Wirtschaft

Ökonomen-Barometer Stärkster Rückgang seit 2008

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Für das Ökonomen-Barometer wurden vom 9. bis zum 17. August über 600 Volkswirte in Banken, Forschungseinrichtungen und Wirtschaftsverbänden befragt.

Die Schulden- und Eurokrise beschäftigt die Märkte seit Monaten. Trotz aller politischer Beruhigungsversuche bleiben die Märkte nervös. Volkswirte sehen in den anhaltenden Problemen eine Gefahr für die Realwirtschaft, wie das Ökonomen-Barometer von n-tv und Euro am Sonntag zeigt.

Deutschlands führende Volkswirte schätzen die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden zwölf Monaten deutlich schlechter ein als noch im Juli. Demnach fällt der Prognosewert des Ökonomen-Barometers vom Nachrichtensender n-tv und der "Euro am Sonntag" im August um fast 19 Prozent auf nur noch 56,8 Punkte - der deutlichste Rückgang seit der Lehman-Pleite im September 2008.

Der Wert für die Einschätzung der aktuellen Lage geht um 9 Prozent auf 67,9 Punkte zurück. Darin spiegeln sich die europäische und die US-Schuldenkrise sowie die allgemeine Verunsicherung an den Märkten wider. Die Ökonomen befürchten nahezu einhellig, dass dies negative Auswirkungen auch auf die Weltkonjunktur haben könnte.

Das BIP und die Sonderfaktoren

Dass die Konjunktur einen Gang zurückschaltet, deutete sich bereits in den Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung im zweiten Quartal an, die das Statistische Bundesamt am Dienstag veröffentlichte. Demnach legte das Bruttoinlandsprodukt von April bis Juni um 0,1 Prozent zu. Volkswirte hatten mit etwa 0,5 Prozent gerechnet.

Die Experten machen dafür allerdings auch Sonderfakto­ren wie niedrigere Stromproduktion als Folge des Atomausstiegs verantwortlich, sodass die meisten für das Gesamtjahr noch ein Wirtschaftswachstum von drei Prozent erwarten.

Risiko des "Erwartungsschocks"

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92 Prozent der befragten Volkswirte rechnen als Folge der Schuldenkrisen in Europa und den USA mit einer Abschwächung der Weltkonjunktur.

Eine eindeutige Antwort geben Deutschlands führende Ökonomen auf die Frage, welche realen Auswirkungen die Schuldenkrisen in Europa und den USA haben. Wie die Umfrage ergab, rechnen 92 Prozent der Teilnehmer als Folge mit einer Abschwächung der Weltkonjunktur; ­lediglich 6 Prozent sehen die ­Realwirtschaft unbeeinflusst.

Für 40 Prozent der Befragten führen die psychologischen Folgen des Vertrauensverlusts zu vermindertem Konsum und/oder ­Investitionen. „Krisen­erwartungen sind immer Gift für die Konjunktur“, sagt Professor Thomas Apolte von der Uni Münster. Für ­Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise besteht gar "das Risiko, dass es zu einem Erwartungsschock bei Unternehmen und Haushalten kommt".

Steigende Zinsen kein Unsicherheitsfaktor

Für rund ein Fünftel der Teilnehmer spielt auch der staatliche Nachfrageausfall eine wichtige Rolle. Dagegen sehen nur 6 Prozent eine Banken- oder Zahlungskrise sowie steigende Zinsen als Unsicherheitsfaktor an. Professor Martin Kocher von der LMU München differenziert nach Regionen: Deutschland sieht er dabei nur leicht betroffen. "Für die Konjunktur in einigen anderen großen Euroländern wie Frankreich, Spanien oder Italien und jene in den USA sehe ich in der nächsten Zeit eher schwarz."

Für den früheren Vorsitzenden des Sachverständigenrats, Juergen B. Donges, "wirkt die Verunsicherung über die Tragbarkeit der Schuldenlast wie eine Steuer auf die wirtschaftliche Aktivität." Laut Professorin Renate Ohr von der Uni Göttingen ist der Weg in den Konjunktureinbruch aber nicht zwangsläufig vorgegeben. "Sogenannte Schuldenkrisen sind prinzipiell nicht so dramatisch oder einzigartig, sodass sie auch ohne Einbruch der Weltwirtschaft lösbar wären." Nötig sei jedoch eine klare und eindeutige Politik.

"Sensible" US-Konjunktur

Dass in den USA die Gefahr eines Rückfalls in die Rezession besteht, glauben 44 Prozent der Befragten. 49 Prozent dagegen rechnen nicht mit einem doppelten Konjunkturknick. Sie begründen dies mit den flexibleren Anpassungsmöglichkeiten der USA, dem Dollar als Weltreservewährung, der eigenständigen Geld- und Fiskalpolitik der Amerikaner ­sowie dem allgemeinen politischen Gewicht der USA. "Amerikanische Unternehmen haben gute Zahlen für das erste und zweite Quartal gemeldet. Nur der Arbeitsmark schwächelt", sagt Professor Volker Caspari, Uni Darmstadt. Vorsichtiger schätzt dagegen Friedrich Heinemann vom ZEW Mannheim die Situation ein: "Die US-Konjunktur reagiert sen­sibel auf Börseneinbrüche. Hinzu kommt, dass aufgrund geringerer US-Bonität nun auch private US-­Investitionen mit höheren Risiko­prämien konfrontiert sind."

Für Professor Horst Löchel von der Frankfurt School sind die USA nach der Finanzkrise bisher nicht wirklich aus der Rezession herausgekommen. Als wirklich gefährlich für die Wirtschaft schätzen zahlreiche Ökonomen die politischen Querelen ein. "Vor allem das Theater um die Erhöhung der Schuldengrenze hat das Augenmerk der Weltöffentlichkeit erst auf das Ausmaß der US-Schulden gelenkt, die Anleger verunsichert und zu einer Herabstufung der US-Bonität geführt, wodurch künftige Anleiheausgaben für die USA teurer werden“, sagt Professorin Xenia Matschke von der Uni Trier.

Debatte um EZB-Anleihenkauf

Der Kauf von Anleihen finanzschwacher Euroländer durch die Europäische Zentralbank (EZB) wird von den Ökonomen ebenfalls kontrovers diskutiert, wobei die positiven Stimmen mit 52 zu 46 Prozent einen leichten Überhang haben. "Das ist im Moment die einzige Option zur Marktberuhigung, die aber vorsichtig eingesetzt werden muss", warnt Professor Stephan Klasen, Göttingen. Dagegen sieht Professor Manfred Neumann von der Universität Bonn darin ein "Signal der Verzweiflung". Es sei "Geldpolitik à la française auf der Suche nach realer Entschuldung durch Inflation".

Professor Hans Jürgen Schlösser von der Uni Siegen wird noch deutlicher: "Tendenziell ist es eine Katastrophe."
Immer wieder kommt der Hinweis, diese Käufe wirkten nur kurzfristig. Professor Klaus Röder, Uni Regensburg, erwartet nach dem Auslaufen der Aktion weiter steigende Renditen für Italien und Spanien.

Professor Karlhans Sauernheimer, Uni Frankfurt, sieht in den Maßnahmen einen klaren Vertragsbruch. "Die ständige Wiederholung beweist nur, dass die Institution zu einem willfährigen Element der Politik verkommen ist."

Quelle: n-tv.de, Wolfgang Ehrensberger

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