Leiter Portfoliomanagement MainSky Asset Management, auf Anfrage von ntv.de. Seiner Einschätzung zufolge sind die jüngsten Kurssprünge kein reines Spekulationsphänomen. Er verweist etwa auf massive Produktionsausfälle durch ein schweres Unglück in der indonesischen Grasberg-Mine. Diese habe dem Markt im Herbst 2025 kurzfristig fast 600.000 Tonnen entzogen. "Treffen dann noch spekulative Käufe auf leere Lagerhäuser in Europa, wirkt das wie ein Brandbeschleuniger", sagt er.

Das Industriemetall Kupfer gilt als unverzichtbar für die Elektrifizierung des Automobilverkehrs und die Energieversorgung. Es ist unter anderem für die Herstellung von Windturbinen, Solarzellen, Elektroautos und Stromnetzen unerlässlich – auch deswegen, weil es kaum ersetzbar ist. Alternativen wie Aluminium können nur eingeschränkt genutzt werden. Für den Rohstoff-Experten und Fondsmanager Joachim Berlenbach ist Kupfer deswegen auch "das neue Öl der Energiewende". Für ihn steht Kupfer gerade im Zentrum eines tiefgreifenden strukturellen Wandels der Weltwirtschaft. Seiner Einschätzung zufolge entwickelt es sich derzeit vom klassischen Industriemetall zu einem strategischen Rohstoff. "Die aktuellen hohen Preise sind kein zyklisches Phänomen und keine spekulative Übertreibung, sondern Ausdruck einer langfristigen Angebots-Nachfrage-Schieflage", sagt Berlenbach auf Anfrage von ntv.de.

Dass der Kupferpreis im Windschatten der anderen Edelmetalle steigt, ist laut Schulte kein Zufall. Rohstoffe profitierten von der aktuellen Flucht in Sachwerte und einem schwächelnden US-Dollar. Ein schwacher Dollar macht Rohstoffe für Anleger mit anderen Währungen erschwinglicher und kurbelt dadurch die Nachfrage an. Die Weltleitwährung hat seit Jahresbeginn kräftig an Wert verloren. Gegenüber einem Währungskorb aus anderen wichtigen Währungen – darunter der Euro, der japanische Yen und der Schweizer Franken – fiel er zeitweise auf den tiefsten Stand seit vier Jahren. In Zeiten eines schwachen Dollars und geopolitischer Unsicherheiten übernimmt Kupfer Berlenbach zufolge jetzt eine neue Aufgabe: "Es ist kein klassischer sicherer Hafen wie Gold, entwickelt aber Safe-Haven-Eigenschaften durch seine reale, physische Knappheit in einer wachsenden und sich transformierenden Weltwirtschaft."

Das sieht der Vorstandschef von MainSky Asset Management Schulte ähnlich: "Kupfer nimmt momentan eine Zwitterrolle ein", sagt er. Einerseits werde es als "sicherer Hafen" gegen Inflation und Währungsabwertung wie ein Edelmetall angelaufen. Andererseits treibe die physische industrielle Nachfrage zum Beispiel von KI-Rechenzentren und aus der Robotik den Preis fundamentaler als bei Gold. "Der Kupferpreis hat deshalb ein massives Nachholpotenzial. Während Gold nur glänzt, arbeitet Kupfer", sagt Schulte.

Beim Ausbau von Rechenzentren ist zudem laut Nils Müller von der HCOB Bank unklar, wie hoch der tatsächliche Kupferbedarf ausfallen wird. "Diese Unsicherheit nährt zusätzliche Spekulationen am Markt, da Anleger versuchen, zukünftigen Bedarf vorwegzunehmen und sich frühzeitig in Kupfer zu positionieren", sagt der Rohstoffexperte auf Anfrage von ntv.de.

Im vergangenen Jahr hat sich das Industriemetall um mehr als 30 Prozent auf rund 11.700 Dollar je Tonne verteuert. Berlenbach hält kurzfristige Korrekturen durchaus für möglich. "Doch langfristig erscheinen die heutigen Preise weniger als Spitze, sondern eher als neues strukturelles Gleichgewicht – möglicherweise sogar als Untergrenze." Die aktuellen Rahmenbedingungen definieren Kupfer seiner Einschätzung zufolge "als einen der überzeugendsten strukturell bullischen Rohstoffmärkte der kommenden Dekade."

Während Schulte das aktuelle Preisniveau als fundamental besser untermauert sieht als in früheren Zyklen, halten es die Rohstoffanalysten der Commerzbank kurzfristig für eine Übertreibung. Ihrer Einschätzung nach deutet vieles darauf hin, dass der aktuelle Preisanstieg zuletzt durch spekulative Positionen getrieben wurde.

"Auf mehrere Jahre gesehen spricht allerdings viel dafür, dass der Kupferpreis weiter steigen könnte", sagt Volker Baur, Analyst für Währungen und Rohstoffe bei der Commerzbank, auf Anfrage von ntv.de. Das Jahr 2025 sei zwar noch mit einem Überschuss zu Ende gegangen, es sei mehr produziert als verbraucht worden. "Das könnte sich aber bereits 2026 ändern. Es wird erwartet, dass das Kupferdefizit ab diesem Jahr in den kommenden Jahren weiter steigen wird", sagt Baur. Er verweist auf die Schätzungen eines großen Bergbauunternehmens. Dieses gehe davon aus, dass 2035 nur 70 Prozent der erwarteten Kupfernachfrage gedeckt sein werde. "Das bedeutet: Der Preis wird weiter steigen müssen, um entweder die Nachfrage zu mindern oder das Angebot zu steigern", sagt Baur.

Allerdings: Neue Minenprojekte brauchen oft eine sehr lange Vorlaufzeit. Nicht selten dauert es zehn bis 15 Jahre bis zur ersten Tonne Kupfer. Hinzu kommt, dass rund 40 Prozent der weltweiten Förderung an Chile und Peru hängen. "Dort führen Streiks, sinkende Erzgehalte in alternden Minen und regulatorische Hürden dazu, dass das Angebot mit dem Tempo der Nachfrage schlicht nicht mithalten kann", sagt Schulte.

Quelle: ntv.de

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