Neue Champions im AufwindSechs Grafiken zeigen Aufstieg, Fall und Zukunft der Autoindustrie
Von Laura Stresing
Kein Industriezweig verliert derzeit schneller Arbeitsplätze als die deutsche Autobranche. Von ntv.de zusammengetragene Daten und Grafiken zeigen, wie es dazu kam, welche Regionen besonders stark betroffen sind - und wie es für die Industrie nun weitergehen kann.
Gewinneinbrüche, Stellenabbau, Sparmaßnahmen und Pleitewellen bei Zulieferern: Die Autoindustrie bleibt ein Sorgenkind der deutschen Wirtschaft. Dabei lief es in der Branche vor nicht allzu langer Zeit noch richtig gut, wie Wirtschaftsdaten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Nach der Corona-Pandemie stiegen die Umsätze sogar im Rekordtempo. Erst seit Anfang 2024 geht es mit den Einnahmen bergab, gefolgt von einem massiven Stellenabbau.
In den Monatsberichten des Verarbeitenden Gewerbes lässt sich der Aufstieg und Fall von Deutschlands wichtigstem Wirtschaftszweig gut nachzeichnen. Beschäftigtenzahlen und Umsätze verraten aber auch, wo die Reise für deutsche Industriebetriebe hingeht. Dass die Industrie einen Transformationsprozess erlebt, ist offensichtlich. Der Verbrennermotor verliert an Bedeutung - und mit ihm all die Produktions- und Wartungsjobs, die damit verbunden sind.
Seit 2019 ist die Zahl der Beschäftigten in den produktionsnahen Betrieben der Autoindustrie massiv gesunken. Innerhalb von nur sechs Jahren ist in dieser Branche jeder siebte Arbeitsplatz weggefallen, hat das Beratungsunternehmen EY errechnet. Allein im vergangenen Jahr gingen etwa 6,5 Prozent der Stellen verloren, mehr als in jedem anderen Wirtschaftszweig des Verarbeitenden Gewerbes. Konkret bedeutet das fast 50.000 Fertigungsjobs weniger.
Trotzdem: Nach wie vor ist der Fahrzeugbau einer der bedeutendsten und größten Industriezweige Deutschlands. Nur im Maschinenbau sind mehr Menschen beschäftigt. Die Autoindustrie erzeugt aber mehr Umsatz - und das mit großem Abstand.
Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass die Umsätze im Inland sogar weitgehend stabil sind. Nur die Auslandsumsätze sind sichtlich eingebrochen. Das deckt sich mit anderen Marktdaten wie Zulassungs- und Absatzzahlen. Demnach halten deutsche Käuferinnen und Käufer den heimischen Marken zwar weiterhin die Treue. International jedoch geraten die deutschen Autobauer immer mehr ins Hintertreffen.
"Die weltweiten Absatzzahlen der deutschen Autokonzerne bleiben deutlich unter den Höchstständen der Vor-Corona-Zeit, zudem schwächelt der Export aus Deutschland in wichtige ausländische Märkte wie China und den USA", sagt EY-Analyst Jan Brorhilker. "Dass der Hochlauf der Elektromobilität deutlich länger braucht als vor wenigen Jahren noch erwartet, sorgt für zusätzliche Belastungen. Nicht alle Unternehmen halten diesem Druck stand - viele müssen aufgeben."
Am härtesten trifft es derzeit die Zulieferer. Die Zahl der Insolvenzen in der Branche steigt - und eine Besserung sei nicht in Sicht, warnt der Experte. Unterdessen verlagern große Unternehmen ihre Arbeitsplätze in Produktion und Entwicklung zunehmend ins Ausland.
Gerade in Regionen, in denen die Autoindustrie eine sehr wichtige Rolle spiele, seien die Auswirkungen bereits spürbar: "Die Arbeitslosigkeit steigt, Perspektiven für Schul- und Hochschulabsolventen trüben sich ein, Steuereinnahmen sinken massiv", sagt Brorhilker. "Die langfristigen und strukturellen Auswirkungen der aktuellen Autokrise werden immer deutlicher sichtbar."
Eine Aufstellung der Bundesagentur für Arbeit für ntv.de zeigt, in welchen Regionen besonders viele Arbeitsplätze von der Autoindustrie abhängen. Demnach sind in den großen Automobilzentren in Bayern oder Niedersachsen zum Teil mehr als 20 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Kfz-Produktion tätig. Spitzenreiter ist die VW-Stadt Wolfsburg. Dort liegt der Anteil bei fast 36 Prozent, 2019 waren es mit 42 Prozent sogar noch deutlich mehr.
Vor allem in Baden-Württemberg, Bayern und dem Saarland lassen sich weitere Cluster ausmachen, in denen überdurchschnittlich viele Menschen mit der Fertigung von Autoteilen beschäftigt sind. Im Vergleich zu 2019 hat ihr Anteil jedoch vielerorts abgenommen. Brandenburg ist die große Ausnahme: Seit der Eröffnung des Tesla-Werks in Grünheide im Jahr 2022 ist die Beschäftigtenzahl in der Autoindustrie dort entgegen dem Trend stark gestiegen.
Neue Jobs entstehen vor allem dort, wo in E-Motoren und Batterietechnik investiert wird. Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes hat die Beschäftigung in diesem Bereich zwischen Dezember 2024 und 2025 um mehr als 28 Prozent zugelegt. Andere Kfz-Komponenten sind offensichtlich weniger gefragt.
Interessant ist außerdem ein genauerer Blick auf den Stellenaufbau im Wirtschaftsbereich "Sonstiger Fahrzeugbau", der immerhin um 1,8 Prozent zugelegt hat. Dahinter stecken unter anderem Unternehmen aus dem Bereich Luft- und Raumfahrttechnik, die 0,7 Prozent mehr Personal eingestellt haben. Im nicht zivilen Schiffsbau liegt der Beschäftigungszuwachs sogar bei fünf Prozent.
Und dann gibt es noch den Wirtschaftszweig mit der Kennziffer WZ 30.4 "Herstellung von militärischen Kampffahrzeugen", also Panzern. Die Beschäftigten- und Umsatzzahlen der Branche hält das Statistische Bundesamt zwar geheim. In den Quartalsberichten der Arbeitsagentur lässt sich aber zumindest die bundesweite Beschäftigungsentwicklung der letzten Jahre nachzeichnen.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist ziemlich eindeutig: Die Welt rüstet auf - und Deutschlands Industrie stellt sich darauf ein. Die verlorenen Jobs aus der Autoindustrie kann das längst nicht abfangen - sowohl Beschäftigungsniveau als auch Wirtschaftskraft sind kaum vergleichbar. Laut den Zahlen der Arbeitsagentur beschäftigten die Unternehmen, die Panzer oder Waffen und Munition herstellen, weniger als 20.000 Menschen in sozialversicherungspflichtigen Jobs. Zur Erinnerung: Mehr als doppelt so viele Stellen hat die Autoindustrie im letzten Jahr verloren.
Manche Experten halten es für zwar durchaus möglich, dass Unternehmen, die sich bisher auf Autoteile spezialisiert haben, in der Rüstungsindustrie Anschluss finden. Anderen gelingt womöglich die Umstellung auf den E-Motor als Plan B. Ganz sicher aber braucht es starke Konjunkturimpulse, um den Stellenabbau in der Industrie zu bremsen. Einen ersten Hoffnungsschimmer liefern die Auftragsbücher im Gewerbe, die sich im letzten Quartal schon wieder merklich füllten.