Wirtschaft

Aktie zwischen giga und gaga Anleger werfen Tesla aus den Depots

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Die Produktion in Schanghai stockt? Egal, Elon Musk plant bereits die nächste Fabrik, diesmal in Texas.

(Foto: REUTERS)

Der irre Höhenflug bei Tesla ist gestoppt. Bei rund 960 Dollar je Aktie machen Investoren Kasse. Das Papier verliert in einem Rutsch fast 20 Prozent an Wert. Nur ein Bremsmanöver oder steckt mehr dahinter? Tesla-Chef Musk lässt die Frage kalt. Er hat neue Pläne.

Der explosionsartige Kursanstieg bei Tesla hat am Mittwoch einen heftigen Dämpfer erlitten. Nachdem Tesla-Aktien zuletzt um 60 Prozent nach oben geschossen waren, machten die Anleger - kurz vor der magischen Marke von 1000 US-Dollar je Aktie - spontan Kasse. Die Bilanz nach Börsenschluss: Die Titel waren fast 20 Prozent weniger wert. Für manchen kam der Kurssturz schneller als erwartet, überraschend war er aber nicht. Warnungen, der Börsenkurs sei heiß gelaufen, gab es im Vorfeld reichlich.

Tesla Motors (USD)
Tesla Motors (USD) 573,00

In der Spitze war der Elektroautopionier fast 160 Milliarden Dollar wert und damit weit mehr als BMW und Volkswagen zusammen. Ob so eine hohe Bewertung für Tesla gerechtfertigt ist, wurde unter Experten heftig diskutiert. Die Überraschung nach reichlich Verriss im vergangenen Jahr: Nach hohen Anlaufkosten, Produktionsproblemen und einer äußerst angespannten Finanzlage, die schwer am Vertrauen genagt haben, traut der eine oder andere dem Konzern aus dem Silicon Valley nun doch zu, mit batteriegetriebenen Autos Gewinne zu erwirtschaften. Warum der Kurs ausgerechnet jetzt, auf diesem Niveau abstürzt, wirft deshalb Fragen auf. Ist Tesla etwa zum Spielball der Spekulanten geworden?

Dass Shortseller bei dem Hype um Tesla ihre Hand im Spiel haben, halten Marktteilnehmer zumindest nicht für ausgeschlossen. Haben die sogenannten Leerverkäufer, die auf sinkende Kurse wetten, Pech und die Kurse steigen, müssen sie Aktien zu höheren Preisen kaufen, um ihre lediglich geliehenen Papiere zurückzugeben. Solche Wetten treiben Aktienkurse in die Höhe. Andere wiederum halten diesen Automatismus im Fall von Tesla jedoch nicht für allzu wahrscheinlich. Sie verweisen darauf, dass immer genügend Tesla-Aktien am Markt handelbar waren, um die Positionen der Leerverkäufer zu decken. Aber was steckt sonst hinter dem Absturz? Werden wir Zeugen, wie hier gerade eine Blase platzt?

Ein Dämpfer für die China-Strategie

Das Boom-and-Bust-Phänomen ist fester Bestandteil des Börsengeschehens. Bei Tesla hatten Analysten bereits auf Parallelen zum Ende des Bitcoin-Hypes im Dezember 2017 hingewiesen. Damals hatte viele Privatanleger das Kryptofieber gepackt. Als Trittbrettfahrer - gewissermaßen auf den letzten Drücker - waren sie auf den Zug aufgesprungen, um kurzfristig vom Hype zu profitieren. Dieses Phänomen wird gemeinhin "Dienstmädchenhausse" genannt, weil Anleger investieren, die kein längerfristiges Interesse verfolgen. Sie warten nur auf den für sie richtigen Augenblick, Kasse zu machen. Als diese Blase platzte, büßte der Bitcoin im Schnitt 80 Prozent ein. Für die Ur-Kryptowährung war es damals sogar schon die zweite Kursimplosion.

Tesla könnte ebenfalls ein Börsen-Strohfeuer erfasst haben. Dafür sprechen auch die Google-Suchen nach "Tesla Aktienkurs" oder "Tesla share price", die sich seit Anfang des Jahres immerhin vervierfacht haben. Abgesehen von Shortsellern und Last-Minute-Anlegern, die nur den kurzfristigen Profit suchen, könnte der Kursrutsch bei Tesla aber auch - zum Teil - von konkreten Nachrichten getrieben sein.

Sorgen bereitet Anlegern zum Beispiel der mögliche wirtschaftliche Schaden durch das Coronavirus in China. Tesla-Vizepräsident Tao Lin teilte am Mittwoch auf der Social-Media-Plattform Weibo mit, dass sich die Auslieferung von Autos aus dem neuen Werk in Schanghai vorübergehend verzögern werde und das Unternehmen plane, die Produktion erst am 10. Februar wieder aufzunehmen. Die Zwei-Milliarden-Dollar-Fabrik ist ein wichtiger Bestandteil von Teslas Plan, in diesem Jahr mehr als eine halbe Million Autos herzustellen.

Geht die Party weiter oder nicht?

Auch anderen Autokonzernen macht das Coronavirus derzeit einen Strich durch die Rechnung. Die Weltwirtschaft ist eng mit China verbandelt, was insbesondere für die Autoindustrie gilt. Hyundai musste seine Produktion in Südkorea wegen der Epidemie stoppen, weil Teile fehlen, die normalerweise aus China geliefert werden. Derzeit schaut sich der Autobauer nach alternativen Zulieferern um. Analysten rechnen damit, dass umso mehr Unternehmen von ähnlichen Problemen betroffen sein werden, je länger die Epidemie anhält. Auch Teslas Produktion in Kalifornien könnte noch Probleme mit chinesischen Zulieferern bekommen.

Dagegen, dass Schanghai der Auslöser für den Kurssturz war, spricht allerdings, dass der Konzern schon vergangene Woche Verzögerungen von bis zu eineinhalb Wochen für den Anlauf der Model 3-Produktion eingeräumt hatte. Da hatte der Kurs nicht reagiert.

Für den Argus-Research-Analysten Bill Selensky ist die Produktion und Nachfrage nach dem Model 3 trotzdem der entscheidende Faktor bei der "verrückten" Tesla-Rally. "Wenn Verbraucher über den Kauf eines Elektrofahrzeugs nachdenken, denken sie über den Kauf eines Tesla nach - genau das treibt den Markt an", zitiert die "Financial Times" Selensky. Was die Aktie bewege, sei konkret die Nachfrage nach dem Flaggschiff des Konzerns. Kollege Dan Ives von Wedbush Securities hält sogar einen Preis für 1000 Dollar je Aktie für möglich, wenn es dem Unternehmen gelingt, die Nachfrage nach Elektroautos in China zu bedienen. "Die Bullenparty wird sich wahrscheinlich fortgesetzen", lautet seine Prognose.

Rajvindra Gill von Needham sieht das anders. Er empfiehlt, die Titel zu verkaufen. Tesla-Aktien würden im Vergleich zu vielen führenden Tech-Unternehmen mit einem extremen Kurs-Gewinn-Verhältnis gehandelt, zitiert ihn Reuters. Laut dem Finanzmarktdatenanbieter Refinitiv wird der Elektroautoschmiede selbst nach dem Kurssturz vom Mittwoch immer noch mit dem 55-fachen des erwarteten Nettoeinkommens von 2021 gehandelt. Zum Vergleich: Amazon wird mit dem 49-fachen, Apple mit dem 22-fachen und Alphabet mit dem 23-fachen gehandelt.

Umfrage: "Giga Texas?" - "Zur Hölle, ja!"

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"Wir haben noch nie eine Aktie gesehen, die so schnell so stark gestiegen ist, ohne dass die Fundamentaldaten oder der Track Record der Vergangenheit beachtet wird", zitiert Reuters den Needham-Analysten Gill. Auch der Finanzdienstleister Canaccord dämpft die Erwartungen: "Angesichts der Ankündigung, 3000 Model 3 pro Woche produzieren zu wollen, in einem Land, in dem nach wie vor Quarantäne gilt, gehen wir davon aus, dass die Erwartungen im ersten Quartal korrigiert werden", ist Analyst Jed Dorsheimer überzeugt. Sein Kursziel belässt er trotzdem unverändert bei 750 US-Dollar je Aktie.

Tesla-Chef Elon Musk zeigt sich derweil unbeeindruckt. Der Milliardenverlust, den er persönlich durch den Kursrutsch erlitten hat, hat ihm zumindest nicht die Sprache verschlagen. Warum auch. 2013 waren die Papiere noch für schlappe 35 Dollar zu haben. Praktisch zeitgleich mit dem Kursrutsch brachte er auf Twitter eine neue US-Fabrik im US-Bundesstaat Texas ins Spiel. "Giga Texas?", fragte er. Zwei mögliche Antworten waren möglich: "Zur Hölle, ja!" und "Nee".

Das Ergebnis: Von den über 100.000 Nutzern sprachen sich über 80 Prozent für ein neues Werk aus. Tesla betreibt derzeit zwei Fabriken in den USA und eine im chinesischen Schanghai. Vor den Toren Berlins soll ebenfalls ein Werk entstehen. Er wäre nicht Musk, wenn er nicht noch weitere Projekte in der Pipeline hätte. Die eine oder andere Überraschung dürfte auch in Zukunft garantiert sein. Die Rutschpartie an der Börse setzt sich derweil - zumindest kurz nach Börsenstart - fort.

Quelle: ntv.de