Wirtschaft

Vertreibt der Ausstieg die Industrie? RWE-Chef schlägt Alarm

RTR2HK9W.jpg

Ortstermin im August 2010: Die Bundeskanzlerin besichtigt im Rahmen einer "Energiereise" die Steuerzentrale des AKW Lingen.

(Foto: REUTERS)

Der Chef des deutschen AKW-Betreibers RWE kann sich mit der energiepolitischen Kehrtwende in Deutschland nicht abfinden: Mit großer Sorge blickt Jürgen Großmann auf den Aktienkurs und warnt vor Stromausfällen. "Die Gefahr ist real", sagt der RWE-Chef. Der Kanzlerin schlägt er ein Hintertürchen zum Wiedereinstieg vor.

RTR2J11T.jpg

Sitzt plötzlich auf Kraftwerken ohne Zukunft: Energie-Unternehmer Jürgen Großmann.

(Foto: REUTERS)

Die Kehrtwende in der deutschen Energiepolitik stößt in der Branche der Energieerzeuger auf massiven Widerstand. RWE-Chef Jürgen Großmann verschärft im Streit um einen beschleunigten Atomausstieg den Tonfall. Großmann warnte vor schwerwiegenden Folgen des Ausstiegs für die gesamte deutsche Wirtschaft. Dem Land drohe eine De-Industrialisierung. "Wenn die Politik weiter so konsequent die Zerstückelung der industriellen Energieerzeugung betreibt, werden wir bald auf ganze Industriezweige verzichten müssen", sagte Großmann in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

"Konzerne wie BASF oder ThyssenKrupp wird es dann hier nicht mehr geben", beschrieb Großmann seine Befürchtungen. Auch die eigene Branche gerate zunehmend unter Druck. "Der Wertverlust unserer Aktie macht mir Sorge. Die Gefahr einer feindlichen Übernahme wächst." Zumal der Konsolidierungsdruck in Europa weiter steige.

"Schaffen wir den Ausstieg wirklich"?

Derweil wachse das Risiko von Stromausfällen in Deutschland. "Die Gefahr ist real", sagte Großmann und rief die Bundesregierung auf, eine Möglichkeit zur nachträglichen Anpassung der Ausstiegsbeschlüsse zu schaffen. "Warum soll nicht 2018 oder 2019 überprüft werden, ob wir mit der geplanten Wende im richtigen Korridor sind?" Aus den Reihen der Opposition war die Bundesregierung wiederholt vor einer solchen Aufweichung des Ausstiegsbeschlusses gewarnt worden.

23542634.jpg

Rund sieben Monate vor Fukushima: Hier konnte der RWE-Chef (links) nicht ahnen, dass Merkel das Risiko der Kernenergie bald ganz anders bewerten würde.

(Foto: picture alliance / dpa)

"Schaffen wir den Ausstieg 2022 wirklich?", formulierte Großmann als Kernfrage. Als Unternehmer seien es Worte wie "alternativlos" oder "unumkehrbar", die ihm Sorgen machten. Mit seinen Warnungen vor den Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland erhöht Großmann den Druck auf Bundeskanzlerin Angela Merkel. In ihrer Regierungserklärung zum Ausstieg hatte Merkel eingestanden, dass Deutschland mit dem Ausstieg vor großen Herausforderungen steht. "Es handelt sich um eine Herkulesaufgabe. Ohne Wenn und Aber", sagte die CDU-Chefin im Bundestag.

Angesichts der Details des Vorgehens kündigte Großmann neue Klagen gegen die Ausstiegspläne an."Die Brennelementesteuer ist aus verfassungsrechtlicher und EU-rechtlicher Sicht bedenklich und angreifbar", sagte er der "Süddeutschen Zeitung". "Es sprechen deutlich mehr Gründe für eine Klage als dagegen. Auch Schadenersatzforderungen seien möglich, denn dem Konzern entgingen Milliardeneinnahmen.

Acht Kernkraftwerke sollen sofort stillgelegt werden. Die anderen neun Anlagen sollen schrittweise von 2015 bis Ende 2022 vom Netz gehen. Bisher hatte Atomstrom einen Anteil von rund 22 Prozent an der deutschen Stromproduktion. Die Regierung will bis 2020 einen Ökostromanteil von 35 Prozent und bis 2050 von 80 Prozent erreichen. Der Stromverbrauch soll bis 2020 um 10 Prozent gesenkt werden. "Wir können als erstes Industrieland der Welt die Wende zum Zukunftsstrom schaffen", hatte Bundeskanzlerin Merkel im Bundestag erklärt.

Weit entfernt von der deutschen Debatte halten zahlreiche andere Staaten weiter an der Kernenergie fest - darunter Nachbarland Frankreich ebenso wie die USA und eine Reihe aufstrebende Schwellenländer wie Russland, Indien, China oder Brasilien. Umweltschützer stoßen sich derzeit vor allem an der indirekten Beteiligung Deutschlands am Bau des Kernkraftwerks "Angra 3" in Brasilien.

Proteste vor der deutschen Botschaft

Das Land verfügt bislang nur über zwei atomar befeuerte Kraftwerke, plant aber am Standort Angra unweit der Millionenmetropole einen dritten Meiler. Dafür hatte Deutschland eine Exportbürgerschaft in Aussicht gestellt, die derzeit im Bundeswirtschaftsministerium überprüft wird. Brasilien deckt weit mehr als 80 Prozent seines Strombedarfs aus Wasserkraft. Die beiden Akw in Angra dos Reis, rund 150 Kilometer westlich der 6-Millionen-Stadt Rio, steuern nur rund 1 Prozent bei. Anders als in Deutschland oder Frankreich wäre ein Ausstieg aus der Kernenergie wohl bei weitem einfacher umzusetzen.

RTR2NG7W.jpg

Protestaktion in Brasilia: Was in Deutschland zu unsicher ist, kann anderswo kaum sicherer sein.

(Foto: REUTERS)

Mitte der Woche hatten Greenpeace-Aktivisten vor der deutschen Botschaft in der brasilianischen Hauptstadt Brasilia gegen diese Bürgschaft protestiert. Auf Transparenten forderten sie in deutscher und portugiesischer Sprache: "Kein Geld für Atomprojekte in Brasilien, Frau Merkel". Greenpeace verlangt gemeinsam mit der Umweltschutzorganisation Urgewald von der Bundeskanzlerin, die Zusage für eine Hermesbürgschaft im Umfang von 1,3 Mrd. Euro umgehend zurückzuziehen und Förderungen für deutsche Atomexporte zu verhindern.

"In Deutschland aus der Atomkraft auszusteigen und gleichzeitig in anderen Ländern  hochgefährliche Atomkraftwerke  zu unterstützen, ist doppelzüngig", erklärte ein Greenpeace-Sprecher. "Die Bundesregierung muss jetzt umgehend aus der wirtschaftlichen Förderung von Nuklearexporten weltweit aussteigen. Reaktoren, die in Deutschland aus Sicherheitsgründen abgeschaltet werden, dürfen nicht in anderen Ländern mit deutscher Hilfe neu entstehen."

RTR2JW5U.jpg

An der Küste des Südatlantik: Die Nuklearanlagen am Standort Angra dos Reis.

(Foto: REUTERS)

Der für "Angra 3" vorgesehene Reaktortyp stammt laut Greenpeace aus Planungen der Jahre 1970 bis 1975. Anlagen dieser Bauart wolle die schwarz-gelbe Bundesregierung in Deutschland abschalten, da sie den erforderlichen Sicherheitsstandards nicht genügen, hieß es.

"Angra 3" werde nicht gegen Einwirkungen von außen wie beispielsweise Flugzeugabstürze gesichert sein. Das AKW solle zudem "an einem erdbebengefährdeten Standort in einem Land mit niedrigen Sicherheitsstandards und ohne unabhängige Atomaufsicht zum Einsatz kommen". Auch für die Endlagerung der nuklearen Abfälle gebe es in Brasilien keine sichere Lösung, teilten die Umweltschützer mit.

Quelle: n-tv.de, mmo/dpa

Mehr zum Thema
23.04.09
23.04.09