Wirtschaft

TSMC dominiert Chipmarkt Taiwans Schutzschild gegen China

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Eine militärische Einnahme Taiwans hätte für China und die Welt katastrophale wirtschaftliche Folgen.

(Foto: imago images/NurPhoto)

China beansprucht Taiwan für sich, aber viele Taiwaner können sich einen friedlichen Zusammenschluss nicht vorstellen. Bleiben nur noch militärische Schritte, aber Taiwan hat ein Ass im Ärmel: Die ganze Welt ist von der taiwanesischen Computerchip-Produktion abhängig.

Die Insel Taiwan ist selbst regiert und demokratisch. Für China stellt sie jedoch eine abtrünnige Region dar - denn die Volksrepublik beharrt auf ihrer "Ein-China-Politik". Nach chinesischem Verständnis gehören die Sonderverwaltungszone Hongkong und der Inselstaat Taiwan daher zur Volksrepublik. Insbesondere die jungen Taiwanesen sehen das jedoch anders - sie betrachten Taiwan als eigenes, unabhängiges Land.

"Die jungen Taiwaner können sich schwer vorstellen, dass sie unter chinesischer Herrschaft leben müssen", erklärt Yen-Chi Lu, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bonn. Vor neun Jahren ist der Politologe von Taiwan nach Deutschland gekommen. Im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" erklärt er, dass insbesondere die jüngere Generation der Taiwanesen eine starke taiwanesische Identität habe. "Man sieht schon einen ganz klaren Unterschied zwischen der jungen Generation und der älteren Generation der Taiwanesen. Die Jüngeren sehen China eher kritisch, weil sie in einer demokratischen Gesellschaft aufgewachsen sind", so Lu.

Eine Unabhängigkeit Taiwans will China jedoch um jeden Preis verhindern. Auch im Rest der Welt erkennen nur 14 Regierungen sowie der Vatikan den Inselstaat als eigenständiges Land an. Zu groß ist die Angst, China zu provozieren. Was passiert, wenn man China kritisiert, zeigt das Beispiel H&M. Die bekannte Modekette hatte auf die chinesischen Menschenrechtsverletzungen gegen die Minderheit der Uiguren aufmerksam gemacht. Als Reaktion darauf hat die Volksrepublik alle H&M-Filialen in China geschlossen.

Taiwaner lehnen Zusammenschluss mit China ab

Privatpersonen wie Yen-Chi Lu bekommen den Druck und Einfluss von China ebenfalls immer wieder zu spüren. "Ich als Politologe kann mich zum Beispiel nicht für einen Job bei der UNO bewerben, weil ich einen taiwanesischen Pass habe. Und der wird nicht anerkannt. Also bekomme ich keinen Zugang zu der UNO und kann auch nichts beitragen", so Yen-Chi Lu.

Abschreckendes Beispiel für viele Taiwaner sind zudem die Vorfälle in Hongkong. Dort hat die Volksrepublik demokratische Proteste brutal niedergeschlagen, Demonstranten ins Gefängnis geworfen und regierungskritische Zeitungen wie den "Apple Daily" dichtgemacht. Taiwan fürchtet die totale Überwachung und Kontrolle aus Peking.

Eine friedliche Vereinigung von China und Taiwan halten Experten wie Maximilian Mayer daher für unwahrscheinlich. "In absehbarer Zeit denke ich nicht, dass es zu einem Zusammenschluss kommen kann. Weil die Interessen, aber auch das Selbstverständnis auf taiwanesischer Seite und auf Seite von Festlandchina weit auseinanderklaffen. In Taiwan haben wir immer stärker die Tendenz, sich selber als unabhängige Einheit zu sehen. Und gleichzeitig gibt es auf dem Festland eigentlich immer mehr wachsende Ungeduld und die Überlegung, eben auch eine Wiedervereinigung, wenn's sein muss, mit Zwang herbeizuführen", erklärt der Junior-Professor für Internationale Beziehungen und globale Technologie-Politik an der Universität Bonn.

TSMC schützt Taiwan vor militärischer Invasion

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Aber wenn es keinen friedlichen Zusammenschluss gibt, hat China nur noch eine andere Möglichkeit: Die Volksrepublik müsste Taiwan militärisch einnehmen. Immer wieder schickt China Jagdflugzeuge, Schiffe und Bomber als Drohung in taiwanesisches Gebiet. Doch eine gewaltsame Einnahme Taiwans hätte katastrophale wirtschaftliche Folgen für die ganze Welt. Denn auf Taiwan sitzt TSMC, das vielleicht wichtigste Unternehmen der Welt. TSMC steht für Taiwan Semiconductor Manufacturing Company - der Konzern stellt Computerchips her und ist der absolute Vorreiter in der Halbleiter-Industrie. Bei einem militärischen Angriff könnten Lagerhallen und Fabriken von TSMC zerstört werden.

"Wenn man sich nur auf Halbleiter bezieht, ist es natürlich so, dass die Fabriken in Taiwan im Moment sozusagen konkurrenzlos sind, was ähnliche Fertigungskapazitäten betrifft. Solche Produktionsanlagen gibt's in China gar nicht", erklärt Maximilian Mayer. Aktuell kommt jeder zweite Halbleiter der Welt aus einem TSMC-Werk. Die Chips werden in den Servern von Amazon, in den Smartphones von Apple oder in Autos eingesetzt - auch in China. Die ganze Welt hängt praktisch von einem einzigen Unternehmen ab. Wie sehr, sieht man jetzt schon: Weil durch die Corona-Krise Halbleiter fehlen, müssen Autohersteller wie VW ihre Fabriken schließen und Zehntausende Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Wer eine neue Playstation kaufen will, muss möglicherweise noch bis nächstes Jahr warten.

"Jeder würde China verantwortlich machen"

Laut Mayer ist ein solcher Computerchip-Mangel mit einer Ölknappheit vergleichbar. "Chips haben sogar einen noch größeren Einfluss, weil inzwischen in mehr Produkten Chips enthalten sind. Und deshalb muss man eben davon ausgehen, dass es sich die chinesische Seite alleine deshalb schon sehr genau überlegen würde, Taiwan anzugreifen. Weil diesen Einfluss, den wird man innerhalb Chinas spüren, aber natürlich weltweit und jeder würde China dafür verantwortlich machen," erklärt der Junior-Professor.

Taiwan hat sich einen Halbleiter-Schutzschild aufgebaut, an dem viele Nationen Interesse haben. Für China ist es deshalb so gut wie unmöglich geworden, Taiwan militärisch einzunehmen. Die Volksrepublik würde sich damit wirtschaftlich selbst schaden und die komplette Weltwirtschaft ins Chaos stürzen. Ein friedlicher Zusammenschluss ist jedoch auch nicht absehbar. Nicht ausgeschlossen, dass China Taiwan schon längst verloren hat.

Quelle: ntv.de

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