Wirtschaft

Europa als Epizentrum Trichet warnt vor Finanzbeben

Der Blick in die Zukunft bereitet EZB-Chef Trichet offenbar große Sorge: Die Situation sei derzeit noch prekärer als beim Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers. Das Zentrum der Krise um ausufernde Staatsschulden bilde die Euro-Zone, betont Trichet. Die Probleme hätten sich aber inzwischen darüber hinaus ausgeweitet.

RTR2RQSV.jpg

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet.

(Foto: REUTERS)

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat ein düsteres Bild der gegenwärtigen Krisengefahren in Europa und darüber hinaus entworfen. Die Risiken für die Stabilität des europäischen Finanzsystems hätten in letzter Zeit drastisch zugenommen, sagte der Präsident der Europäischen Zentralbank am Rande der Jahreskonferenz des Internationalen Währungsfonds in Washington.

Er forderte die politisch Verantwortlichen auf, diesen Gefahren mit raschem Handeln entgegenzutreten. "Wir stehen vor einer globalen Krise der öffentlichen Finanzen, und wir (die Euro-Zone) sind das Epizentrum dieser Krise", sagte Trichet. Die aktuelle Situation sei dabei noch prekärer als beim Zusammenbruch der US-Investmentbank Lehman Brothers im Jahre 2008, der die Weltwirtschaft in einen tiefen Abgrund gestürzt hatte.

An den Märkten sei inzwischen der Glaube verloren gegangen, dass Schlüssel-Länder nicht zahlungsunfähig werden können, sagte Trichet. Belegt werde die Krise durch die Spannungen auf den Anleihemärkten in Europa und die heftigen Schwankungen an den Aktienmärkten rund um den Erdball.

Zugleich warb Trichet um Verständnis für die Entscheidungsprozesse in der europäischen Schuldenkrise. "Wir sind Demokratien", sagte der EZB-Präsident. Die Ratifikation für das Ende Juli beschlossene zweite Hilfspaket für Griechenland und die Ausweitung der Aufgaben des Euro-Rettungsfonds sei in den nationalen Parlamenten im Gange. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte zuvor gesagt, er rechne mit einem Abschluss des Ratifikationsprozesses bis zur zweiten Oktoberwoche. In Deutschland ist die Schlussabstimmung im Bundestag für Donnerstag angesetzt.

Schäuble verlangt Sparkurs

Zur Erholung von der Schuldenkrise braucht Griechenland nach Einschätzung von Schäuble rund zehn Jahre. Die erforderlichen Anpassungsleistungen könnten dem griechischen Volk aber nicht erspart werden, sagte er der "Wirtschaftswoche". Zugleich warnte der Minister vor den Folgen einer Griechenland-Pleite. "Es besteht die reelle Gefahr, dass die Währungsunion auseinanderfallen würde", sagte er. Zudem würde die EU enorm an politischem Vertrauen und weltweiter Handlungsfähigkeit verlieren. Auch dürfe man die potenziellen Auswirkungen für die Banken und die Ansteckungsgefahr unter den Staaten nicht unterschätzen.

Das zuletzt verstärkt ins Visier der Finanzmärkte geratene Italien forderte Schäuble zu einem entschlossenen Sparkurs auf. "Die Verantwortlichen in Italien - und in allen anderen Ländern - müssen wissen, dass es problematisch ist, Maßnahmen oder Verpflichtungen anzukündigen und dann nicht dazu zu stehen. So kann man das Vertrauen der Finanzmärkte verlieren", sagte Schäuble. Italiens Schulden seien aber beherrschbar und relativ schnell in die Regeln des EU-Stabilitätspaktes zurückzuführen. Möglicherweise nehme Italien die Herabstufung seiner Kreditwürdigkeit durch die Ratingagentur Standard & Poor's zum Anlass, die beschlossenen Maßnahmen noch schneller und zügiger umzusetzen. Italien hatte kürzlich ein rund 60 Mrd. Euro schweres Sparpaket beschlossen, war aber wegen des politischen Gezerres auf dem Weg dorthin in die Kritik geraten.   

Lagarde wünscht sich Wachstum

Unterdessen warnte die Generaldirektorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, vor einem Rückfall der Weltwirtschaft in die Rezession. "Ohne schnelles gemeinsames Handeln laufen wir Gefahr, den Kampf um Wachstum zu verlieren", sagte Lagarde. "Über Europa hängen dunkle Wolken, und die Unsicherheit in den USA ist groß." Daher bestehe das Risiko, dass die weltweite Nachfrage zusammenbreche.

Lagarde rief die 187 Mitgliedsstaaten des IWF auf, wirtschaftlichem Wachstum und der Schaffung von Arbeitsplätzen die höchste Priorität einzuräumen. Der Umgang der Politik mit der Krise werde von den Märkten bislang als "ineffizient" wahrgenommen, kritisierte die Französin und erinnerte an die entschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf die Finanzkrise im Jahr 2008: "Wir müsse jetzt handeln und wir müssen gemeinsam handeln".

Die Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer hatte zuvor eine "starke und koordinierte internationale Antwort" auf die Krise versprochen. Bei den Beratungen der Finanzminister und Zentralbankchefs der G-20-Staaten, die im Rahmen der Jahrestagung von IWF und Weltbank derzeit in Washington stattfinden, geht es neben der Lage im Euro-Raum auch um Reformen der Finanzmärkte und des internationalen Währungssystems.

Quelle: n-tv.de, jga/rts/dpa/AFP

Mehr zum Thema