Wirtschaft

Trump: "Sie fördern fast nichts"So groß ist der schlummernde Ölschatz Venezuelas

07.01.2026, 10:25 Uhr
imageVon Lukas Wessling
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Blick-aus-dem-Viertel-El-Faro-auf-die-Raffinerie-El-Palito-der-venezolanischen-staatlichen-Erdoelgesellschaft-PDVSA
Im Vergleich zu den USA macht Venezuela fast nichts aus seinem Ölreichtum. (Foto: picture alliance/dpa)

Nach der Entführung von Diktator Maduro verspricht Präsident Trump, das Geld werde aus dem Boden Venezuelas sprudeln. Wie groß sind die Ölvorkommen, wie viel wird tatsächlich produziert? Eine Annäherung in Zahlen.

"Angesichts dessen, was sie fördern könnten, fördern sie fast nichts." Das sagte US-Präsident Donald Trump nach gut fünf Minuten seines Berichts über die Ergreifung von Nicolás Maduro. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion entführten US-Spezialkräfte den venezolanischen Diktator. Es war der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die die USA seit Monaten unter dem Banner des "Kampfs gegen den Drogenterrorismus" führen. Trump aber ließ schnell erkennen, dass es bei dem Einsatz am Wochenende um mehr ging. Die USA würden Venezuela ab sofort kontrollieren, kündigte er an. Ein Teil seiner Begründung dessen: Das venezolanische Ölgeschäft sei seit langem "völliger Mist".

Trump hat damit nicht unrecht. Venezuela macht wenig aus seinem Ölreichtum. Das südamerikanische Land verfügt zwar über die größten bekannten Erdölvorkommen weltweit. Sie sollen ein Fünftel der weltweit bekannten Reserven ausmachen. Aber es exportiert kaum etwas davon.

Konkrete Angaben über Ölreserven sind allerdings unsicher. Die Vorkommen liegen tief in der Erde und müssen auf Grundlage geologischer Daten und Probebohrungen geschätzt werden. Selbst die Angabe sogenannter bekannter Reserven basiert auf Annahmen, die sich ständig ändern.

Wenig strittig ist: Venezuela sitzt auf enormen Ölvorkommen. Laut dem Jahresenergiebericht des Öl-Riesen BP überstieg Venezuelas Ölreichtum 2022 den russischen um das Dreifache, den US-amerikanischen sogar um das Viereinhalbfache. Nur Saudi-Arabien spielt demnach in einer Liga mit Venezuela.

Nach aktuellen Kenntnissen schlummern mehr als 40 Milliarden Tonnen förderbares Öl unter der venezolanischen Erde. Die größten venezolanischen Ölreserven lagern im Orinoco-Gürtel im Süden des Landes. Dort liegt eine der weltweit größten Schwerölansammlungen - zähflüssiges, teerähnliches Erdöl in 150 bis 1.400 Metern Tiefe, gebunden in Ölsand.

Von 2007 bis 2011 verdreifachte sich das Volumen der bekannten venezolanischen Reserven, die das Öl-Kartell OPEC anerkannte. Der Grund? Die Vorkommen im Orinocco-Gürtel. Nicht, weil die zuvor unbekannt gewesen wären. Steigende Energiepreise und technologische Entwicklungen aber führten zu einer Neubewertung der dortigen Reserven: Der Ölsand schien dank neuer Technik erreichbarer, der immer noch immense Förderaufwand dank hoher Ölpreise auf einmal lohnend.

Laut dem geologischen Dienst der USA ist rund die Hälfte der Reserven im Orinocco-Gürtel technisch förderbar, wirtschaftlich nutzbar etwa die Hälfte. Die Förderung ist aufwendig: Spezialpumpen befördern das Öl an die Oberfläche, wo es für den Transport verflüssigt wird. Die Verarbeitung ist wegen des hohen Schwefelgehalts kompliziert. Venezuela fehlen dafür Expertise und das nötige Geld.

Hier kommt die US-amerikanische Industrie ins Spiel. So zumindest stellt Trump sich das vor: "Unsere sehr großen Ölfirmen werden reingehen, Milliarden Dollar investieren, die kaputte Infrastruktur reparieren und beginnen, Geld zu verdienen für das Land." Sollte Venezuela sich gegen diese Art der Entwicklungshilfe wehren, sei man zu einer zweiten, massiveren Angriffswelle bereit. Ölproduktion.

Die venezolanische Bevölkerung hat bisher tatsächlich wenig vom Ölreichtum ihres Landes. Laut UN lebten 2024 vier von fünf Menschen dort in Armut, die Hälfte in schwerer Armut. Millionen sind geflohen. Ein Grund: Öl ist mit Abstand die wichtigste Einnahmequelle Venezuelas. Die Fördermengen aber sind in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Aufgrund von Misswirtschaft und Korruption sanken sie von ihrem Rekordniveau im Jahr 1970 auf ein gutes Sechstel dessen im Jahr 2021. Im gleichen Zeitraum verzwanzigfachte sich aber das Volumen der bekannten Ölvorkommen.

"Interesse an Einstieg ist gering"

Für das Jahr 2024 notiert das Fachmagazin "Oil & Gas Journal" bekannte venezolanische Reserven von rund 303 Milliarden Barrel. Demgegenüber steht eine Produktion von nicht einmal einer Million Barrel pro Tag. Die USA produzieren mehr als 20 Millionen Barrel pro Tag - bei einer bekannten Reserve von knapp 59 Milliarden Barrel. Das macht sie zum weltweit größten Ölförderer und zum Selbstversorger. Während die USA jeden Tag rund 343 Millionstel des ihnen bekannten Ölvorkommens aus der Erde ziehen, sind es bei Venezuela nur zwei Millionstel. Oder um es in den Worten Donald Trumps zu sagen: "Angesichts dessen, was sie fördern könnten, fördern sie fast nichts."

Es ist wenig verwunderlich, dass dieses Auseinanderklaffen von Potenzial und Realität Begehrlichkeiten lockt. Zumal die USA lange der beste Kunde Venezuelas waren: Ab 1970 ziehen die US-Importe venezolanischen Öls stark an. In den 1990er-Jahren erreichen sie ihren Höhepunkt mit bis zu anderthalb Millionen Barrel pro Tag. Venezuela gehört nun zu den wichtigsten Lieferanten der USA. Ab den 2000ern aber kippt der Trend: Die importierten Mengen gehen zurück. Erst langsam, dann immer schneller. Ab 2019 kommt der Ölhandel fast vollständig zum Erliegen.

Dabei spielen mehrere Faktoren zusammen. Die USA fördern seit den 2000ern immer mehr eigenes Öl und brauchen weniger Importe. Gleichzeitig verschärfen sich nach der Wahl des sozialistischen Präsidenten Hugo Chavéz 1998 die politischen Spannungen mit Caracas. Chavéz verstaatlichte die Ölproduktion, enteignete später auch US-amerikanische Ölfirmen. In seiner ersten Amtszeit unterband Trump venezolanische Ölimporte mit zwei Sanktionspaketen. Zudem lassen fehlende Investitionen und schlechte Steuerung die venezolanische Produktion schrumpfen, viele Anlagen verfallen.

Trump scheint davon zu träumen, die Handelsbeziehung wiederzubeleben. Davon würden auch die Menschen in Venezuela profitieren, behauptet er. "Dort kommt viel Geld aus dem Boden", versprach er am Wochenende. Medienberichten zufolge ist die US-Ölindustrie deutlich zurückhaltender: "Derzeit ist das Interesse an einem Einstieg in Venezuela ziemlich gering. Wir haben keine Ahnung, wie die Regierung dort aussehen wird", zitiert der US-Sender CNN eine anonyme Quelle. Unklar ist auch, wie viel von den Einnahmen in die Kassen der Öl-Multis wandert und wie viel in Venezuela bleibt.

Quelle: ntv.de

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